Leben
Wenn die Lust reif wird
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Freude und Erfüllung
Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Migräne – so weit die Klischees zu den Wechseljahren. Christiane Northrup («Frauenkörper – Frauenweisheit») plädiert in ihrem Buch «Lustvoll durch die Wechseljahre» dafür, die Menopause bewusst für positive Veränderungen zu nutzen – körperlich, seelisch und spirituell. Laut Northrup können reifere Frauen ein «Feelgood-Molekül» aktivieren und mehr Freude und Erfüllung erfahren als je zuvor. Die Expertin für Frauenheilkunde gibt praktische Tipps, konkrete Ratschläge für eine erfüllte Sexualität und geht auf Fragen ein, die Frauen in der Menopause beschäftigen.nkLustvoll durch die Wechseljahre. Sexualität, Lebensfreude und Neuorientierung in der zweiten Lebenshälfte. Von Christiane Northrup. Goldmann-Verlag, rund 32 Franken.
Eva David* bezeichnet sich als Frau mit ausgeprägtem Sinn für Erotik, sie hatte immer ordentlich Appetit auf Sex, und mit ihrem Mann ist sie gern ins Bett gegangen. Bislang zumindest. Im Moment ist sie ratlos, was aus ihrem Liebesleben werden soll. Die 51-Jährige ist an einem Punkt angelangt, an dem sie auf das, was sie bis anhin praktiziert hat, keine Lust mehr hat. «Ich sehne mich nach etwas Neuem, aber was genau, weiss ich noch nicht.» Eine vage Vorstellung, die habe sie schon: Sie wünsche sich etwas Entschleunigtes und Entspanntes.
Vielen reiferen Frauen geht es ähnlich, weiss Lea Söhner. Sie bietet sinnliche Massagen an, und in ihren Instituten melden sich regelmässig Frauen zwischen 40 und 50, oft sind sie in den Wechseljahren. Eine Patentlösung bieten ihnen die «Dakini»-Massagen auch nicht. Jedoch etwas, das viele noch gar nie erfahren haben: ungestört und unabhängig von den Anforderungen des Partners zu spüren, was einem guttut. Was einen absolut entspannt, im tiefsten Inneren berührt und eine ganze Bandbreite an Gefühlen auslösen kann: Freude, Melancholie, Sehnsucht, Lust. Obwohl der Intimbereich einbezogen wird, geht es dabei nicht um sexuelle Befriedigung. Die Berührungen seien absichtslos, fokussierten nicht. Für viele sei das Neuland. Für einige der erste Schritt in eine erfülltere Sexualität.
Individuelles Empfinden
Fragt man Sexologinnen oder Sexualtherapeuten, wie es um das Liebesleben reiferer Frauen steht, betonen sie vor allem eines: Jede Frau erlebt diesen mittleren Lebensabschnitt anders, und die Formel «Wechseljahre und Menopause sind gleich Lustflaute» trifft längst nicht auf alle zu.
Sexualität ändert sich
«Natürlich haben Frauen weiterhin das Potenzial zur sexuellen Lust», betont der Berner Paar- und Sexualtherapeut Robert Fischer. Sie sei jedoch beeinflusst von vielen Faktoren: Der Hormonspiegel spielt eine Rolle, wie lebendig sich eine Frau fühlt, ob sie eine positive Einstellung zu sich selbst hat, ob sie die Initiative ergreift. Manche Frauen können mehr Lust zulassen als in jüngeren Jahren – weil sie wissen, dass sie nicht mehr schwanger werden und weil sie selbstsicherer geworden sind. Mehr Selbstsicherheit bedeutet auch: Die Frauen sind sich im Klaren, was sie möchten oder zumindest, was sie nicht oder nicht mehr mögen. «Eine Frau, die gegen die 50 zugeht, könnte sich auf dem Höhepunkt ihrer Sexualität befinden», sagt Beziehungs- und Sexualtherapeutin Daniele Kirchmair vom Shima-Institut in Adligenswil. Wesentlich ist, wie gut eine Frau sich selbst kennt. Ob sie ihren Körper spürt und sich wohl fühlt in ihm. Ob sie ihre Bedürfnisse artikulieren kann. Frauen, die das gelernt haben, werden auch in reiferen Jahren ihre Freude und Erfüllung in der Sexualität finden. Und aus der gelebten Erfahrung heraus zu einem Liebesspiel kommen, das verfeinerter, vielfältiger und vertrauter ist.
