Leben
Diäten sind wider den Körper
Ist der Körper wieder schlank, freut sich der Mensch, der meist viel für eine schlanke Taille tut. Doch oft ist der Erfolg nicht von Dauer: Nach zwei Jahren ist rund die Hälfte der Leute wieder bei ihrem Ausgangsgewicht angelangt. Nach sechs Jahren sogar fast alle. (Bild: Keystone)
Zur Person
Der Facharzt für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren führt im deutschen Heidelberg eine Privatpraxis mit den Schwerpunkten Stress- und Ernährungsberatung. Der 46-Jährige schrieb bereits mehrere Bücher und riskiert in seinem neuen lesenswerten Werk «Lizenz zum Essen» (Piper, Fr. 16.90) den Zorn einer mächtigen Industrie, indem er gnadenlos mit den Mythen «Diät» und «gesunde Ernährung» abrechnet, dafür aber neue Denkansätze bringt.
Herr Frank, der April ist meist der Monat, in dem viele eine Diät beginnen, um später in der Badi wieder eine gute Figur zu machen. Sie halten Diäten jedoch für gefährlichen Unsinn.
Man kann zwar durch eine Diät Gewicht verlieren, aber es ist kaum möglich, diesen Abnehmerfolg zu halten. Egal, ob man eine radikale Methode versucht oder langsam abspeckt. Nach zwei Jahren sind 50 Prozent der Leute wieder bei ihrem Ausgangsgewicht angelangt und nach sechs Jahren sind es fast alle. Muss der Körper viele Diäten durchmachen, lernt er dazu. Er lagert zusätzliche Pfunde für diese Notzeiten ein, und somit wird man immer dicker. Ausserdem führen Diäten zu kontrolliertem Essverhalten.
Welche Auswirkungen hat das?
Kontrollierte Esser leiden unter einer schlechteren psychischen Gesundheit als die, die normal essen. Es gibt Untersuchungen zu Jugendlichen, die an mehreren Abspeckprogrammen teilgenommen haben. Sie entwickelten weit häufiger Depressionen als jene, die sich nicht an ihren runden Formen störten.
Was ist mit den vielen prominente Beispielen, die uns vormachen, dass man wieder rank und schlank werden kann, wenn man nur möchte?
Gerade an diesen Beispielen sehen wir den gesunden Kompensationsmechanismus unseres Körpers. Wie viel wiegt denn heute der ehemalige deutsche Aussenminister Joschka Fischer, nachdem er seinen Abnehmerfolg zu Geld gemacht hat? Übrigens: Werden Diäterfolge sehr lange gehalten, sind oft Drogen im Spiel.
Wie bitte?
Kokain zum Beispiel unterdrückt das Hungergefühl und ist daher bei Models sehr beliebt.
Wenn Diäten doch nichts helfen,muss man sich also damit abfinden, rund zu bleiben?
Diäten sind gegen unseren Körper konzipiert, da unser Körperbau und somit das Fett unter der Haut weniger vom Lebensstil abhängen, sondern genetisch bedingt sind.
Aber aus Ihrem Kollegenkreis kennen Sie doch sicher Leute, die entsprechend mollig sind, weil sie gerne reinhauen.
Natürlich gibt es Esssüchtige und richtig fettleibige Menschen, die sehr viel zu sich nehmen und Hilfe brauchen. Doch das sind nicht viele. Wer in der Regel so richtig reinhaut, sind die Schlanken. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Leptosome sind die schlechteren Futterverwerter und können daher ständig ohne Reue knabbern. Nochmals: Der Grundtyp lässt sich nicht auf gesunde Weise verändern. Allenfalls beim Bauchfett, zwischen den Organen, gibt es Chancen abzunehmen.
Wie denn, wenn Diäten doch wirkungslos sind?
Wer sich ständig kasteien muss und dennoch nicht sein Wunschgewicht erreicht, glaubt irgendwann, ein Versager zu sein. Und das verursacht Stress. Da Fettzellen im Bauchraum Stresshormone besonders gut binden können, wächst auf diese Weise das Bauchfett an. Wer sich dagegen mit seinem Körper versöhnt, statt ihn weiter zu bekämpfen, verliert oft Gewicht. Nicht dramatisch, aber doch vielleicht bis zu einer Kleidergrösse.
Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Wie soll das gehen?
Wenn die Leute lernen, dass sie beim Essen kein schlechtes Gewissen mehr zu haben brauchen und sich stattdessen lieber genussvoll ernähren sollen, löst sich auch der Stress. Und damit entwickelt sich auch die Schutzschicht in Form des Bauchfetts wieder zurück. Kurz gesagt. Der Verstand muss sich mit dem Stammhirn versöhnen, dann lässt es auch ein paar Pfunde los, die es für Notzeiten – Diäten – eingelagert hat.
Aber wie gehe ich als dicker Mensch gelassen durch das Leben? Allein die Tatsache, dass ich dem vorherrschenden Schönheitsideal widerspreche, löst doch schon Stress aus.
Ja, wir sollen uns schon fragen, in was für einer Art Gesellschaft wir eigentlich leben. Heute demonstrieren wir für ein freies Tibet und morgen mobben wir Leute, nur weil sie einige Kilos zu viel haben. Aber zurück zur Gewichtsreduktion: Kurzfristige Methoden wie Fettabsaugen bringen nichts. Es wächst an einer anderen Stelle wieder nach, da der Körper sein Fett partout nicht hergeben will. Auf Dauer kann ich nur raten: Wertschätzen Sie Ihren Körper und lassen Sie ihn nicht von anderen mies machen.
Sie räumen mit allen gängigen Schlankmachern auf – selbst mit dem Sport.
Ich habe noch nie erlebt, dass jemand, der ein Bewegungsmuffel ist, durch Sport abgenommen hat. Wer zur Bewegung verdonnert wird, leidet unter Stress und damit wieder eher unter Bauchfett. Wer aber von Natur aus gerne läuft, radelt oder Tennis spielt, für den bedeutet Sport Stressabbau. Das senkt wiederum den Cortisol-, Blutzucker- und Insulinspiegel und entspannt Puls und Blutdruck. Nur in diesem Fall wird das Bauchfett abgebaut.
Eine ganze Industrie lebt vom Glauben an künstliche Süssstoffe und fettarme Lebensmittel. Sieaber warnen davor.
Wer weiss, dass in der Landwirtschaft künstliche Süssstoffe zur Schweinemast eingesetzt werden, wird schon nachdenklich.
Und eine fettarme Ernährung macht auch nicht schlank, sondern verursacht in erster Linie schlechte Laune. Ausserdem: Da sich fettarme Ernährung ohne Geschmacksverstärker nicht verkaufen lässt, werden gehäuft Zusatzstoffe wie Glutamat eingesetzt. Und es ist bewiesen, dass Glutamat über seine Wirkung im Gehirn den Appetit anregt und dadurch vielleicht sogar zu Übergewicht führt. Nicht umsonst sind im Land der fettfreien Produkte, den USA, so viele Menschen sehr dick.
Auch von Obst und Vollkornprodukten halten Sie nicht viel.
Es gibt keine Forschungsergebnisse, die beweisen, dass eine bestimmte Ernährungsform gesünder ist als andere. Vollkornprodukte passen sogar nicht mehr zu unserem heutigen Verdauungsapparat. Unser Dickdarm ist im Laufe der Evolution viel kürzer geworden, und dadurch kann der Darm bei diesen Lebensmitteln für uns unverträgliche Stoffe nicht mehr abbauen. Nicht umsonst hat der Mensch Kochtechniken entwickelt, die nichts anderes sind als raffinierte Prozesse, die den Lebensmitteln giftige Stoffe entziehen. Überhaupt ist der Begriff «gesunde Ernährung» heute doch komplett abgegriffen. Es geht allenfalls um bekömmliche Ernährung. Wenn ich etwas nicht vertrage, dann ist es auch nicht gesund für mich. Wir sollten wieder mehr auf unseren Bauch hören, denn er weiss am besten, was für uns gut ist. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.04.2009, 08:59 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.








