Der Trend zur Sittsamkeit

Hip und muslimisch: Die Mode ändert sich und wir uns mit ihr.

Der Markt für muslimische Mode wächst rasant. Musliminnen geben weltweit über 270 Milliarden US-Dollar pro Jahr für Fashion aus.

Der Markt für muslimische Mode wächst rasant. Musliminnen geben weltweit über 270 Milliarden US-Dollar pro Jahr für Fashion aus. Bild: Reuters

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Die Mode ist ein leichtfertiges Geschöpf, weshalb dies auch ein leicht flatterhafter Artikel über Mode wird. Also: Was Musliminnen anziehen, das gefällt mir oft. Und damit bin ich im Trend. Die Modezeitschrift Vogue (März 2017) registriert eine dauerhafte «Lust an der Verhüllung».

Ich wollte ein bodenlanges Überkleid wie die Abaya zwar nicht unbedingt tragen, aber sie verstrahlt mehr weibliche Würde als das schenkelkurze Girlie-Hängerchen, mit dem sich reife Damen jünger machen wollen, mit dem Ergebnis, dass sie albern wirken.

Im Westen hat man sich seit fünfzig Jahren daran gewöhnt, flächendeckend junge und alte Haut zu zeigen. Und zu sehen. Und dezent wegzugucken. Die selbst auferlegte Blickkontrolle ist eine arge Zwängerei, wenngleich nicht so zwanghaft wie die Religionspolizei in Saudiarabien.

Womit wir beim Thema Religion sind. Wer Zalando kennt, weiss, dass unsere Mode mit Religion nichts mehr zu tun hat. Sondern mit sozialer Herkunft, unsozialem Abgrenzungswillen und persönlicher Kaufkraft. Wer sich in guten Muslim-Shops umtut, der sieht, dass es dort nicht viel anders zugeht. Das Soziale verdrängt das Religiöse. Es lockt das Luxuriöse.

Auf den internationalen Fashion-Weeks von Paris, Mailand, London oder New York ist Muslima-Mode im Kommen. Schon allein wegen der Kaufkraft. Aber auch wegen der Ästhetik. Nur das Kopftuch schafft es nicht. Davon später.

Bereits in den 1960er-Jahren gab es von Yves Saint Laurent einzelne prachtvolle Orient-Kollektionen. Heute ist Orient ein Trend. Überall Pluderhosen, Kaftans, wehende Tücher und Maxiröcke auf den Catwalks. Anders als bei YSL geht es nicht um grösstmögliche Prachtentfaltung. Sondern um Dezenz. Die Schnitte werden weiter, die Stoffe dünner, die Kleider, Westen und Shirtmäntel länger, die Arme bedeckt.

Weibliche Völkerverständigung

Der Markt für muslimische Mode wächst rasant. Musliminnen geben weltweit über 270 Milliarden US-Dollar pro Jahr für Fashion aus («Islamic Economy Report»). Für 2019, so Prognosen, werden 480 Millionen Dollar erwartet. Westliche Designer wollen allmählich mitverdienen. Von Tommy Hilfiger bis Mango und Zara, alle machen neuerdings mit. Sie nehmen nicht nur orientalische Elemente in ihre Entwürfe auf, sondern sie entwickeln spezielle Linien für Musliminnen – mit Kopftüchern (Hijabs) und Körperschleiern (Abayas).

Die US-Modedesignerin Carolina Herrera hat eine Abaya-Collection. DKNY (Donna Karan) brachte 2016 die dritte Ramadan-Collection heraus. Der schwedische Moderiese H&M wirbt in weltweiten Kampagnen mit Kopftuch-Models. Vor der Ladenkasse sind wir alle gleich – Christin, Muslima, Jüdin, Nichtgläubige? Abwarten.

In westlichen Städten sind die Einkaufswelten noch strikt getrennt. Frauen mit Kopftuch sind in den Flagshipstores der Luxus-Industrie zu sehen und in den Läden der Migrantenquartiere. In den Modehäusern der Mittelklasse, wo West-Frauen kaufen, sind Musliminnen selten. Laut Umfrage trauen sie sich nicht, dort aufzufallen.

Als Motor weiblicher Völkerverständigung taugt Mode nur bedingt. Aber die Bewegung wächst. Dazu tragen auch unzählige Modebloggerinnen bei. Für viele West-Bloggerinnen ist Muslim-Mode ein Spiel. Andere finden ihren Stil. Manche ein neues Business-Modell. Einzelne entscheiden sich fürs Kopftuch und finden damit zum Glauben – nein, nicht immer zum Islam, sondern auch zum Christentum (amirahswelt.blogspot.de).

Ursprünglich galt für das Christentum wie für das Judentum und den Islam: Frauen haben in der Öffentlichkeit eine Kopfbedeckung zu tragen. Madonna, die Mutter Gottes, trägt auf Abbildungen einen Schleier und bodenlanges Hüllenkleid – wie die gläubige Muslima auf der Strasse den Dschilbab.

Im Jüdischen Museum Berlin läuft derzeit die Ausstellung «Cherchez la Femme» zum Thema «Perücke, Burka und Ordenstracht». Es ist eine spärliche, spröde Vitrinen-Ausstellung mit Videos. Sie veranschaulicht aber die kulturellen Abstände. Die Burka- und Kopftuch-Debatte kennt jeder. Aber dass viele orthodoxe Jüdinnen nach der Heirat eine Perücke in der Öffentlichkeit tragen, war mir neu.