Die Bedürfnisse von Frauen werden mit zunehmendem Alter authentischer, ist Lea Söhner überzeugt. Sie hat jene «sexy Weiber» vor Augen, die eine unglaubliche Sinnlichkeit ausstrahlen. Weil sie gelernt haben, sich so anzunehmen, wie sie sind, mit ihren Makeln und Schwächen. Weil sie auf Lebenserfahrung und Lebensweisheit zurückgreifen können. Und weil sie sich holen, was sie brauchen. Reife Frauen eben.
Frausein im neuen Licht
«Reifere Frauen sagen oft, sie hätten besseren Sex als früher», betont auch Robert Fischer. Weil es nicht mehr nur ums Aufladen und Entladen sexueller Erregung geht. So, wie es sich die Männer vorstellen? Auch, sagt Lea Söhner. «In jungen Jahren definieren viele Frauen ihre Sexualität ausschliesslich über den Mann.» Sie betrachten sich im Licht des Männerblicks. Dieses Hochgefühl kosten sie aus – und verwechseln dabei oft das, was Männer an ihnen sexy finden, mit ihrer eigenen Lust. Vielen sei das lange nicht bewusst, denn Spass im Bett hätten sie ja durchaus auch.
Die Erkenntnis kommt meist in einer Lebensphase, in der sich das Äussere verändert, in der Frauen realisieren, dass ihre Weiblichkeit, ihre erotische Ausstrahlung und ihr sexuelles Empfinden nicht abhängen können von Attributen wie jugendlich und knackig. Also von dem, was gemeinhin als attraktiv gilt.
Und plötzlich kommen sie ins Grübeln: Was habe ich da bislang gelebt? Was hat das mit mir zu tun? Einige Frauen verlieren dabei die Lust auf Sex oder zumindest die Lust auf Sex nach Schema F. Das freilich kann zu tief greifenden Veränderungen führen – und zu Krisen in langjährigen Partnerschaften.
Krise in der Partnerschaft
Oft haben sich über die Jahre Gewohnheiten etabliert, und es ist für den Partner schwer nachvollziehbar, wenn seine Frau plötzlich sagt: «Mit Sex ist jetzt erst mal Schluss.»
Was hat Eva Davids Mann dazu gesagt, dass im Bett bis auf weiteres nichts mehr läuft? «Wir haben schon vor langer Zeit entschieden, dass der andere auch anderswo sexuelle Erfahrungen sammeln kann.» Das sei sicher nicht die Regel in Partnerschaften. Aber so könne sie sich in aller Ruhe eine Auszeit nehmen, ohne Stress mit ihrem Mann zu bekommen.
Ganzer Mann gefragt
Was ist anderen Paaren zu raten, die in Sachen Sex nicht weiterkommen? Lea Söhner plädiert für eine nüchterne Analyse – und dafür, mit dem Partner ins Reine zu kommen: Was willst du? Was will ich? Was wollen wir gemeinsam ausprobieren? Welchen Raum braucht jeder für sich, um seine Sexualität weiterentwickeln zu können? Unter Umständen also auch: Welche Freiheiten gestehen wir uns zu?
Fazit: Eine langjährige Beziehung muss nicht in die Brüche gehen – nur weil es mit dem alten Sex nicht mehr klappt. Denn die Chancen stehen gut auf ein gemeinsames Liebesleben, das an Intensität und Tiefe gewinnt. Und sich für beide viel besser anfühlt. Aber: «Frauen, die ganz mit ihrer sexuellen Kraft verbunden sind und daraus schöpfen, brauchen einen Partner, der ihnen gewachsen ist», sagt Lea Söhner. Da sei der ganze Mann gefragt, seine umfassende Präsenz, nicht nur seine genitale Potenz.
*Name von der Redaktion geändert. (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.02.2010, 13:21 Uhr

























































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