Die stillen Kinder

Eltern sprechen über ihre tot geborenen oder früh verstorbenen Babys – ein Tabubruch.

«Als ob er schlafen würde.» Familie und Freunde begehen auf dem Bottminger Friedhof Livios Todestag.

«Als ob er schlafen würde.» Familie und Freunde begehen auf dem Bottminger Friedhof Livios Todestag. Bild: Christian Jaeggi

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Drei kleine Gräber heben sich vom Grund ab. Es sind die Kindergräber auf dem Bottminger Friedhof. Das mittlere ist an diesem eisigen Tag im Januar besonders liebevoll geschmückt. Es ist das Grab von Livio. Acht Jahre alt wäre er am Vortag geworden. Doch statt seinen Geburtstag zu feiern, begehen seine Eltern gemeinsam mit Familie und engen Freunden den Todestag. Livio ist ein Sternenkind. So werden während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt verstorbene Kinder genannt. Nur 25 Stunden nachdem Livio zur Welt kam, verliess er diese bereits wieder. Seine Mutter Tanja Müller, eine Heil­pädagogin aus Therwil, erzählt:

Ich war sechs Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin mit unserem ­ersten Kind Livio schwanger, als ich das Gefühl hatte, dass die Kindsbewegungen schwächer werden. Nur zur Sicherheit gingen mein Mann und ich ins Bruderholzspital. Auf dem Ultraschall stellten die Ärzte fest, dass Livio «irgendeinen Stress» habe und ordneten einen sofortigen Kaiserschnitt an. Wir dachten uns nichts Schlimmes, schliesslich waren wir ja in ärztlicher Obhut.

Als Livio geholt wurde, gab er ein kleines Geräusch von sich – für uns beide das Zeichen, dass alles gut war. Doch anstatt unseren Sohn auf meine Brust zu legen, brachten die Ärzte Livio auf die Neonatologie. Er hatte Herz-Kreislauf-Probleme und eine Hirnblutung. Wir standen vor dem Glaskasten, in dem unser Baby an Schläuchen hing. Livio, der aussah wie ein fertiger, gesunder Säugling, lag da zwischen den klitzekleinen Frühchen. Er sah so normal aus. In der folgenden Nacht fanden wir keinen Schlaf. Am Morgen erschien der Arzt. Wir müssten kommen, es sei ernst.

Mir wurde klar, dass es nicht gut ausgehen wird. Unten angekommen, gab es keine Zweifel mehr: Unser Baby würde es nicht schaffen. Livio würde in unseren Armen sterben. Es war mein Mann, der ihn hielt, während die Ärzte einen Schlauch nach dem anderen aus dem kleinen Körper zogen. Ich wollte, dass er, der ihn nicht im Bauch tragen durfte, ihn noch spüren kann. Livio starb 25 Stunden nach seiner Geburt – nachdem er uns aus kleinen Augen angeschaut und meinen Mann angepinkelt hatte. Nach seinem Tod nahmen wir Abschied. Fast vier Tage lang durften wir Livio nach seinem Tod noch bei uns behalten, im Arm halten, küssen, Fotos machen. Wie andere Eltern auch. Für diese Zeit bin ich den Verantwortlichen aus dem Bruderholzspital ewig dankbar. Die Erinnerungen und die Fotos sind unendlich wertvoll. Livio sieht darauf aus, als ob er schlafen würde. Das erste Jahr trug ich ein Bild, das mein Vater noch während der Zeit im Spital ausgedruckt hatte, immer in der Handtasche mit mir herum. Man konnte darauf schon fast nichts mehr erkennen, so abgegriffen war es.

Anderthalb Jahre nach Livios Geburt kam nach einer angstvollen Schwangerschaft unsere Tochter gesund zur Welt. Aber wir haben zwei Kinder. Livio ist unser erstes, ich denke jeden Tag an ihn.

