Leben

Ein Wochenende auf dem Mond

Von Monique Rijks. Aktualisiert am 17.03.2010

Oberhalb des Walliser Weilers Les Giettes steht ein ungewöhnliches Hotel. Statt im Zimmer schläft man dort im Hightech-Zelt. Und zwar derart luxuriös, dass selbst Camping-Muffel ihren Spass daran finden.

Weltraumtextilie, Fichtenwand und Kuhfell: Snowpods sind Hightech-Kuppeln mit rustikalem Interieur.

PD

Links

Tipps & Infos

Auskunft: Whitepod Concept SA, Les Cerniers, 1871 Les Giettes, Telefon 024 471 38 38, 350 bis 550 Franken je nach Saison und Wochentag im Winter für zwei Personen ohne Frühstück.

Essen: Chalet des Cerniers; moderne, regionale Küche mit lokalen Produkten. Reservation über Réception Whitepod.

Café Berrat, Choëx, Telefon 024 471 05 30. Ein paar Autominuten von Les Cerniers entfernt kocht der Weltenbummler Jean-Yves André nur das, worauf er Lust hat. Wunderbare Risottos, Hasen an Lagavulin oder Hirsch mit einem Hauch Lebkuchen.

Aktivitäten: Neben dem Whitepod-Dorf stehen zwei kleine Skilifte. Wer anspruchsvollere Pisten sucht, fährt ins Val d’Illiez hinein, bis zum weitläufigen Gebiet «Les Portes-duSoleil». Schneeschuhtouren: Für mehrstündige, abenteuerreiche Touren steht ein erfahrener Tourenleiter zur Verfügung. Kleinere Routen, die rund um das Lager führen, sind gut markiert. Hundeschlittenfahrten: Können an der Réception gebucht werden.

Am Hang oberhalb des Weilers Les Giettes leuchten 15 riesige weisse Halbkugeln auf hölzernen Podesten in die Walliser Winternacht. Die überdimensionierte Lichtgirlande ist weder Kunstinstallation noch Weihnachtsdekoration, sondern ein Hotel. Ein ungewöhnliches Etablissement, in dem man statt im kuscheligen Zimmer in sogenannten Whitepods - einer Art wintertauglichem Nasa-Zelt - übernachtet.

Ganz neu ist die Idee nicht: Vor sechs Jahren startete Alain Bosco, der Urheber des Konzepts und heutiger technischer Berater, einen Pilotversuch in Villars VD. Der ungewohnte Eingriff in die Landschaft - das Ergebnis ähnelt einer Mondstation - rief postwendend die Umweltschützer auf den Plan. Nach nur einem Jahr musste Bosco seine Hightech-Zelte abbrechen und weiterziehen. Er landete in Les Cerniers VS. Im Dorf oberhalb von Monthey zeigte man sich zunächst ebenfalls wenig begeistert: Anwohner legten Einsprachen bei der Gemeinde ein, argumentierten mit der Verschandelung der Landschaft und schimpften über den Eindringling.

Rucksack voller Ideen

Seit dieser Saison gehört das Gezänk der Vergangenheit an. Mit frischem Elan, einem Rucksack voller Ideen und einer kräftigen Finanzspritze - der Unternehmer Patrick Delarive investierte 3,5 Millionen Franken - ist das Eco-Hotel im Dezember 2009 wiedereröffnet worden. Die Pods sind grösser und dank neuester Materialien aus der Weltraumforschung auch besser isoliert.

Als Gast staunt man vor allem über den Komfort, der sich im Innern der Iglus breitmacht. Die Einrichtung ist im Stil «Schöner Wohnen trifft Alpenhütte» gestaltet. Jedes Detail - die Wolldecke mit dem Schweizer Kreuz auf dem Bett, das Kuhfell vor dem Kamin, die Wasserflasche mit Klappverschluss auf dem Nachttisch - ist sorgfältig ausgewählt. Statt auf der Pritsche schläft man im breiten Doppelbett, das mit Schaffellen unterlegt wurde, damit nächtens niemand frieren muss.

