Wettrüsten in Legoland

Kampfmaschinen, kriegerische Tierstämme und Schwerter: Neuseeländischen Forschern ist Lego zu martialisch geworden. Aber droht in den Kinderzimmern wirklich die Verrohung?

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1978. Vor der Polizeiwache geht ein Beamter zu seinem Töff. Auf dem gelben Gesicht ein Lächeln. In seiner Hand ein Funkgerät. Eine Waffe braucht er nicht – was soll schon passieren in Legoland? 2016, selber Ort. Die alte Polizeiwache ist einem Neubau gewichen. Das unbekümmerte Lächeln ihrer Vorgänger ist bei den neuen Beamten durch ein zynisches Grinsen ersetzt worden: Dieser Tage rennen sie ständig mit den Handschellen finsteren Bankräubern hinterher.

Zweifelsohne, die Welt von Lego ist finsterer geworden. Zu diesem Schluss kommt auch eine aktuelle Studie aus Neuseeland, welche die wachsende Aggressivität in Legoland moniert. Die Forscher der University of Canterbury in Christchurch haben Lego-Sets auf Waffenbestandteile untersucht. Der Befund: In 30 Prozent der Bausätze finden sich heute Waffen. Massiv mehr als noch vor zwanzig oder dreissig Jahren. Und ein Blick in Kataloge aus den Jahren 1978 bis 2014 zeigte: 40 Prozent der Katalogseiten beinhalten mittlerweile Gewalt oder Drohgebärden.

Im Kampf um die Aufmerksamkeit der Kinder sei Lego in ein regelrechtes Wettrüsten um aufregende Produkte geraten, schreiben die Macher der Studie im Abstract. «Lego ist nicht mehr so unschuldig wie einst.»

Abgestumpfte Kinder ohne Empathie

Konkret sorgen sich die Autoren um die Entwicklung von Kindern, die mit Spielzeugwaffen und Gewaltszenen aufwachsen. Die Befürchtung: Abstumpfung gegenüber Gewalt und verminderte Empathiefähigkeit. Die Diskussion findet nicht zum ersten Mal statt; man kennt sie im Zusammenhang mit Ego-Shooter-Games oder Plastikgewehren. Die Frage ist stets dieselbe: Sind die Ängste von Eltern und Psychologen berechtigt? Für Günther Gugel von der Friedenspädagogik in Tübingen ist klar: «Nein.» Gegenüber einem Elternmagazin sagt er: «Einen direkten Wirkungszusammenhang zwischen dem Spiel mit Spielzeugwaffen und gewaltorientiertem Verhalten kann man nicht nachweisen.»

Experten sind sich zwar einig: Kriegsspiel kann durchaus zu einem Bündel von Ursachen gehören, das in einer bestimmten Lebenssituation Gewalt hervorruft. In der Regel gehören Kriegsspiele jedoch zu einer normalen kindlichen Entwicklung. «Kinder können sehr wohl zwischen Spiel und Realität unterscheiden», so Gugel. Der Diplompsychologe Christian Büttner findet, dass Spielzeugwaffen sogar eine wichtige Funktion erfüllten, indem Kinder einen «ungefährlichen» Umgang mit Aggression lernten. Überdies sei auch das Spiel mit Angst machenden Figuren wichtig: «Wenn Kinder im Spiel den Kampf zwischen Gut und Böse inszenieren, setzen sie sich mit ihren Ängsten auseinander.»

Lizenzprodukte ziehen in den USA

Das war früher bei Lego nicht anders. Mit den Rittern tauchten 1978 die ersten Schwerter, Äxte und Lanzen in Legoland auf. Um die Jahrtausendwende schrieb der dänische Konzern erstmals rote Zahlen: Videospiele und Konsolen schienen klassisches Spielzeug vermehrt zu verdrängen. Der einfache Bauklotz und der pneumatische Bagger allein schienen nicht mehr attraktiv genug. Seither musste der Spielzeughersteller immer wieder über seine Ausrichtung nachdenken.

Also begann Lego, sein Spektrum zu erweitern: Mit Star Wars produzierte die Firma 1999 die erste Produktlinie auf Lizenz. In den Jahren sollten weitere folgen – und mit ihnen mehr Waffen. 2001 führte Lego mit Bionicle martialische Kampffiguren ein, 2013 mit Legends of Chima sich offen bekämpfende Tierstämme.

Die Tendenz ist nicht weiter erstaunlich. Die USA sind in den vergangenen Jahren ein wichtiger Markt geworden. Und dort sind Lizenzreihen wie Star Wars und kämpferische Produktlinien besonders erfolgreich. Immerhin: Zwei Drittel seines Umsatzes macht Lego noch immer mit den Klassikerreihen von Lego City, Creator und Technic. Es gibt also noch genügend Polarexpeditionen, Rettungshelikopter und Bagger. Mit gelbem, freundlich lächelndem Personal, das unbewaffnet ist. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.05.2016, 16:29 Uhr

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