Leben
Zur Psychologie des Hinauslaufens
Von Guido Kalberer. Aktualisiert am 10.10.2009
Artikel zum Thema
Auf den ersten Blick scheint die Sache klar. Wer eine Gesprächsrunde aufgrund einer Aussage eines Teilnehmers verlässt, zeigt Schwäche: Er verliert nicht nur seine Nerven, sondern auch das Gesicht und zieht wie ein geschlagener Hund von dannen – als Verlierer eines Streitgesprächs, das in zivilisierten Gesellschaften die direkte körperliche Auseinandersetzung und Konfrontation ersetzt. Das Publikum, um das es geht, hat wenig Lust, sich mit einem Looser zu identifizieren.
Auf den zweiten Blick ist die Sache komplizierter: Verlässt jemand stolz und gehobenen Hauptes, vielleicht sogar mit Kalkül, eine Talkshow, kann es durchaus sein, dass aus dem Rauslaufen ein Schaulaufen wird: Der Triumphator verlässt die Arena, die ihm zu schmutzig geworden ist. Er hält hehre Werte wie Anstand und Respekt hoch und gibt seiner Überzeugung Ausdruck durch eine überlegene und überlegte Geste. Die Souveränität des Handelns bezaubert das Publikum, das sich hinter der Maske der Medien versteckt und nur darauf wartet, dass sich endlich einmal etwas tut in der medialen Höhle des Löwen. Analog zum bekannten Phänomen des Fremdschämens, das uns die Reality-Soaps tagtäglich lehren, könnte man dieses Verhalten als Fremdreinigung bezeichnen – eine moderne Form von Katharsis.
Abgang der Helden
Diesen heldenhaften Abgang können sich nur wenige leisten: Bedeutende Intellektuelle oder mächtige Konzernchefs, renommierte Schriftsteller oder versierte Branchenkenner, die bereits einen Namen haben, bevor sie in einer solchen Show auftreten oder zu einem solchen Interview erscheinen. Tritt eine für die Medienwelt unwichtige Person ab, hat dies keinen nachteiligen Effekt auf den weiteren Verlauf der Sendung. Spielt die Person jedoch eine tragende Rolle im Gespräch, dann wird die Sache auch für die Medien schwierig. Das Publikum, das man nicht sieht und das dennoch den entscheidenden Part bei solchen Inszenierungen spielt, spürt das nervöse Pochen der Schadenfreude – und geht fröhlich mit.
Schaut man sich die Chronik der abtretenden Personen an, stellt man fest, dass Politiker selten vorkommen, und wenn, dann bloss als fast unumschränkt herrschende Persönlichkeiten, die es sich leisten können. Jemand, der für ein neues Amt ins Rennen steigt, findet sich so gut wie nie. Aus verständlichen Gründen: Die Botschaft eines unkontrollierten Abganges verheisst nichts Gutes für die Zukunft: Da zieht ein Hoffnungsträger aufs Schlachtfeld der Argumente, und schon beim ersten Schlagabtausch – der Regelverstoss ist ein beliebtes Mittel politischer Rhetorik – bekommt er weiche Knie. Was wird er bloss machen, wenn er es mit richtigen Feinden zu tun bekommt?
Nur fürs Showbusiness
Verallgemeinert man die bekannten Fälle frühzeitigen Ausstiegs, so ergibt sich ein eindeutiges Bild: So sehr er sich fürs Showbusiness eignet, so problematisch ist er bei sachbezogenen Debatten. Bei Letzteren geht es auch im symbolischen Sinne ums Stehvermögen. Wenn jeder, dem es beispielsweise langweilig wird, den Abgang suchen würde, wären die Polit-Podien schnell einmal leer.
Doch vielleicht steht hinter einem fluchtartigen Abgang auch der Wunsch, abgehen zu dürfen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.10.2009, 14:42 Uhr
Leben
Grandioses Berg-Erleben.
Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!