Selber heizen gehört dazu

In jedem Iglu gibt es einen Cheminée-Ofen, dessen Feuer die Nacht hindurch von den Gästen selber am Laufen gehalten werden muss. Mein Begleiter blüht auf. In den frühen Abendstunden legt er Holzscheit um Holzscheit nach. Nach dreissig Minuten ist es wohlig warm und nach zwei Stunden so glühend heiss, dass mir nur noch die Flucht in die kühlende Winternacht bleibt.

Anderen Campern scheint es ähnlich zu gehen: Ein paar von ihnen schleichen mit Taschenlampe auf dem Kopf durch das Lager und werfen lange Lichtstrahlen in die Dunkelheit. Die einen zu Fuss, andere laufen auf Schneeschuhen durch den nahen Wald, um sich abzukühlen. Eine Amerikanerin ruft mir beim Vorbeimarschieren euphorisch zu: «Wonderful, wonderful, like in a dream!»

Am nächsten Morgen präsentiert sich die Welt alles andere als traumhaft. Dichter Nebel kriecht um das Zelt. Hotelmanager Raphaël Lamon findet die garstigen Verhältnisse kein Problem: «Ça arrive.» Meistens würde der Nebel nur zwei, drei Tage lang im Tal hängen bleiben. Ein schwacher Trost für jene, die am Abend wieder abreisen müssen.

Wellness bei schlechtem Wetter

Doch es gibt ein Schlechtwetterprogramm: Hundeschlittenfahren, Schneeschuhlaufen oder den Spa. Das Wohlfühlangebot gibt es im Chalet im Zentrum des Camps. Man könnte plantschen, saunieren oder sich massieren lassen. Unsere Lust auf eine Massage mitten in dieser stillen Berglandschaft bleibt bescheiden. Die Option Hundeschlitten wird verschoben - weil die Führerin mit dem Auto in Nebel und Schnee stecken geblieben ist. Wir wählen die letzte Option und schnallen die Schneeschuhe an.

Es stehen diverse, gut markierte Routen zur Verfügung, wir entschliessen uns für eine «Camp-Runde». Ausgangspunkt ist das Chalet De Courten. Im traditionellen Holzbau, der zwischen den Pods herauslugt, sind der gemütliche Frühstücksraum sowie eine Bar untergebracht, die immer geöffnet ist und wo sich die Gäste selber bedienen. Von da aus gehts bergauf zur Alpage de Chindonne. Der Rundweg führt eine gute Stunde durch den verschneiten Wald zur ausrangierten Alphütte hinauf, die mit ihrem Massenlager, den Sälen und dem einfachen Restaurant für Gruppen oder Klassen ein ideales Dach über dem Kopf bietet.

Zwei Stunden später kehren wir mit knurrendem Magen ins Basislager zurück. Statt einer warmen Suppe gibt es nur den Hinweis: Nachtessen im Chalet des Cerniers - eine gute Viertelstunde weiter unten im Tal!

Lieferservice ins Iglu

Hier offenbart sich einer der Nachteile des Konzepts: Jede Mahlzeit will mit einem Marsch hin und zurück verdient sein. Bei einem Preis von 550 Franken pro Pod und Nacht während der Hauptsaison ist das etwas viel verlangt. Zwar wird das Essen gegen Aufpreis ins Iglu geliefert. Wir mussten allerdings über zwei Stunden darauf warten. Nachfragen ist schwierig - die Zelte sind schön und ökologisch tadellos eingerichtet, ein Telefon oder eine Funkanlage fehlen allerdings. Wer kein eigenes Handy hat, ist aufgeschmissen.

Alles in allem überwiegen aber die Vorteile: Im eigenen Whitepod ist man mitten in der Natur, bei schönem Wetter lässt sich die Decke des Zeltes öffnen, um vom Bett aus den Sternenhimmel zu beobachten. Weit und breit ist ausser dem Wind oder dem Gekicher aus dem Nebenzelt kein Mucks zu hören. Und die Umgebung bietet diverse Möglichkeiten, sich zu bewegen, im Winter genauso wie im Sommer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2010, 11:07 Uhr

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