Von Beate Uhse bis Guantánamo

«Annabelle»-Chefredaktorin Silvia Binggeli präsentiert 12-App-Geschichten, die sie besonders berühren. Drei davon gibts hier als Vorgeschmack.

Das Treffen mit Beate Uhse war eine der bisher beeindruckendsten journalistischen Begegnungen von Silvia Binggeli: Die Unternehmerin vor ihrem Versandhaus im Jahr 1971. Foto: Getty Images

Das Treffen mit Beate Uhse war eine der bisher beeindruckendsten journalistischen Begegnungen von Silvia Binggeli: Die Unternehmerin vor ihrem Versandhaus im Jahr 1971. Foto: Getty Images

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«Meine Besten» – eine Spezialedition der 12-App
Sie lesen gerade einen Artikel aus der 12-App. In der Rubrik «Meine Besten» stellen Gastkuratoren ihre persönlichen Lieblingstexte vor. Heute: «annabelle»-Chefredaktorin Silvia Binggeli. Möchten Sie alle Geschichten lesen? Hier kann die 12-App heruntergeladen werden.

Editorial. Es ist schon ein paar Jahre her, ich war Jungreporterin, unverschämt neugierig und aus irgendeinem Grund auf die Idee gekommen, zu recherchieren, wer eigentlich hinter dem Erotik-Imperium Beate Uhse stand, dem man damals noch an jeder Ecke begegnete. Gab es diese Frau wirklich, wer war sie, entsprach sie den Vorstellungen, die man von ihr aufgrund der grellen Leuchtschriften an ihren Läden hatte? Der Name schien jedenfalls nicht so recht zum Inhalt dieser Shops zu passen. Kurze Zeit später sass ich im Nachtzug Richtung Norden, Ziel Flensburg, Interviewtermin– mit Beate Uhse.

Lässt uns heute teilhaben an persönlichen Erinnerungen: «annabelle»-Chefredaktorin Silvia Binggeli. Foto: Flavio Leone

Es sollte eine meiner nachhaltig beeindruckendsten journalistischen Begegnungen werden: Die Frau, 81, und damit damals fast vier mal so alt wie ich, haute mich um: Mit ihrem nüchternen Tatendrang, ihrem uneingeschränkten Selbstbewusstsein und ihrem klaren, definitiv unerotischen, aber bedingungslosen Blick nach vorne.

Es sollte das letzte Interview von ihr werden. Ich nahm aus der Begegnung mit auf den Weg, dass ich Geschichten erzählen will, die überraschen, Geschichten, die berühren. Es sind auch die Geschichten, die ich immer noch am liebsten lese.


Unterwegs mit Beate Uhse
Beate Uhse-Köstlin war Kunstflug-Pilotin bevor sie den ersten Sexshop der Welt gründete. Das letzte Interview mit der Pionierin vor ihrem Tod. Ein Artikel aus der «annabelle» aus dem Jahr 2000.


Der Journalismus hat sich seit damals stark verändert: Um mich über das Weltgeschehen auf dem Laufenden zu halten, konsumiere ich mittlerweile schon kurz nach dem Aufwachen, noch morgenblind, Pushnachrichten über Apps. Interaktive Infografiken erzählen mittlerweile ebenso viel wie Worte. Bilder, Neuigkeiten verbreiten sich digital längst so schnell, dass einen davon schwindlig werden kann.

Früher war nicht alles besser. Wer Journalismus liebt, bleibt neugierig und offen für Unbekanntes. Das Smartphone, das mir jeden Moment Tür und Tor zur Welt öffnet, treibt mich oft genug in den Wahnsinn. Hergeben würd ichs trotzdem nicht mehr. Je mehr Instant Information ich alledings frei Haus bekomme, desto mehr schätze ich beim Lesen den verschärften Blick für Unerwartetes. Für meine Best-of habe ich Geschichten von Autorinnen und Autoren gewählt, die sich nehmen, was allgemein immer knapper wird: Die Zeit für den zweiten und den dritten Blick, für Analyse und Querdenken.

Wie mein Kollege Ane Hebeisen, der einen fast schon poetischen Nachruf auf ein Thuner Original, den Musikförderer MC Anliker, geschrieben hat. Oder Bruno Ziauddin, der einen bis zum Schmerz ehrlichen Bericht über seine Erfahrungen als Schweizer mit dunkler Haut verfasst hat. Um den Alltag im berüchtigten Gefängnis Guantanamo zu hinterleuchten, ist meine Kollegin Helene Aecherli den amerikanischen Sicherheitsbehörden in Washington so lange auf die Nerven gegangen, bis sie – «was wollen Sie denn als Reporterin einer Frauenzeitschrift dort???» – die Erlaubnis erhielt, vor Ort eine Gerichtszeichnerin zu porträtieren.


Gefangen von Guantanamo
Guantanamo steht für das berüchtigtste Gefängnis der Welt. Gerichtszeichnerin Janet Hamlin gibt der Abrechnung mit 9/11 ein Gesicht. Eine Reportage aus der «annabelle» aus dem Jahr 2014.


Manche Geschichten berühren mich so nachhaltig, dass mir einzelne Sätze daraus noch Jahrzehnte später Hühnerhaut bescheren: «Kani nid schwimme», zitierte Guido Egli den italienischen Einwanderer Rocco Doti, der 2001 bei einem Betriebsausflug auf tragischste Weise in der Aare ertrank, weil er sich nicht getraut hatte, den Kollegen zu sagen, dass er Angst vor dem Wasser hatte.


Rocco ist tot
Rocco und Domenica suchten ihr Glück in der Schweiz. Auf dem Dorffriedhof liegen heute zwei ihrer Kinder – und Rocco, der nie vom Betriebsausflug heimkehrte. Eine Geschichte aus «Das Magazin» aus dem Jahr 2001.


Ich wünsche Ihnen schöne Feiertage, mit viel Zeit zum Lesen von Geschichten. Übrigens: Nach dem Interview mit Beate Uhse habe ich mir damals vor fast zwanzig Jahren zur Belohnung ein paar Sneaker gegönnt. Ich trage sie nur zu besonderen Gelegenheiten und bis heute – sie kommen irgendwie nicht aus der Mode.

Silvia Binggeli, Chefredaktorin bei der «annabelle»

«Meine Besten» – eine Spezialedition der 12-App
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(Annabelle)

Erstellt: 17.04.2017, 12:02 Uhr

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