Leben

Ein altväterisches Wellness-Wunderland

Von Alexandra Kedves, Jersey. Aktualisiert am 26.08.2010

Die britische Kanalinsel Jersey ist weit mehr als nur ein Steuerparadies. Hier kommen historisch Interessierte ebenso auf ihre Kosten wie Wassersportler und Reisende mit einem Sinn für deftige Kulinarik.

Auf der Kanalinsel Jersey ist jede Rundfahrt eine Zeitreise: Blick auf das Mount Orgueil Castle.

Auf der Kanalinsel Jersey ist jede Rundfahrt eine Zeitreise: Blick auf das Mount Orgueil Castle.
Bild: Keystone

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Tipps&Infos

Anreise: Ab Zürich gibt es drei- bis viermal die Woche Direktflüge nach Jersey (und Guernsey) mit Blue Islands, Tickets ab ca. 580 Fr. Web: www.blueislands.com

Unterkunft: Atlantic Hotel in St. Brelade, luxuriöses Haus mit formidablem Meerblick, abseits, dafür ruhig gelegen, mit tollem Restaurant, DZ ab 400 Fr.

Attraktionen: Die «War Tunnels», das von den Nazis errichtete unterirdische Hospital, mit einer faszinierenden Ausstellung über die Zeit der deutschen Besetzung.

Ein 6000-jähriges Ganggrab in La Houge Bie
Web: www.jerseyheritage.org > La Houge Bie. Sehenswert ist auch die Kirche aus dem 11. Jahrhundert in St. Brelade

Allgemeine Reiseinformationen

«Crapauds», «Kröten»: So heissen die Einwohner von Jersey im Volksmund derer von Guernsey. Denn Jersey wurde als letzte der Kanalinseln in der Eiszeit vom französischen Festland abgetrennt und hat die Evolution der Kröte noch mitgenommen – die Insel Guernsey aber, die schon früher frei flotierte, nicht. In Jerseys Inselhauptstadt Saint Helier thront denn auch eine fette Kröte auf einem Piedestal: ein prächtiges, pralles, unerschütterliches Tier, das ein klein wenig an die menschlichen Inselbewohner erinnert, die ebenfalls durch nichts aus ihrer freundlichen Ruhe zu bringen sind. Den Eindruck hat man wenigstens, wenn man ein paar Tage auf der britischen Insel mit den meisten Sonnenstunden im Jahr (fast 2000) verbringt und das unerwartet wilde Wetter dem Besuchsprogramm einen Strich durch die Rechnung macht: Der Jerseyaner lächelt und disponiert mal eben komplett um.

So landeten wir statt auf der Nachbarinsel Guernsey in den «War Tunnels» von Jersey: einem begehbaren Dokument der Inselgeschichte. Die klaustrophobische «Hohlgangsanlage 8», die die Nazis 1941 von Zwangsarbeitern bauen liessen, ist die anschaulichste Erklärung für das Trauma, das die Inseln bis heute prägt. In den ellenlangen Tunneln erzählen alte Fotos und Filmausschnitte, getarnte Radios und Prozessakten von der Zeit der Besatzung. Die Deutschen kamen, und Churchill gab die Losung aus: «Let ’em starve. No fighting. They can rot at their leisure» – aber am meisten hungerte das Volk. Vom Maritime Museum bis zum multimedialen Museumsspektakel «The Jersey Experience» steht diese Epoche im Fokus.

Gesellschaft ohne Kriminalität

Überhaupt ist das ganze 116 Quadratkilometer grosse, nervenberuhigende und einen Tick altväterische Wellness-Wunderland Jersey eine Art Living Legend Village. Schon der Royal Square der Hauptstadt legt Zeugnis ab: mit den Einschusslöchern von der letzten Schlacht gegen die Franzosen 1781; und mit dem V im Boden vom Widerstand – das V für «Victory» war während der Nazijahre heimlich hineingemeisselt worden.

