Warum Kriege enden

Das grösste aktuelle Kriegs- und Terrorrisiko ist die immer grösser werdende Zahl junger, hauptsächlich islamischer Männer.

Bewaffnete Konflikte werden fast nie durch die Einsicht der beteiligten Gegner gestoppt.

Bewaffnete Konflikte werden fast nie durch die Einsicht der beteiligten Gegner gestoppt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor Kurzem wurde Jacob Keidar, israelischer Botschafter in der Schweiz, gefragt, ob er sich das Zustandekommen eines Friedensabkommens zwischen Israel und den Palästinensern vorstellen könne. «Kein Konflikt hat je ewig gedauert», antwortete der Diplomat mit fatalistischem Optimismus. Man werde «irgendwann eine Lö­sung finden­ – den guten Willen vorausgesetzt». Unter der philosophischen Perspektive der Ewigkeit hatte der Mann natürlich recht. Alle irdisch-zeitlichen Dinge, und dazu gehören auch Kriege, gehen einmal zu Ende. Nur Gott oder das Weltall sind unendlich. Aber es ist gut möglich, dass Keidar den Einfluss des «guten Willens» überbewertete.

Es gibt genügend Beispiele von Kriegen, die ungleich blutiger, verheerender und grausamer waren als alle Waffengänge zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn zusammengenommen, von denen jedoch kein einziger durch Einsicht der beteiligten Gegner gestoppt worden war. Nicht moralische Impulse, Wirkkraft der Vernunft oder Wille zum Frieden beendeten das Gemetzel, sondern Ausblutung und Erschöpfung. Einem oder beiden Kontrahenten waren die Kämpfer ausgegangen.

Irgendwann fehlt das Personal

Kriegsdemografen schätzen, dass der Punkt der militärischen Erschöpfung erreicht ist, wenn 30 Prozent der waffentauglichen Population getötet worden ist. Im 27-jährigen Peloponnesischen Krieg verlor das gegen Sparta unterlegene Athen die Hälfte seiner männlichen Bevölkerung und besiegelte damit neben seinem militärischen auch seinen kulturellen Untergang. Der Dreissigjährige Krieg im 17. Jahrhundert wiederum verwüstete grosse Teile Europas nachhaltig und wurde erst am Verhandlungstisch beendet, als wegen Hungersnöten, Seuchen, Massakern nicht mehr genügend soldatischer Nachwuchs am Leben war. Napoleons republikanisch-imperiale Kreuzzüge wurden 1815 bei der Schlacht von Waterloo endgültig ausgebremst. Vor den napoleonischen Kriegen konnte Frankreich auf ein Reservoir von knapp sechs Millionen militärtauglicher Männer zurückgreifen. Nach Waterloo waren es noch vier Millionen. Ein Drittel war gefallen. Für eine erneute Massenmobilisierung hätte das Personal gefehlt.

Westliche Sozialwissenschaftler überschätzen in der Regel die Bedeutung der Rationalität im Handeln der Menschen und übersehen gleichzeitig irrationale, unberechenbare, gar apokalyptische Motive gesellschaftlicher Akteure. Der vierjährige Amerikanische Bürgerkrieg vor rund 150 Jahren forderte geschätzte 800'000 Opfer. Die Truppen der Sklavenhalter-Südstaaten ver­loren im dritten Kriegsjahr zwei entscheidende Schlachten, was jede Hoffnung auf einen künftigen Sieg zunichtemachte. Doch die Südstaatler kämpften nicht nur weiter, sondern opferten in den darauf folgenden Monaten ihres aussichtslosen Kampfes nochmals 200'000 Leben. Das Sterben wurde erst gegen Ende des Bürgerkrieges weniger, als viele der Regimenter nur noch aus einer Handvoll Männern bestanden. Es gab kein Blut mehr, das man vergiessen konnte. Die wirtschaftlichen, kulturellen und mentalen Folgen dieser Katastrophe waren auch hundert Jahre später noch spürbar.

Die nächste Generation Überflüssiger steht bereit

Wenn sich das Verstummen der Waffen nicht weiser Friedensdiplomatie, sondern dem demografischen Mangel an Männern verdankt, dann gilt auch das Umgekehrte. Dies ist auf jeden Fall die These des deutschen Völkermordforschers Gunnar Heinsohn. Das grösste aktuelle Kriegs- und Terrorrisiko seien nicht Hunger oder soziale Ungerechtigkeiten oder Ideologien, sondern die immer grösser werdende Zahl junger, hauptsächlich islamischer Männer aus der arabischen, afrikanischen und asiatischen Welt, für die es in ihrer Heimat keine Chance auf eine angemessene Position gebe. Wer von diesen «überflüssigen Söhnen» nicht auswandere, entscheide sich für ein prekäre, oft kriminelle Existenz oder schliesse sich einer der zahlreichen politisch-religiösen Gruppen an, die sich für eine «gerechte» oder «reine» Gemeinschaft einsetzen und ihren Partisanen die moralische Legitimierung liefern, «Ungläubige» und «Unreine» zu töten – das heisst in Wirklichkeit, Rivalen um die raren Positionen auszuschalten und das Regime zu destabilisieren.

Die Kriege im Nahen Osten werden andauern, die nächste Generation Überflüssiger steht bereit, Anzeichen von Erschöpfung sind kaum auszumachen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 12.05.2017, 09:25 Uhr

Artikel zum Thema

Europa braucht eine starke Identität

Analyse Der Kontinent kann sich nur behaupten, wenn er die Einwanderung begrenzt und Zugewanderte besser integriert. Mehr...

Immer mehr gewaltbereite Islamisten in Deutschland

Der deutsche Verfassungsschutz erhält steigende Zahl an Hinweisen auf mögliche Anschläge. Die Gefährdungslage sei hoch. Mehr...

Selbstmordattentat von britschem Guantánamo-Häftling

Die britische Regierung sorgt für die Freilassung eines britischen Islamisten aus dem US-Gefangenenlager Guantánamo und zahlt eine Millionen-Entschädigung. Dann sprengt er sich in die Luft. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Männchen machen für einen Heiligen: Auf den Hinterbeinen bahnen sich Pferd und Reiter ihren Weg durch die Menschenmenge in Ciutadella auf der spanischen Insel Menorca. Das ist Brauch während des San-Juan-Fests – und wer die Brust des Tieres streicheln kann, soll vom Glück gesegnet werden. (23. Juni 2017)
(Bild: Jaime Reina) Mehr...