Weshalb gemeinsame Ferien oft nicht glücklich machen

Keine Zeit im Jahr ist so aufgeladen wie die Ferien. Paar- und Sexualtherapeutin Birgit Kollmeyer erklärt, wie man zusammen verreist – und zusammenbleibt.

Eng umschlungen am Strand liegen: So stellen sich viele Pärchen die Sommerferien vor.

Eng umschlungen am Strand liegen: So stellen sich viele Pärchen die Sommerferien vor. Bild: Keystone

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Die Erwartungen an die Ferien sind gross, die Gefahr zu scheitern ebenso. Weshalb machen Ferien oft nicht glücklich?
Die hohen Erwartungen stehen uns im Weg. Wir sollten uns stärker an den eigenen Bedürfnissen orientieren und nicht daran, was andere Leute tun. Jeder sollte sich fragen: Was brauche ich, um mich zu erholen? Was will ich erleben? Was tut mir gut? Brauche ich Ruhe, Zeit, um zu schlafen, Bewegung? Will ich etwas Neues sehen?

Was, wenn der Partner ganz andere Vorstellungen hat?
Gelungene Ferien sind nur dann möglich, wenn man für seine Bedürfnisse einsteht und sie nicht verleugnet. Wenn der Partner gleich mit dem Besichtigungsprogramm starten will, muss ich es wagen, ihm zu sagen: Ich brauche erst einmal Ruhe. Gemeinsam gilt es dann zu schauen, wie sich die unterschiedlichen Bedürfnisse unter einen Hut bringen lassen. Eine Möglichkeit wäre, die Ferien aufzuteilen. Jeder startet mit einem kleinen Programm nur für sich. Und erst danach geht es zusammen in die Ferien.

Wie viel Freiraum soll ein Paar sich in den Ferien geben?
Genug. Die meisten Paare hocken in den Ferien zu sehr aufeinander. Sie denken, das müsse so sein, der Partner fühle sich sonst zurückgesetzt. Dabei führt genau dieses Denken zu Unzufriedenheit. Es ist wichtig, seinem Partner zu erklären, was man braucht – und weshalb.

Soll man die Zeit in den Ferien nutzen, um mit dem Partner Konfliktthemen anzusprechen, oder ist das Ausklammern vom Problem die bessere Lösung?
Das hängt vom Schwierigkeitsgrad des Themas ab und davon, wie gut ein Paar miteinander reden kann. In den Ferien hat man mehr Zeit und ist vielleicht entspannter. Das sind Grundvoraussetzungen, um Probleme zu besprechen. Handkehrum gilt: Wenn es ein Thema ist, das ein Paar seit langem immer wieder quält, wird es sich auch in den Ferien schwertun, eine Lösung zu finden. Vielleicht braucht es dann Hilfe von aussen.

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In den Ferien wollen viele Paare ihr Sexleben wieder in Schwung bringen. Einfacher gedacht als getan, oder?
Ja, allein durch den Aufenthalt an einem schönen Ort verfliegt Lustlosigkeit nicht. Wer unzufrieden ist mit seinem Sexleben, sollte der Frage «Was ist für mich guter Sex?» intensiv nachgehen. Und sie nicht einfach mit «macht Spass» beantworten. Sondern sich überlegen, unter welchen Rahmenbedingungen der Sex erfüllend war. Und was damals anders war.

Stress gilt als einer der grössten Beziehungskiller. Dennoch schleppen viele ihren Alltag in die Ferien mit und checken zum Ärger des Partners regelmässig ihre Geschäftsmails. Haben Sie eine Lösung?
Viele Menschen belastet der Gedanke, nach Hause zu kommen und einen ganzen Mailberg abarbeiten zu müssen. Das ist nachvollziehbar. Ein passende Strategie kann deshalb sein, ab und an Mails zu beantworten. Das Risiko dabei ist allerdings, dass man sich wieder in die Arbeit hineingibt und sich Sorgen macht, wenn etwas nicht gut läuft. Ein Kompromiss wäre, sich einen Tag lang um den Mailberg zu kümmern. Aber erst ganz am Ende der Ferien.

Sind Sie alarmiert, wenn ein Paar in den Ferien nicht miteinander spricht und sich über den Tisch hinweg anschweigt?
Das kann ein Alarmzeichen sein, heisst aber nicht, dass die Beziehung nicht mehr zu retten ist. Vielmehr stellt sich die Frage: Weshalb können sie nicht mehr miteinander reden? Sind es Konflikte, die ihnen im Weg stehen? Oder wissen sie einfach nicht mehr, worüber sie reden sollen? Ist Letzteres der Fall, können Unternehmungen helfen. Schöne Erlebnisse stärken das Wirgefühl. Wichtig ist aber, dass der Austausch danach nicht auf der oberflächlichen Ebene bleibt, sondern nachgefragt wird: Wie war das für dich? Nur ein Austausch auf der persönlichen Ebene erzeugt emotionale Nähe.

Für viele Eltern ist das Entspannungslevel begrenzt, das sich in den Ferien erreichen lässt. Dabei soll doch gerade dann die Erinnerung an die Zeiten aufgewärmt werden, als man noch zu zweit war. Wie ist mit diesem Widerspruch umzugehen?
Auch hier geht es um die Erwartungen. Kann man von Familienferien erwarten, dass man an die alten Zeiten zurückerinnert wird? Eher nicht. Es sei denn, es gibt Phasen, in denen die Kinder betreut werden und die Eltern zu zweit etwas unternehmen können.

Wie lässt sich der Übergang zurück in den Alltag so gestalten, dass man sich nicht gleich wieder wegen Lappalien in die Haare gerät?
Alle Übergänge brauchen Zeit. Wir machen zu oft und zu kurz Ferien. Für den Übergang zurück in den Alltag bleibt zu wenig Zeit. Das löst Stress aus, gerade in Familien. Besser ist es, für den Übergang zwei bis drei Tage einzuplanen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2017, 17:54 Uhr

Birgit Kollmeyer ist Psychologin, Paar- und Sexualtherapeutin. Sie ist Dozentin an der Universität Zürich und führt eine Praxis in Bern.

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