Eine Villa für die Alpinisten

Umbauten und Renovationen von SAC-Hütten sind Millionenprojekte. Für die zuständigen Sektionen ist das nur mühsam zu stemmen, Spenden und Legate sind daher äusserst willkommen.

Idyllischer, gut ausgebauter Ausgangspunkt für den Aufstieg zum Alphubel: Die Täschhütte auf 2701 m ü. M. Foto: Thomas Senf (Visual Impact)

Idyllischer, gut ausgebauter Ausgangspunkt für den Aufstieg zum Alphubel: Die Täschhütte auf 2701 m ü. M. Foto: Thomas Senf (Visual Impact)

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Nie mehr woanders aufwachen. Der erste Blick durchs Fenster im Schlafraum der Täschhütte geht auf die Spitze des Schälihorns (3975 Meter). Und man muss sich unterm flauschigen Duvet nur ein bisschen nach links beugen, schon zeigt sich in der Morgensonne auch das prächtige Weisshorn (4506 Meter).

Die Täschhütte im Wallis ist eine der zahl­reichen Hütten des Schweizerischen Alpenclubs (SAC), die in den vergangenen Jahren umgebaut wurden. Nach klaren architektonischen Richtlinien mit heimischem Holz und schlichten, schönen Linien. Abwasserentsorgung und Energiegewinnung sind auf vorbildlich nachhaltigem Stand. Kostenpunkt für die neue Täschhütte: 2,8 Millionen Franken.

Bei 25 der insgesamt 152 SAC-Hütten sieht Bruno Lüthi noch dringenden Handlungsbedarf bezüglich Umbau und Renovation. Lüthi ist Leiter Marketing/Kommunikation Hütten beim SAC. Der Schweizer Dachverband steuert bei Bauvorhaben zwischen 20 und maximal 27 Prozent bei, bei Unterhaltsprojekten sind es 30 Prozent, maximal aber 75'000 Franken. «Die grösste Last», sagt Lüthi, «liegt jedoch bei den einzelnen Sektionen.» Ihnen gehören die Hütten, sie sind für Bau, Unterhalt und Bewartung zuständig. Nicht alle seien einverstanden mit dem neuen Standard, der verlangt werde, sagt Lüthi, «die meisten allerdings schon».

Beitrag müsste höher sein

Der Umbau der Tracuithütte oberhalb von Zinal etwa hat 5,5 Millionen Franken gekostet. Das ist zwar der Höchstwert und zum grossen Teil der Höhenlage (3256 Meter) geschuldet, aber Investi­tionskosten von 3 Millionen Franken sind nicht die Ausnahme. Wie können vergleichsweise kleine, ehrenamtlich geführte Sektionen so etwas stemmen?

Ueli Hintermeister ist Präsident der Sektion Uto in Zürich, mit 8000 Mit­gliedern die grösste des Landes. Aber Uto ist auch für sieben Hütten zuständig, vier davon – wie die Täschhütte – wurden in den vergangenen Jahren renoviert, bei zweien (Albert-Heim-Hütte, Spannort­hütte) besteht Bedarf. Hintermeister hat eine schlichte Rechnung aufgestellt: Um sämtliche Kosten für die sieben Hütten zu tragen, müsste die Sektion Uto jährlich 200'000 bis 300'000 Franken beiseitelegen. Das heisst, der Jahresbeitrag würde im maximalen Fall von 130 Franken (Einzelperson ab 23 Jahre) auf 167.50 Franken steigen. «Aber dann hätten wir wohl weniger Mitglieder», sagt Hintermeister. Und der Betrag pro Kopf wäre noch höher.