Todesursache oft unbekannt

Dass Livio nicht vergessen wird, ist Tanja Müller wichtig. In ihrer Wohnung stehen Fotos von ihm, Geburts- und Todestag werden jedes Jahr mit den Grosseltern und Livios Götti und Gotte verbracht. Wenn jemand die Heilpädagogin fragt, wie viele Kinder sie habe, antwortet sie: zwei. Auch andere Betroffene kämpfen dafür, dass ihre Sternenkinder im Bewusstsein bleiben. Auf Sozialen Medien verkünden immer mehr Eltern unter Hashtags wie #stillborn oder #stillbirth die Geburt ihrer toten Kinder. Die stille Geburt – auch im deutschsprachigen Raum wird das Entbinden verstorbener Babys sogenannt. Einige der Betroffenen posten dazu Bilder von den Fotoshootings, die immer öfter auch bei Sternenkindern durchgeführt werden. Um zu zeigen: Dieses Kind war da. «Stillborn, but still born», sagt man im englischsprachigen Raum. Es heisst so viel wie «still geboren, aber dennoch geboren». In der Schweiz vermittelt der Verein Herzensbilder von Kerstin Birkeland, selber eine Sternenmutter, Betroffenen Fotografinnen und Fotografen. Nach dem Tod eines Kindes halten diese für die Familien die kurzen Momente mit ihren «Sternchen» fest.

Wie der Verein sind viele andere Angebote in diesem Bereich relativ jung. Zwar kommt in der Schweiz jeden Tag ein Kind tot zur Welt oder stirbt während oder kurz nach der Geburt. Trotzdem handelt es sich nach wie vor um ein Tabuthema. Viele reagieren im Umgang mit Betroffenen hilflos, manchmal unsensibel. «In unserer Gesellschaft herrscht die Ansicht, dass ein beginnendes Leben nicht gleich wieder aufhören darf», sagt Domenica Bühler, die als Hebamme mehrere stille Geburten begleitet hat. Manche Menschen wollen lieber gar nichts davon wissen oder sind überfordert und melden sich einfach nicht mehr bei den Betroffenen. «Das ist sehr verletzend», sagt Bühler. «Auch Sterneneltern wollen von der Geburt und dem Kind erzählen. Wollen mitteilen, wie gross und schwer es war.»

Die Todesursache bleibt in vielen Fällen trotz Autopsie unbekannt. Auch weshalb Livio sterben musste, weiss niemand. «Das kann zusätzlich belasten», sagt Sibil Tschudin, Leitende Ärztin ­Psychosomatik an der Frauenklinik des Universitätsspitals Basel, wo fast jeden Monat ein Baby still zur Welt kommt. Die Frage, ob man etwas falsch gemacht habe, begleite viele Paare noch lange.

Auch die 33-jährige Krankenschwester Barbara Näf und der 31-jährige Tontechniker Roman Huber aus Riehen sind Sterneneltern und wissen bis heute nicht genau, warum. Die beiden haben fünf Kinder. Zwei von ihnen durften sie nie lebend kennenlernen. Jorin kam im Frühling 2011 tot zur Welt, sein Bruder Lias drei Jahre später.

Näf: Es war der Tag, an dem meine Schwester für mich eine Babyparty veranstaltete. Ich war in der 38. Schwangerschaftswoche, die Geburt stand also bevor. Doch ich spürte Jorin im Bauch nicht mehr. Während der Party hatte ich Sorgen, dass etwas nicht stimmen könnte. Am Abend versuchte ich, mit einem Gerät die Herztöne zu hören, doch es gab keine. Als ich im Spital anrief, sagte die Frau am Telefon, jetzt müsse ich auch nicht mehr pressieren.

Huber: Später im Spitallift wollte Barbara, dass ich ihr sage, alles werde gut. «Das kann ich nicht», antwortete ich. Zuerst kam die Hebamme, dann die Assistenzärztin und schliesslich die Oberärztin. Sie bestätigte uns, dass das Baby nicht mehr lebte.

Näf: Ich fuhr mit meinem toten Kind im Bauch heim. Am nächsten Tag sollte die Geburt eingeleitet werden. Unter der Dusche sah ich meinen Bauch an und dachte, das kann nicht sein. Für die Geburt packten wir Babykleider ein, die wir für ihn gekauft hatten und ihm anziehen wollten. Zwei Tage später, nach sechs Stunden Wehen, kam Jorin dann tot auf die Welt. Unsere Familien kamen zu Besuch, und ich wollte unbedingt, dass ihn alle auf den Arm nehmen. Ich wollte, dass er wahrgenommen wird.

