Leben

Auf den Wurm gekommen

Von Irène Dietschi. Aktualisiert am 14.07.2010

Kein Witz: Um die Symptome von Heuschnupfen und anderen Allergien zu bekämpfen, infiziert der englische Immunologe David Pritchard Versuchspersonen mit Hakenwürmern. Die Parasiten fahren im Körper die Immunabwehr herunter.

Eine Hakenwurm-Larve: Sie hat etwa die Grösse einer Stecknadel.

Eine Hakenwurm-Larve: Sie hat etwa die Grösse einer Stecknadel.

Heuschnupfen-Studie mit Würmern in der Schweiz

Das Unispital Zürich plant in Zusammenarbeit mit David Pritchard ebenfalls eine Studie mit Hakenwürmern. Die placebo-kontrollierte Studie unter der Leitung von PD Dr. Peter Schmid-Grendelmeier, Leiter der Allergiestation, soll zeigen, ob eine Hakenwurm-Infektion bei Graspollen-Allergikern wirksam ist. Der Start der Studie mit insgesamt 40 Teilnehmern ist auf Frühling 2011 geplant.

Stichworte

Vor ein paar Jahren legte sich David Pritchard einen Verband um seinen Arm, in dem es von stecknadelgrossen Hakenwurm-Larven wimmelte, ähnlich wie Maden auf der Oberfläche von verfaultem Fleisch. Er liess den Verband mehrere Tage auf seinem Arm, damit das sich windende Ungeziefer auch wirklich in sein Körperinneres drang. «Das Jucken, wenn sie die Haut durchbrechen, ist unglaublich», sagt er. «Meine Frau war ein bisschen nervös wegen der ganzen Sache.»

Der Engländer David Pritchard, Professor für Parasiten-Immunologie an der Universität von Nottingham, ist kein Masochist. Seine Selbstinfektion geschah im Interesse der Wissenschaft.

Feldforschung in Papua-Neuguinea

Als Pritchard in den späten 1980er-Jahren für Feldforschung in Papua-Neuguinea unterwegs war, stellte er etwas Interessantes fest: Eingeborene, die mit dem Hakenwurm «Necator americanus» infiziert waren – ein Parasit, der im menschlichen Körer lebt –, litten deutlich weniger an einer ganzen Reihe bestimmter Immunkrankheiten, darunter Heuschnupfen und Asthma. Über die Jahre entwickelte der Forscher eine Theorie, um das Phänomen zu erklären. «Die Immunantwort auf ein Allergen hilft, die Würmer wieder auszustossen», erklärt er. «Wir glauben nun, dass die Würmer einen Weg gefunden haben, das Immunsystem eines Menschen herunterzufahren, um in seinem Körper zu überleben.» Das sei der Grund, weshalb infizierte Menschen weniger allergische Symptome hätten.

Die Haupttriebkraft einer jeden Immunantwort ist eine Zelle namens T-Zelle, erklärt der Professor. «T-Zellen vom Typ der T-Helferzellen 1 bekämpfen Bakterien. Und wenn dieser Teil des Immunsystems überreagiert, bekommt man eine Krankheit wie Morbus Crohn, Psoriasis oder rheumatische Arthritis. Auf der anderen Seite gibt es die T-Helferzellen 2, welche die Wurminfektion bekämpfen; aber wenn diese Seite des Immunsystems überreagiert, bekommt man Allergien. In der Mitte gibt es eine erst kürzlich entdeckte Gruppe von T-Zellen, die wir ‹regulatorische T-Zellen› nennen. Diese halten alles unter Kontrolle. Unser Hypothese lautet nun: Die Würmer lassen den Bestand der regulatorischen T-Zellen so anwachsen, dass der Rest der Immunantwort hinunterreguliert wird.» Anders gesagt: Wenn die Würmer ein ansonsten gesundes Immunsystem abzudämpfen vermögen, kann man sie auch dazu benutzen, um Überreaktionen zu verhindern.

Gesundheitsrisiko oder therapeutisches Potenzial?

In den Tropen allerdings sind Hakenwürmer ein echtes Gesundheitsproblem. Jedes Jahr sterben Tausende von Menschen an den Folgen der Infektion mit den Partasiten, und Hunderttausende leiden an Blutarmut. In manchen Entwicklungsländern sind Hakenwürmer die Hauptursache bei Kindern mit verzögertem Wachstum oder Unterernährung. Ein Kind, das mit 25 Hakenwürmern infiziert wird, kann seinen täglichen Eisenbedarf nicht mehr decken und wird empfänglicher für Krankheiten wie Aids oder Malaria. Deshalb schätzen manche Fachleute das therapeutische Potenzial von Hakenwürmern als viel zu riskant ein.

Dem hält David Pritchard entgegen, dass der Hakenwurm, sofern er in beschränkter Anzahl und nur bei Erwachsenen in einem kontrollierten Setting angewendet wird, kein Problem darstelle. Die Hakenwürmer, die nach ihrer Reise über Herz und Lunge im Dünndarm leben, vermehren sich im Körperinneren nämlich nicht.

Heuschnupfengeplagte wollen den Wurm

Zwei Jahre nach seinem Selbstexperiment erhielt Pritchard von den britischen Gesundheitsbehörden grünes Licht, um eine Sicherheitsstudie mit 30 Teilnehmern durchzuführen, die an Heuschnupfen- bzw. Asthma-Symptomen wie Keuchen und Augentränen litten. 15 von ihnen erhielten je zehn Hakenwürmer. Sechs Wochen später zeigten Untersuchungen, dass die 15 Wurmempfänger weniger Moleküle zu produzieren begannen, die mit einer Entzündungsreaktion zusammenhingen. Diese Probanden litten deutlich weniger unter allergischen Symptomen als die Placebo-Gruppe. Und die Würmer verursachten ihnen offenbar kaum Unannehmlichkeiten. «Viele Studienteilnehmer aus der Placebo-Gruppe baten in der Folge darum, mit Würmern infiziert zu werden», erzählt David Pritchard, «und viele aus der ‹Wurmgruppe› wollten ihre Parasiten behalten.»

Diverse Nachfolgestudien in grösserem Stil konnten zeigen, dass das Verfahren sicher ist. «Jetzt geht es darum, die Wirksamkeit zu beweisen», sagt David Pritchard. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 14.07.2010, 09:06 Uhr


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