Der Mensch ist keine Abstraktion

Menschen sind nicht nach Belieben formbar und erfolgreiche Gemeinschaftsbildung beruht auf geteilten Erfahrungen, Überzeugungen und Traditionen.

Wenn Menschen einander nichts mehr zu sagen haben, weil sie sich jenseits des Milieus, in dem sie leben, gar nicht mehr verständlich machen können, ist es mit der offenen Gesellschaft bald vorbei.

Wenn Menschen einander nichts mehr zu sagen haben, weil sie sich jenseits des Milieus, in dem sie leben, gar nicht mehr verständlich machen können, ist es mit der offenen Gesellschaft bald vorbei. Bild: Keystone

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«Die Vorstellung eines autonomen Individuums, wie sie dem Liberalen so am Herzen liegt», schrieb der konservative Denker Armin Mohler, «ist die schlimmste aller Ab- straktionen.» Jeder Mensch stehe in einem Lebenszusammenhang, sei mit Familie, Freunden und Erinnerungen verbunden, die seinem Dasein Kontinuität verleihen. Es gehört zum Kern des konservativen Denkens, sich Menschen in Gruppen und Überlieferungszusammenhängen vorzustellen.

Zwar ist jedermann frei, sich gegen seine Neigungen zu entscheiden und den Zusammenhang zu unterbrechen, in dem das Leben steht. Denn die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, einer Ethnie oder einer Nation ist ein tägliches Plebiszit, ein Willensakt freier Menschen. Konservative aber wissen, dass die meisten Menschen keine Hoheit über die Voraussetzungen haben, unter denen sie Entscheidungen treffen. Wer wohlhabend ist, mehrere Sprachen spricht, jederzeit den Wohnort wechseln kann, muss sich den Konsequenzen der eigenen Entscheidungen nicht aussetzen.

Man ist liberal, weltoffen, risikobereit, weil man den Folgen unangenehmer Entscheidungen jederzeit ausweichen kann. Solche Menschen leben in bürgerlichen Wohnvierteln, wo sie unter ihresgleichen bleiben, sie schicken ihre Kinder auf exzellente Schulen, Kriminalität und soziale Brennpunkte halten sie für eine Erfindung bösartiger Populisten. Wer indessen arm ist und in prekären Verhältnissen lebt, wird Veränderungen, deren Folgen nicht kalkulierbar sind, mit Skepsis begegnen. Niemand verlässt den eigenen Lebenszusammenhang, wenn der Verlust grösser wäre als der Freiheitsgewinn, der mit einer solchen Entscheidung erzielt werden könnte.

Liberale können sich nicht vorstellen, dass Menschen in autoritären Ordnungen Freiheitsspielräume haben, die sie nicht hätten, wenn sie sich auf Entscheidungen verliessen, die ins Offene und Unbestimmte weisen. Die meisten Menschen wollen Sicherheit, Berechenbarkeit und Stabilität. Sie wollen nur solche Veränderungen, die ihre Lebensordnung nicht in Frage stellen. Deshalb beziehen sie sich im Alltagsleben auf die eigene Gruppe, auf Verwandtschaft, Nachbarschaft, Religion oder die ethnische Herkunft. Konservative wissen, das Menschen nicht nach Belieben formbar sind, dass Gemeinschaften auf primordialen Bindungen beruhen, dass erfolgreiche Gemeinschaftsbildung auf geteilten Erfahrungen, Überzeugungen und Traditionen beruht und nur bewahrt werden kann, wenn Menschen sich miteinander über das Leben verständigen können, das sie führen wollen.

Gesellschaft wird nicht gestiftet, sondern erlebt. Wenn Menschen einander nichts mehr zu sagen haben, weil sie sich jenseits des Milieus, in dem sie leben, gar nicht mehr verständlich machen können, ist es mit der offenen Gesellschaft bald vorbei. Der europäische Nationalstaat war nur deshalb ein erfolgreiches Projekt, weil sich seine Bewohner ungeachtet aller sozialen Konflikte auch in Übereinstimmung miteinander wussten, weil gemeinsam Erlebtes und Gefühltes dem Zusammenleben einen Grund gegeben haben. Davon ist wenig geblieben, weil die liberalen Eliten vergessen haben, dass Gesellschaften ihre Konsistenz verlieren, wenn Menschen, die in ihnen leben, nichts mehr miteinander verbindet. Man könnte auch sagen, dass Konservative sich keinen Illusionen über die Grenzen menschlicher Möglichkeiten hingeben. Der Mensch ist keine Abstraktion, sondern ein Produkt seiner Lebenswelt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 13.06.2017, 10:45 Uhr

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