Stau, Stress, Sex

Stillstand ist der Tod oder wie Männer reagieren, wenn es auf der Strasse nicht weitergeht.

Schwindel, Atemnot, Brustschmerzen. Männer können mit Stau nicht nur schlecht umgehen, er macht sie regelrecht krank.

Schwindel, Atemnot, Brustschmerzen. Männer können mit Stau nicht nur schlecht umgehen, er macht sie regelrecht krank. Bild: Filmausschnitt mit Louis de Funès

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Das Gesicht ist gerötet. Eine Ader tritt an der Stirn bereits hervor. Der Kollege regt sich fürchterlich auf. Weil es Stau hat am Aeschenplatz. Echt jetzt, das macht dich so wütend?, fragen wir Redaktorinnen verwundert. Ihr versteht das nicht, ihr seid Frauen, kommt die Antwort prompt.

So unrecht hat er gar nicht, der Kollege. Frauen begreifen zwar die Nachteile von Stau. Der Reflex, die Faust zu ballen, hektisch die Spur zu wechseln oder auf dem Pannenstreifen zur nächsten Ausfahrt zu rasen, gehört hingegen zum Mannsein. Eine kurze Umfrage im Bekanntenkreis zeigt: Stau regt Männer so richtig auf. Sie nehmen ihn persönlich. Mein Partner ist da keine Ausnahme. Wenn der Verkehr zu Stosszeiten dichter wird und an Tempo verliert, steigt sein Puls. Die erste Reaktion: sofort runter von der Autobahn. Stillstand ist der Tod, sagt er und setzt den Blinker. Dass es über Land meist länger dauert, ist egal. Solange das Auto nur rollt. Als Beifahrerin bleibt mir nur, mit den Augen zu rollen.

Bereits die Frage nach ihrem Stau-­Verhalten löst bei Männern etwas aus. Da werden unwillkürlich Zornesfalten tiefer, Fäuste geballt und Stimmen lauter. «Nervig, unerträglich, brutal» sind die genannten Adjektive. Schau, sagt einer. Es ist so: Da sitzt du in einem Auto mit kraftvollem Motor. Der Tank ist voll, der Gasfuss parat. Du willst fahren, ein Ziel erreichen. Aber du kannst nicht. Weder vor noch zurück. Der Gasfuss verkrampft sich. Dieser Krampf erreicht den Magen, die Hände und irgendwann das Gehirn. Was ihm denn helfe in dieser Situation, frage ich. Aufs Lenkrad einschlagen, fluchen und jeden Zentimeter fahren, der gefahren werden kann, so die Antwort.

Frigide sind wir also

Mein Bekannter David tickt ebenso. Ohne fluchen ist Stau nicht zu überstehen, findet er. Unflätiges als Ventil. Hueregopferdammi und so. Er wird vom Softie zum Proll, lästert Davids Freundin Sophie. Eine Autofahrt sei nur so lange angenehm, bis es plötzlich nicht mehr vorwärtsgehe. Dann dreht er durch, aber so richtig, sagt sie. Mit Vogel und Finger zeigen.

Sophie verkriecht sich dann im Beifahrersitz und versteckt ihr Gesicht hinter einer grossen Sonnenbrille. Viele Frauen schämen sich für das Stau-Verhalten ihrer Liebsten. Danach gefragt, bricht es aus ihnen heraus. Von etwas peinlich bis zur Fast-Scheidung ist bei den Befragten alles dabei. Die Medaille für das durchgeknallteste männliche Stau-Verhalten geht an Alines Ehemann. Aline musste letztes Jahr auf einer Schweizer Raststätte verhindern, dass er und ein anderer Autofahrer einander mit Abfall bewerfen. Und dies nur, weil der andere im Stau vor uns gedrängelt hat, seufzt sie.

Die Frauen selber wollen sich nicht nur nicht aufregen, sie können es schlicht nicht. Mir fehlt die grundlose Wut im Bauch, sagt eine. Meine Lebenszeit ist begrenzt, da bin ich lieber glücklich, eine andere. Eine Studie aus Deutschland untermauert diese Aussagen: Im Auftrag von TomTom, Hersteller für Navigationssysteme, haben Forscher den Speichel von Autofahrern und -fahrerinnen im Stau auf Stressmarker untersucht. 60 Prozent der getesteten Männer wiesen Stress in ungesundem Ausmass an – mit Symptomen bis hin zu Schwindel, Atemnot und Brustschmerzen. Demgegenüber riskierten nur 8,7 Prozent der Frauen wegen eines Staus ihre Gesundheit.

Auch auf der BaZ-Redaktion gelingt es uns Frauen nicht, den Autokolonnen am Aeschenplatz die angebrachte Wut entgegenzubringen. Obwohl die Männer sich in Rage reden, um uns zu überzeugen. Schliesslich wird uns sogar mangelnde Leidenschaft vorgeworfen. Es ist ein Schluss, den Männer gerne ziehen, wenn bei Frauen in Sachen Verkehr der Enthusiasmus fehlt. Frigide sind wir also. Stau-frigide.

Zen und die Kunst des Staus

Männer bringen nicht nur mehr Leidenschaft für die eigene Wut auf. Sex und Stau sind für sie auch anderweitig verknüpft. Im Buch «Alles über Autos» hat der Auto-Journalist Thomas Pospiech die häufigsten Gedanken von Männern im Stau veröffentlicht. Mit 28 Prozent vertreiben sich die meisten Befragten die Zeit im Stau mit erotischen Fantasien. Erst an zweiter Stelle steht die praktische Frage, ob sich eine alternative Route lohnt. Sechs Prozent erreichen dank der Zwangspause im Auto hingegen einen Zen-ähnlichen Zustand und denken zeitweise an überhaupt nichts.

Ein Gedanke flitzt aber während eines Staus durch fast jedes männliche Gehirn: Wer ist schuld an der Misere? Wütend zu sein, ohne zu wissen, auf wen oder was – das ist nämlich so richtig doof. Der Mann einer Arbeitskollegin weiss sich zu helfen und benennt jeweils kurzerhand selber einen Schuldigen. Oder präziser: eine Schuldige. Garantiert hat irgendeine Frau durch ihren lausigen Fahrstil den Stau verursacht, schimpft er dann. Manchmal kommen die Frauen ungeschoren davon. Dann ist irgendein Rentner mit seinem lausigen Fahrstil schuld. Es ist ein starkes Stück, das wir Frauen uns da leisten. Erst fahren wir so schlecht Auto, dass der Verkehr zum Erliegen kommt. Und dann regen wir uns darüber nicht einmal gebührend auf.

Auch das Gesicht des wütenden Kollegen hat mittlerweile wieder Normalfarbe angenommen. Vielleicht weil die Autos am Aeschenplatz dank neuer Signalisation nun besser vorankommen. Aber die Ruhe währt wohl nur bis zum nächsten Stau. Wenn das Blut wieder in den Kopf schiesst und die Hände sich ums Lenkrad krampfen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 06.02.2017, 21:57 Uhr

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