Das Geschenk vom Zürichberg

Die wunschgemässe Betreuung der Hütten geht also für alle Sektionen nur über Spenden oder Legate. Und da hatte die Sektion Uto «richtig Glück», wie ­Hintermeister meint, denn eine ältere Dame, die nicht einmal Mitglied war, vermachte der Organisation ihre Villa am Zürichberg. Der Verkauf soll demnächst abgewickelt werden, der Preis ist offen, aber es ist ein Millionenbetrag. ­Ein «grosser Kübel kaltes Wasser auf ­einen heissen Stein» wurde dieses Geschenk in einem Brief an die Sektionsmitglieder genannt. Die freuten sich, fanden zu grossen Teilen aber gleich­zeitig, dass man nun für eine gewisse Zeit nicht mehr mit Bettel­aktionen behelligt werden möchte: «Die Diskussionen verliefen kontrovers», sagt Hintermeister, eine zuvor ins Leben gerufene Fundraising-Aktion ­namens Enzianclub wurde daraufhin eingestellt.

André und Gela Lerjen, beide erwartungsgemäss mit gesündester Gesichtsfarbe, sitzen in der Küche der Täschhütte. Es ist kurz nach acht Uhr abends. An den Tischen brüten die Gäste über den Wanderkarten, andere jassen, es wird mit Dôle angestossen. Suppe, Hackbraten, Gemüse und Dessert für die rund 60 Gäste waren an diesem Samstag verteilt worden, die schöne, grosszügig und modern eingerichtete Küche blitzt bereits wieder, der grösste Stress ist vorbei – bis sonntags um 3.15 Uhr die Berg­steiger geweckt werden und Frühstück erhalten, damit sie rechtzeitig zum Alp­hubel aufbrechen können. Um 7 Uhr kommen die Wanderer zum zweiten Frühstück, danach wird aufgeräumt, weil bald schon die ersten neuen Gäste eintreffen werden. André und Gela zucken beim Erwähnen der Villa am Zürichberg mit den Schultern, sie beschäftigt viel mehr «der schlechteste Juli seit über 20 Jahren», wie Gela sagt.

Wanderweg seit Jahren gesperrt

Das Wetter hat allen Hüttenwarten übel mitgespielt. Für die Täschhütte wirkt sich ­zusätzlich erschwerend aus, dass der «Europäische Wanderweg» zu grossen Teilen seit drei Jahren wegen Steinschlags gesperrt ist. «Die Sektion wollte eigentlich auch eine Hütte für Wanderer machen», sagt der schlanke, gross ­gewachsene André. Das habe sich durch die Sperrung, die auf absehbare Zeit nicht behoben werden kann, weit­gehend erledigt. Zu 70 Prozent bestehen die Gäste nun aus Alpinisten, die Hochtouren planen: «Und das ist auch gut so», sagt Gela, die mit ihren roten Haaren wie ein Fixpunkt wirkt. Bergsteiger wären mit einfacheren Verhältnissen ­zufrieden, aber Wanderer konsumierten halt mehr.

Das Geschäft ist schwieriger geworden, die Ansprüche der Kunden sind gestiegen, wie überall. Zwischen Hüttenwart, Sektion und SAC sind genau festgelegte Abgaben vereinbart, abhängig von Umsatz und Übernachtungszahl. Nach den Renovationen sind die Zimmer kleiner, aus Massenschlägen wurden 8er-Zimmer, die Betten sind mindestens 70 statt 55 Zentimeter breit. Die Kosten pro neues Bett belaufen sich bei der Täschhütte auf 35'000 Franken, «wir subventionieren praktisch jede Übernachtung mit 25 Franken», sagt Sektionspräsident Hintermeister. Die Hütte verzeichnete 2013 insgesamt 2965 Übernachtungen, das waren zwei Prozent mehr als im Vorjahr.

Bettenzahl verringern?

Die Belegungszahlen der SAC-Hütten sind gesamthaft positiv. Und bei Gästebefragungen bewerte die Mehrheit die ökologischen Aspekte als wertvoll, sagt Lüthi: «50 Prozent der Befragten wären bereit, für kleinere Schlafräume 5 Franken mehr pro Übernachtung zu bezahlen». Das Problem: An Wochenenden sind die Hütten rappelvoll, an Wochentagen eher überschaubar besucht. «Wir wissen, dass wir eine sehr gute Infrastruktur zur Verfügung stellen, die ­zwischen 20 und 30 Prozent ausgebucht ist», sagt Ueli Hintermeister stell­vertretend für alle Sektionen.