Jede Inselrundfahrt ist eine Reise durch die Zeit. Von der engen Hohlgangsanlage geht es in die enge Ganggrabanlage von «La Houge Bie» (Kopf einziehen!): ein grandioses Beispiel jungsteinzeitlicher Baukunst. Dann fuhren wir – auf engen Strassen – vom zinnenbewehrten Mont Orgueil Castle an der Ostküste zum meerumspülten Elizabeth-Castle im Süden und durch französisch benamste Örtchen, wo man links fährt wie in England: Einst war das Archipel im Golfstrom ein Teil des Herzogtums Normandie, liegt es ja nur 20 Kilometer von der französischen Küste entfernt (aber 160 von der britischen). Es wurde erst englischer Kronbesitz, als der normannische Herzog Wilhelm II. im Jahr 1066 den englischen Thron eroberte. Trotzdem hielt sich das «Jersey French» – ein normannischer Dialekt – bis weit ins 20. Jahrhundert. Victor Hugo – von 1852 bis 1855 im Exil auf Jersey und 15 weitere Jahre auf Guernsey – nannte die Inseln daher «Stücke Frankreichs, die ins Meer gefallen und von England aufgesammelt worden sind». Frankreich versuchte immer wieder, diese Stücke zurückzuholen – und hat dabei überall einen Hauch Savoir-vivre dagelassen. Selbst die Queen, das Inseloberhaupt, trägt hier den Titel «Duke of Normandy».

Sie sind buchstäblich ein Völkchen für sich, diese Insulaner: Die Kanalinseln gehören nicht zu Grossbritannien, nicht zu Schengen und nicht zur EU. Jede der Inseln hat ihre eigene Regierung, ihre eigene Währung. Man kann zwar mit englischen Pfund bezahlen, erhält aber oft die schlecht umzutauschenden Jersey Pfund Sterling zurück. Mit einem entschuldigenden Lächeln, versteht sich. Die knapp 91 000 Jerseyaner bilden eine geschlossene Gesellschaft quasi ohne Kriminalität – das erste Graffito auf der Insel vor zwei Jahren schockte alle. Wer sich gestern im Gebüsch erleichtert hat, steht morgen mit Namen und Bussgeldhöhe im Lokalanzeiger. Bis man dazugehört, dauert es. Immobilienkauf etwa geht erst nach zwölf Jahren Wohnsitz und ist teuer. Schliesslich sind die Inseln heute sowohl Steuerparadies als auch florierender Finanzplatz und haben die höchste Anzahl an Porsches pro Kopf auf der Welt.

Als Schweizer ist man auf der Insel der Superreichen für einmal nicht der (einzige) Rosinenpicker. Hinter vorgehaltener Hand sagen die Einheimischen: «Wir müssen weg vom Finanzgeschäft, das hat so keine Zukunft.» Der Tourismus schon. Die Insel mit dem höchsten Tidenhub in Europa ist ein Surfertraum mit weiten Stränden. Die Buchten gehören eh der Sandschaufelfraktion – und die mondkraterartigen Riffe laden bei Ebbe zum «Moonwalking». Segeln, Para-Gliding, Hang-Gliding haben ihren Ort, Wandern und Radfahren sowieso: auf 76 Kilometer Green Lanes (Tempo 24) und 160 Kilometer Radweg. «Öko» wird mittlerweile grossgeschrieben auf Jersey. Die rund 1000 Jersey-Kühe sind quasi heilige Kühe – abgezählt, artgerecht gehalten, in Skulpturen verewigt, mit Exportbeschränkungen belegt. Der Zoo Jersey wiederum ist berühmt für seine frühen Bemühungen, bedrohte Arten zu züchten; auch Gorillas und Orang-Utans im Zürcher Zoo stammen aus Jersey! Im Meer tummeln sich Hunderte verschiedener Fischarten; an Land singen Orchideen, Lavendelbüsche und Palmen das Lied von der Sonne; es wachsen 230 verschiedene Kameliensorten, und auf dem La-Mare-Weingut darf der dortige Wein degustiert werden. Frankreich grüsst.

Fangfrisches und Historisches

Über die Hälfte des Inseleinkommens hängt zwar am Finanzgeschäft, aber der Rest schmeckt hinreissend. Das reicht vom wichtigsten Exportgut, der Jersey Royal – der kommunen Kartoffel, die in Jersey natürlich grösser, dicker und leckerer ist als anderswo –, über Spezialitäten wie Black Butter (ein Aufstrich aus Lakritz und Zimt), Apple Brandy und Cream Fudge bis zum Seafood-Schlaraffenland. Fürs Restaurant Ocean des Luxushotels Atlantic kocht ein Michelin-Sterne-Chef, und was er aus Lachs, Krabbe und Muschel macht, muss man zaubern nennen. Mit Fangfrischem kann man sich übrigens direkt in der alten Markthalle (1833) eindecken. Und natürlich auch mit Kartoffeln. «Work hard, play hard» sei die Inseldevise, meinen die Crapauds. Ergänze: «Eat hard»! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.08.2010, 10:19 Uhr

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