Für gläubige Muslims ist es wie für gläubige Juden: Das Haar der Frau gilt als zu intim, um es öffentlich zu zeigen. Für Christen dagegen spielt die Bedeckung der Haare kaum noch eine Rolle. Als Ungläubige kann ich nicht wissen, wie quälend die Entscheidung ist: Kopftuch ja oder nein? Tichel ja oder nein? Perücke ja oder nein?

Gleiches gilt für die Bademode. Für die fromme Muslima gilt: Burkini. Für die orthodoxe Jüdin gilt: Ganzkörperanzug. Für die gottgefällige Frau der amerikanisch-anglikanischen Kirche gilt: Ganzkörperanzug. Firmen wie «Sea Secret» produzieren «Modest Swimwear for Girls, Teens & Women». Möglichst alles soll bedeckt sein, Kopf, Rumpf, Arme, Beine, den UV-Schutz gibts inklusive. Ein Blick auf die Homepage lohnt sich (seasecret.biz). Man kommt sich als Bikini-Frau plötzlich ziemlich nackt und blossgestellt vor. Sind Musliminnen und Jüdinnen in der Mehrheit?

Jüdische und muslimische Designerinnen jedenfalls arbeiten oft über religiöse Grenzen hinweg. Denn sie haben gemeinsame Vorgaben: Die Kleidung soll hochgeschlossen, nicht zu eng und nicht durchsichtig sein – und gleichzeitig hip, schick und individuell.

Diese Gratwanderung zwischen religiösen Vorgaben und persönlichen Vorlieben nennt sich «Modest Fashion». Das heisst «sittsame Mode» und klingt prüder als es ist. Im Internet-Magazin Basma, spezialisiert auf «Modest Lifestyle», ist sittsame Mode attraktiv, bisweilen luxuriös. Ein Hingucker: die Istanbuler Modest Fashion Week.

«Züchtige Fashionistas» gibt es auch unter Nichtgläubigen. Wer lange, lässige und schlicht geschnittene Teile mag, ist mit «Modest Fashion» gut bedient. Es ist, als ob die Bedürfnisse von Frauen unterschiedlicher Kulturen aufeinander zuwachsen würden: vom Orient die traditionelle Zurücknahme, vom Westen der individuelle Pep.

Die Mode der Neuzeit ist eine Mischmaschine. Sie ist nicht orthodox. Deshalb scheiden sich die Geister am Kopftuch. Auf den Laufstegen sind muslimische Kopftücher sehr selten zu sehen. Für Westmenschen signalisieren Kopftücher die Zugehörigkeit zum orthodoxen, sunnitischen oder schiitischen Islam. Das stimmt nur bedingt.

Musliminnen tragen Kopftuch aus vielerlei Gründen und auf unterschiedliche Arten (nachzulesen im Begleitheft zur Ausstellung «Cherchez la femme»). Für die einen ist das Kopftuch Zeichen von Gläubigkeit. Für andere ist das Kopftuch, was die It-Bag für westliche Bloggerinnen ist: Krönung ihres Outfits.

Demokratische Frauengruppen haben während der Zeit des Schah-Regimes im Iran einen Schleier als Zeichen des Protestes getragen. Wie Frauen in manchen liberalen jüdischen Gemeinden zum Zeichen ihrer Gleichberechtigung eine Kippa tragen, ein Mützchen, das Männern vorbehalten ist. Wie ich selber in der Volksschule darum kämpfte, als Mädchen lange Hosen tragen zu dürfen. Wie Männer meines Jahrgangs zum Zeichen politischen Protests lange Haare trugen .

Wo bleibt die Bartpflege?

Apropos: Was eigentlich ist mit den Männern los? Wie kleiden sich Muslime, die bei uns leben? Mode und Religion scheinen den orientalischen Herren der Schöpfung oft so gleichgültig zu sein wie unseren West-Männern ein gediegenes Outfit. Ich sehe auf unseren Strassen die Muslima mit Kopftuch und langem Kleid einherschreiten – und ihren Muslim daneben mit kurzen Hosen und Baseball-Cap. Wo bleiben Quamis und Bartpflege, meine Herren? Laut Koran soll die Kleidung eines Mannes einfach und gepflegt sein. Von Turnschuhen, fett wie Breitreifen, war nicht die Rede, auch nicht von schrillen Logos auf T-Shirts. Dabei: Sarouel-Hosen für Männer gibts sogar bei Zalando. Aber so ist es halt: Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt (Schiller).

Fazit: In Sachen Mode müssen die Frauen ran. Wäre ich heute Schülerin, würde ich sämtliche Kolleginnen bitten, im Kopftuch in den Unterricht zu kommen. Dann würden die Kopftücher meiner muslimischen Mitschülerinnen in einem Meer von Kopftüchern verschwinden. So wären wir für einmal alle gleich – nur mal so ins Blaue gedacht, leichtfertig, wie Mode nun mal sein kann. (Basler Zeitung)

Erstellt: 21.06.2017, 06:54 Uhr

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