Huber: Ich hatte zuerst Hemmungen, Fotos von ihm zu machen. Bis mir bewusst wurde, dass es die einzige Gelegenheit war. Es würde für uns keinen anderen Moment mehr geben mit ihm. Nie wieder. Und so entschied ich, dass es besser sei, Fotos zu haben, die ich vielleicht nie anschauen werde, als keine zu haben, wenn ich es möchte.

Näf: Und wir haben sie uns oft angeschaut. Von beiden Kindern habe ich gleich in der ersten Zeit nach der Geburt kleine Alben gemacht. Das hat mir geholfen. Ansonsten verbrachte ich die Monate nach Jorins Tod zu Hause hinter heruntergelassenen Rollläden. Ich wollte das Haus nicht mehr verlassen.

Huber: Ich bin wieder arbeiten gegangen, das hat mir gutgetan. Schlimm war das fertig eingerichtete Kinderzimmer. Wir hatten alles: Stubenwagen, Bettchen, Wickeltisch, sogar einen Sessel zum Stillen. Ich baute alles wieder auseinander und schloss die Tür.

Näf: Sie blieb zu, bis knapp anderthalb Jahre später unser zweiter Sohn lebend auf die Welt kam. Jetzt konnten wir all die Dinge nutzen. Doch der nächste Schicksalsschlag kam bald. Ich war erneut schwanger mit unserem ­dritten Sohn Lias. Auch ihn spürte ich am Ende der Schwangerschaft nur noch wenig. Im Spital wurde ich beruhigt, ich solle nach Hause und mich entspannen. Dass ich nicht darauf bestanden habe, dass das Kind sofort geholt wird, dafür mache ich mir bis heute Vorwürfe. Denn kaum zu Hause, starb unser ­dritter Sohn Lias in meinem Bauch ebenfalls.

Huber: Das traf uns wie ein Schlag. Während der Taxifahrt in die Frauen­klinik sprachen wir kein Wort. Wieder mussten wir in den Gebärsaal 4. Dort, wo schon unser erstes Kind tot zur Welt gekommen war. Nach der Geburt von Lias drückte mich eine Erschöpfung zu Boden, wie ich sie noch nie erlebt hatte. Ich schaffte es kaum noch ins Zimmer.

Näf: Der tote Lias lag die ganze Nacht auf meiner Brust. Ihn danach abzu­geben, fiel mir dieses Mal noch viel schwerer, weil mir die Endgültigkeit bewusster war. Ich trug ihn noch selber bis zum Kühlraum und gab ihn erst dort vor der Tür aus den Händen. Ich weiss nicht, wie ich diesen Moment überstanden habe, ohne den Verstand zu verlieren.

Egal was, Hauptsache, gesund

Hebamme Domenica Bühler bietet spezielle Rückbildungskurse für Sternenmütter an, in denen es auch darum geht, in der Welt wieder Fuss zu fassen. In der Anfangszeit müsse man schlicht überleben, sagt sie. «Bei einigen macht sich auch eine Todessehnsucht bemerkbar. Nichts macht mehr Sinn, und die Betroffenen wollen nur noch zu ihrem Kind.» Im Kurs findet Körperarbeit statt, um zum eigenen Körper, der einen enttäuscht hat, wieder eine Beziehung zu finden. Und es wird geredet. Darüber, wie man die erste Weihnacht, Sommerferien oder den Todestag des Kindes überstehen kann. Dass es in Spitälern heute möglich ist, dass die Eltern ihr Kind vor dem Abschied begrüssen, sei sehr wichtig für die Verarbeitung.

«Die Eltern sollen das Baby halten und küssen können. Es eventuell baden und es ankleiden», sagt Bühler. Jede Erinnerung, die man vom Kind mitnehmen könne, sei wertvoll – ob im Kopf oder in der Form von Fotos, einem Käppchen oder einem Fussabdruck. Auch die natürliche Geburt, die die Ärzte den Frauen aus gesundheitlichen Gründen nahelegen, gehört dazu. «Es ist ein weiteres Erlebnis mit dem Kind, das man mitnehmen kann», sagt Bühler.

