Argumente statt Redeverbot!

Indem man seinen Gegnern einen Maulkorb überstülpt, stoppt man sie nicht, sondern modelliert sie zu Helden der Redefreiheit.

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«Wir machen es uns zunehmend bequem in unserer Blase, so dass wir nur noch Informationen akzeptieren, die zu unserer Meinung passen, anstatt dass wir unsere Meinung auf Tatsachen basieren.» Barack Obama sprach in seiner Abschiedsrede ein gesellschaftliches Phänomen an: Die einzige Wahrheit ist die subjektive Wahrheit, Meinungen von Andersdenkenden sind unwahr und falsch. Auch in der Schweiz folgen immer mehr dieser Ego-Theorie.

Morgen hätte im Zürcher Theaterhaus Gessner­allee die Podiumsdiskussion «Die neue Avantgarde» stattfinden sollen. Themen: Populismus und Autoritarismus. Weil die Veranstalter auch Menschen rechts der Mitte eine Plattform geben wollten, luden sie unter anderen AfD-Vordenker Marc Jongen ein. Eine kaum erträgliche Zumutung für Hunderte von Kulturschaffenden. Sie forderten in einem offenen Brief, «der AfD keine Bühne zu bieten» und riefen zum Boykott auf. Das Theater sagte den Event ab – aus Sicherheitsgründen und «aufgrund der Hitze der ausgelösten Debatte, in der persönliche Beleidigungen und Erpressung leider nicht gescheut wurden».

Jongen, 48, ist Philosoph, er hat Gedankengänge wie diesen: «Ich möchte nicht, dass das Deutsche verschwindet, weil viel kulturell Wertvolles in dieser Sprache geschrieben und gesagt wurde. Im Moment bewegen wir uns geradewegs auf die kulturelle Selbstabschaffung zu.» Oder diesen: «Ich möchte die Demokratie stärken durch mehr Bürgerbeteiligung auf allen politischen Entscheidungsebenen» (NZZ am Sonntag).

Natürlich kann man von Bürgern eines wenig aufgeklärten Landes wie der Schweiz nicht erwarten, dass sie sich eine eigene Meinung machen (Bildungsarmut). Oder zu differenzieren vermögen (kollektive Dummheit). Oder dass sie Informationen überprüfen (Internetzensur). Man darf sich also nicht wundern, wenn die empörten Kulturschaffenden – allesamt im Besitz höherer Bildung, Intelligenz und Internetanschluss – sich gegen die Volksverführung und -Verhetzung durch Andersdenkende einsetzen. Wir sollten ihnen dankbar sein (Ironie: aus).

Die AfD ist eine demokratische Partei. Man kann von ihr halten, was man will. Kann ihre Thesen unsinnig und gefährlich finden. Indem man ihren Exponenten einen Maulkorb überstülpt, ändert man grundsätzlich nichts. Sie werden sich dadurch nicht in Luft auflösen – im Gegenteil, man modelliert sie so zu Helden der Redefreiheit. Sie werden ihre Auftritte eben anderswo durchführen und dort vermutlich – anders als im Zürcher Theaterhaus – nicht auf Gegenargumente stossen. Verbannung schützt niemanden, sie fördert höchstens Gruppierungen im Untergrund.

Befürworter der Event-Annullierung argumentieren mit der deutschen Geschichte, die zeige, was Extremisten zustande bringen. Dass Andersdenkende zwangsläufig Extremisten sind, war mir so gar nicht bewusst. Das hiesse ja, dass sämtliche deutschen Parteien mit teils extremen Ideologien – wie die Linke, die Grünen, die Piratenpartei oder die Bürger in Wut – von Veranstaltungen ausgeschlossen werden müssten.

Ist es nicht gescheiter, mit diesen angeblichen «Extremisten» eine konstruktive Debatte zu führen? Und ist ein Podium nicht genau der richtige Ort, um ihre «fremdenfeindlichen» Denkweisen aufzuzeigen – und argumentativ zu widerlegen?

Aber ja, sich ausschliesslich Schonkost zuzuführen ist einfacher als die Auseinandersetzung mit unliebsamem Gedankengut. So ähnlich hatte das wohl auch Obama gemeint. (Basler Zeitung)

Erstellt: 16.03.2017, 13:15 Uhr

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