Der SAC stellt sein Know-how zur Verfügung, bei der Sektion Uto ist man mit der Unterstützung zufrieden. Die Hütten befinden sich in sensiblem Gelände, das zudem gerade das Kapital der Hüttenwarte ist. Für die Renovation der Albert-Heim-Hütte oberhalb von Realp wird derzeit eine Analyse erstellt: Bisher ging es immer darum, die Zahl der Sitzplätze der Bettenzahl anzupassen, damit die Gäste nicht in Zweier- oder Dreierschichten essen mussten. Was aber wäre, wenn es quasi umgekehrt laufen würde? «Wenn wir also die Bettenzahl reduzieren», fragt Ueli Hintermeister, «kann der Hüttenwart dann noch existieren?» Klar sei: Wird die Bettenzahl bei 70 belassen, wird der Umbau wieder etwa 3,5 Millionen kosten. Irgendwann ist dann auch das schönste Legat aufgebraucht.

Hüttenwart ist mehr als Wirt

Die Küche ist parat für den nächsten Ansturm. Die Tische leeren sich, die Ersten gehen schon schlafen. Draussen wird das Licht um die scharfen Gipfel­silhouetten immer spezieller. André Lerjen erzählt, die Hände immer in Bewegung. Als kleiner Bub habe er den ersten grundlegenden Umbau der Täschhütte miterlebt, 1975/76. Sein Vater sei damals der Hüttenwart gewesen, «und er hat dort schon viel mehr selbst gemacht».

Jetzt sind André und Gela im 23. Jahr hier oben, und sie legen Wert auf den Begriff «Hüttenwart», denn man sei viel mehr als ein «Wirt»: Wenn, wie zum Beispiel kürzlich, die Wasserturbine ausfällt, «muss André das reparieren», sagt Gela. «Wir können nicht einfach einen Elektriker bestellen.» Als sie in der ­Küche sitzen und erzählen, beginnt ein junger Mann damit, die Tische fürs Frühstück herzurichten. «Das ist die nächste Generation», sagt André, «unser Sohn Yannick.» Er hat den gleichen Walliser Dialekt. Ob er Hüttenwart ist, wenn in etwa 30 Jahren die nächste grosse Renovation anstehen wird? Yannick lacht nur, mal sehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.07.2014, 06:53 Uhr

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Online-Reservationen

Kommen angekündigte Gäste oder ganze Gruppen einfach nicht, nervt dies nicht nur den Hüttenwart, weil er zu viel an Essen vorbereitet hat. Das würde auch die Personen ärgern, die eigentlich kommen wollten, aber abgewiesen wurden, weil ja schon aus­gebucht war. Dieses Problem wird nun zumindest eingedämmt durch ein Online-Reservierungssystem, das der SAC auf dieses Jahr bei mittlerweile 30 Hütten eingeführt hat.
Das System basiert auf dem Vorbild, das sich bei der Monte-Rosa-Hütte bewährt hat. Der Interessent erkennt auf der Website der beteiligten Hütten, ob es am betreffenden Tag noch genügend Platz hat, ansonsten kann er sich auf die Warteliste setzen lassen. Einzelpersonen können bis am Vortag um 18 Uhr (ebenfalls online) die Buchung kostenfrei stornieren, Gruppen ab 13 Personen müssen dies zwei Tage vor der geplanten Ankunft tun.

Laut Bruno Lüthi vom SAC ist das System bei etwa 90 der 152 SAC-Hütten umsetzbar, doch damit wäre das Projekt noch nicht am Ende: «Wir haben bereits offizielle Anfragen der Alpenverbände aus Österreich, Deutschland und Südtirol», sagt Lüthi. Fernziel ist eine europaweite Online­reservation. (can.)

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