Richtige Trauerarbeit leisten

Die Personalfachfrau Andrea Jeker aus Büsserach hat von ihrer Tochter Amy Lee die Fussabdrückchen, Fotos und die Urne mit ihrer Asche als Erinnerung. Sie hat sie 2011 tot geboren – und ihren Tod selber beschliessen müssen.

Ich war nach einem langen Leidensweg mit künstlichen Befruchtungen endlich schwanger. Im sechsten Monat sah die Spezialistin beim Ultraschall, dass das Kind Blutungen und Deformationen in beiden Hirnhälften hatte. Aufgrund der schweren Behinderungen hatte das Kind so gut wie keine Überlebenschance. Dies zeigte nach weiteren Tests auch eine Untersuchung mittels MRI. Um ihm Leid zu ersparen, rieten die Ärzte dazu, die Schwangerschaft zu beenden. Ich sollte sofort ins Spital, um den Abbruch vorzunehmen. Doch ich konnte noch nicht loslassen. Eben noch hatte ich in meiner Wahrnehmung ein gesundes Kind im Bauch, und nun war es plötzlich sterbenskrank. Ich spürte ja noch die Bewegungen der Kleinen.

Am Folgetag bekam ich Tabletten, um die Schwangerschaft zu beenden und die Geburt einzuleiten. Da hörten die zarten Stubser im Bauch auf. Angst, die Kleine nach der Geburt anzuschauen, hatte ich nie. Ich fühlte wie eine Mutter, und es tat gut, sie in die Arme nehmen zu dürfen. Für mich sah sie wie ein ganz normales Baby aus – obwohl sie ja viel zu klein war und im Gesicht schon dunkelblau. Im Spital haben sie von ihren Füsschen Abdrücke gemacht. Ich und mein Mann haben je einen davon auf unsere eigenen Füsse tätowieren lassen. So ist Amy Lee immer präsent. Die Urne mit ihrer Asche stellen wir an Weihnachten auch heute noch mit ins Wohnzimmer, damit sie irgendwie dabei sein kann.

Nach der Geburt fiel ich in ein Loch. Es war so schwer, schwanger zu werden, und nun das. Während des Mutterschaftsurlaubs rief auch noch mein Arbeitgeber an und teilte mir mit, ich bräuchte nicht mehr zurückzukommen. Ohne Job war ich gezwungen, richtige Trauerarbeit zu leisten, was rückblickend gut für mich war. Erträglich wurde das Leid aber erst mit der Geburt unserer ersten gesunden Tochter. Vier weitere künstliche Befruchtungen mussten wir dafür durchführen lassen. Die beiden folgenden Schwangerschaften sind wie durch ein Wunder natürlich entstanden. Den Glauben daran, dass wir irgendwann eine Familie sein würden, habe ich nie aufgegeben. Heute haben wir drei Töchter auf der Welt und eine im Himmel. Manchmal fragt jemand, ob wir nicht lieber noch einen Sohn gehabt hätten. Dafür fehlt mir das Verständnis. Denn wir wissen, was die Aussage bedeutet: egal was, Hauptsache, gesund.

Andrea Jeker, Barbara Näf, Roman Huber und Tanja Müller wollen das Tabu rund um die stille Geburt brechen. Um zu zeigen, dass sich in der Schweiz fast täglich ein solches Drama abspielt. Und sich niemand für sein Leid schämen sollte. Ihre Geschichten zeigen auch, dass es selbst nach dem Tod des eigenen Babys wieder Glück geben kann. Der Weg dahin war aber für alle lang und unendlich schwer. «Ich hatte Angst, nie wieder lachen zu können» – diesen Satz sagten alle drei Frauen. Als sie es irgendwann dann doch taten, plagten sie Schuldgefühle. Heute können sie wieder unbeschwert lachen. Obwohl das erfahrene Leid immer ein Teil ihres Lebens bleiben wird. Genauso wie ihre Sternenkinder. Im Himmel und im Herzen.

Erstellt: 21.02.2017, 11:52 Uhr

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