Das dänische Glücksrezept

Die zufriedensten Menschen leben in Dänemark. Was ist das Geheimnis ihrer Lebensphilosophie?

Geselligkeit und Genuss: «Hygge» geht auch im Sommer. (iStock)

Geselligkeit und Genuss: «Hygge» geht auch im Sommer. (iStock)

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Deutschland belegt 2016 auf der Rangliste der glücklichsten Länder der Welt nur Platz 16. Der sogenannte World Happiness Report wird jährlich aus weltweiten Umfragen erstellt. Auch in den vergangenen Jahren krebste Deutschland auf – na ja – moderaten Plätzen herum. Erstplatzierter und demnach das glücklichste Land der Welt ist zum wiederholten Mal Dänemark. Wie machen die Dänen das?

Indikatoren für die Zufriedenheit sind laut Happiness Report unter anderem die Grosszügigkeit, die Entscheidungsfreiheit, der soziale Zusammenhalt und die Lebenserwartung der Bürger. In diesem Herbst verraten dänische Autoren endlich selbst die geheime Zutat ihres Glücksrezepts: «Hygge». Das geschieht natürlich nicht ohne Hintergedanken: Die Autoren erhoffen sich einen internationalen Absatz ihrer Bücher. Einer von ihnen ist Meik Wiking, Geschäftsführer des Happiness-Research-Institutes in Kopenhagen. Er versucht, in seinem vergangene Woche erschienenen Buch «The Little Book of Hygge» die dänische Lebensphilosophie zu erklären.

Wie «Hygge» in Dänemarkt gelebt wird

Im Deutschen bedeutet «Hygge» so viel wie «Gemütlichkeit» oder «Geborgenheit». Reiseblogs beschreiben «Hygge» als einen geselligen Abend mit guten Freunden, warmem Kerzenlicht, sanfter Musik, feinem Essen und angenehmen Gesprächen auf einer gemütlichen Couch. Für die Dänen sei «Hygge» der Ausgleich zu einem stressigen Arbeitstag und die Antwort auf die dunklen und eiskalten Winterabende, erklärt der dänische Anthropologe Jeppe Linnet, der seit etwa fünf Jahren zu «Hygge» forscht.

In Dänemark werde «Hygge» aber auch im Sommer gelebt. Draussen in der Natur sein, sich mit der Familie auf eine Picknickdecke im Park lümmeln und die Vögel beobachten oder eine gemütliche, aber ausgedehnte Radtour unternehmen – so vermarkten Tourismusseiten das dänische Lebensgefühl. Egal, ob Sommer oder Winter, immer sollte ein behagliches Gefühl von Vertrautheit, Behaglichkeit, Sicherheit und Wärme entstehen – «Hygge» eben.

Gespräche über Politik sind «unhyggelig»

Als No-go für gute Laune und somit «unhyggelig» gelten dagegen Diskussionen über umstrittene Themen – insbesondere alles, was mit Politik zu tun hat. Auch der Trend, auf gluten-, zucker- und fetthaltiges Essen zu verzichten, widerspricht der dänischen Glücksphilosophie. «Hygge» feiert den Genuss: Es geht darum, alles hinter sich zu lassen und den Moment zu geniessen. Der Anthropologe Linnet ist überzeugt: «Jeder Mensch braucht ‹Hygge›, um für sein Leben wieder Energie und Balance zu gewinnen.»

Durch die Bücher und über soziale Netzwerke (zum Beispiel mit dem Hashtag #hygge) verbreitet sich der dänische Lebensstil inzwischen auch in Grossbritannien und den USA. «Hygge» wird dort als eine Gegenbewegung zur modernen Schnelllebigkeit gefeiert. Der britische «Guardian» kommt zu dem Schluss: «‹Hygge› kann bestenfalls eine Ermunterung sein, das Einfache wieder schätzen zu lernen sowie auf den Konsum teurer Marken zu verzichten und sich stattdessen wieder auf die wichtigen Beziehungen im nahen Umfeld zu konzentrieren.» Schlechtestenfalls jedoch kurble «Hygge» nur den Verkauf von Kerzen und dänischen Designerlampen an.

God morgon :) #falkenbergstrandbad #essgroup #hygge #fire #strandbaden

Ein von Falkenberg Strandbad (@strandbaden) gepostetes Foto am

«Hygge» als Rückzug aus der globalisierten Welt

Linnet sieht die internationale Verbreitung der Lebensphilosophie «Hygge» als eine Gegenreaktion zur globalisierten Welt: «Terrorismus, Cyberkriminalität und Finanzkrisen gefährden unsere Existenz. ‹Hygge› dagegen bedeutet Rückzug ins Private, und das gibt uns Sicherheit und Geborgenheit.» Das macht «Hygge» auch zu einer Bewegung für Menschen, die sich mit Kuchen auf die Couch verkriechen, statt sich mit einer bedrohlichen Realität auseinanderzusetzen.

Für Ausländer, die diese dänische Lebensart verinnerlichen möchten, gibt es inzwischen schon zwei Anlaufstellen: An der School of Life gibt es Zufriedenheitsworkshops, die beispielsweise helfen sollen, mit Stress umzugehen oder einen Job zu finden, mit dem man glücklich wird. Das Morley College bietet sogar explizit im Rahmen eines Dänischkurses an, «Hygge» zu erlernen. Allerdings ist es für Nichtdänen gar nicht so einfach, diese Lebensweise kennen zu lernen, denn Fremde gelten per se als «unhyggelig» und werden in der Regel nicht auf die Couch eingeladen. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 07.09.2016, 17:16 Uhr

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