Ich, unverbesserlich

Wenn schon Selbstoptimierung, dann bitte gnadenlos.

Mehr als ein Flirt: Die Vorsätze für das neue Jahr. Foto: Keystone

Mehr als ein Flirt: Die Vorsätze für das neue Jahr. Foto: Keystone

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Sich selbst wird man nicht los. Nicht mal, wenn so etwas Grosses wie die Zeit endet – wenn ein Jahr neu beginnt und man dieses als unberührtes Schneefeld verklärt, als eine strahlende Weite voller Möglichkeiten. Trotz Jahreswechsel, trotz der Absicht, fortan besser und gesünder zu leben, trotz dem Eindruck, sich nun zu erneuern: Wer man ist, der bleibt man auch.

Sport ist einem inzwischen vielleicht weniger verhasst, sogar seinen Sinn kann man nachvollziehen. Aber richtig pflegen tut man ihn weiterhin nur als Zuschauer mit einem Bier in der Hand. Man trägt sein Übergewicht in den Januar, in den Februar, in den März. Und auch das Rauchen kehrt zurück: erst noch als Regung, dann allmählich wieder als Gewohnheit, die den Alltag strukturiert.

Es ist ihnen wirklich ernst

Jeder, der Vorsätze fasst, ahnt das. Darum betonen alle, wie ernst es ihnen damit ist. Wirklich!, schieben sie nach. Wer sich vornimmt, seine Laster endlich abzulegen, tut dies aus einem Grund: Ihm gefällt dieser Flirt mit seinem besseren Selbst, ihm schmeichelt der Blick in den gnädigen Spiegel. Das eigene Versprechen kauft man sich dankbar ab: Es braucht ja nur diese zwei, drei kleinen Anpassungen, um zufriedener zu sein, vielleicht sogar glücklicher.

Die Vorsätze streifen dabei immer das Mögliche – niemand will sich mit Unerreichbarem überfordern. Das ist wenig ehrgeizig. Gleichzeitig tut das Scheitern nicht weh, weil man wieder dort ankommt, wo man schon war: So kennt man sich ja. Und macht es sich einfach. Dabei wäre der Jahresbeginn die Gelegenheit, sich herauszufordern: Etwa nicht weniger, sondern mehr zu rauchen und zu trinken – und sich fragen: Wo liegt meine Grenze? Statt zu joggen, sich in eine Idee verrennen und beobachten, wie man da wieder rauskommt, ohne das Gesicht zu verlieren. Oder sein Gesicht verlieren – und eine Ahnung davon bekommen, wie es wirklich ist, nicht mehr sich selbst zu sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2017, 11:06 Uhr

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