Leben
Chasselas statt Chasseron
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 10.03.2010
Stichworte
Winterwanderung in der Bielerseegegend
Route: La Neuveville - Prêles Funiculaire – Prêles - Lamboing.
Dauer: knapp drei Stunden.
Höhendifferenz: circa 400 aufwärts.
Charakter: Steil aufwärts auf guten Wegen, dann über das Plateau de Diesse.
Höhepunkte: Die Altstadt von La Neuveville. Die karge Hochebene des Plateau. Das rustikale Lamboing.
Einkehr unterwegs: beim Funiculaire von Prêles („La Buvette“, rustikales Lokal, im Winter Mo, Di geschlossen)
Letzten Samstag, frühmorgens: dichtes Schneetreiben, Zürich spielt Alaska. Mein Grüpplein und ich sind mit der Bieler Journalistin und Juraspezialistin Lotti Teuscher und weiteren Bieler Freunden verabredet. Aber eine Schneeschuhwanderung auf den Chasseron macht jetzt keinen Spass.
Der Aufstieg
Die Tour fällt aus. Wir reisen trotzdem nach Biel, aber erst am Mittag, mit einem leichteren Plan. Und es ist ein Zauber im Tag. Das Wetter beruhigt sich überraschend, es hellt auf.
In Biel stösst die Seelandfraktion zu uns, wir sind somit das dritte Mal zusammen unterwegs, dies ist eine eingespielte Kooperation von Ost und West. Es geht weiter nach La Neuveville. In dem Mittelalterstädtchen könnte man Ferien machen: eine enge Altstadt, verwitterte Kalkhäuser, ein offener Bachkanal in der Gasse, dazu die Rebhänge, der Bielersee, der Jolimont.
Unser erstes Ziel ist Prêles 400 Meter über uns. Im Aufstieg durch den Steilhang wird das Panorama noch reicher, wir blicken auf die St. Petersinsel. Das Strässchen verwandelt sich bald in einen breiten Weg. Bei einem Platz im Wald, direkt an einer Felsklippe über La Neuveville, begreifen wir, was es mit den Hexenschildchen allenthalben auf sich hat. Laut einer Infotafel wurden hier einst Hexen verbrannt.
Die Touristiker haben das zum Anlass für einen Themenweg genommen, der freilich eher den modernen Oberflächenkult mit der Hexerei aufnimmt, also mit Harry Potter und Walpurgis flirtet. Geht das - oder ist es geschmacklos? Ich mag es nicht werten. Bloss dies: Fälle wie derjenige der Toré Courtet, die 1605 auf dem Scheiterhaufen endete, zeigen, dass das mit der Hexerei in der Regel verleumderischer Vorwand war. 100 000 Gulden war der Rebberg der Toré Courtet wert, für 400 wurde er nach ihrem Tod versteigert, besagt die Tafel. Da profitierte jemand von einer Frau, die sich nicht wehren konnte.
Ziel ist Magglingen
Neuschnee polstert den mit Geröll übersäten Weg. Endlich erreichen wir das Plateau de Diesse, die Mittellage zwischen See und Jurahöhen. Der Mont Sujet regiert: ein majestätisch langer Hügelberg. In Prêles führt uns Catherine, Mitglied der Wandergruppe und Chefredaktorin des «Bieler Tagblatts», zur Wirtschaft «La Buvette» bei der Bergstation des Funiculaire von Ligerz her. Sie ist ein Prachtsstück in Holz. «Hier kocht die Chefin Elisabeth persönlich», steht auf einem Schild, und auf Französisch: «Ici, la patronne Elisabeth cuisine elle-même.»
Ich kaufe mir als Souvenir eine kleine Flasche «Les Saveurs du Chasseral», ein Gemisch von Enzianwurzel, Fruchtschnaps, Wein. Und wir ziehen weiter. Ziel ist Magglingen. Doch auf der Hochebene bläst uns fast die Bise weg. Und die Sonne, die sich eben erst durch die Wolken gekämpft hat, macht sich bereits wieder ans Untergehen. Wir realisieren, dass das mit Magglingen zu weit ginge, wir kämen dort im Dunkeln an, als Eiszombies.
Wir machen es anders, wir laufen ins Nachbardorf Lamboing. Dort nehmen wir den Bus retour nach Prêles. Schaukeln mit dem Funiculaire durch die Reben vorbei am Hochzeitskirchlein von Ligerz zum See hinab. Und nicht viel später kommt es in Biel zur Krönung des Tages: Bei Catherine zu Hause gibt es ein Fondue und dazu reichlich Chasselas von der Schafiser Winzerfamilie Teutsch.
Der «Gutedel» hat's in sich
Ich war schon einmal bei Teutschs im Rebgut Schlössli bei einem Treberwurstessen. Mit dem Wein kommen die Erinnerungen an jene formidable Schwelgerei zurück. Neu ist mir, dass Chasselas auf Deutsch «Gutedel» heisst, so steht es auf den Flaschen, die wir leeren. Als wir dann spätnachts heim nach Zürich fahren, sind wir matt, satt, wohlig. Und wir verspüren Bedauern für all jene Leute, die vorschnell in ihren Wohnungen vor der Winter-attacke in Deckung gegangen sind.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.03.2010, 15:50 Uhr










