Leben
Grauenvolle Stadtführung
Ben Whitehead alias Fred Strangebone ist Komiker, Stimmenimitator und Guide in Londons dunkle Vergangenheit. (Bild: Monika Hippe)
Warteschlangen vor dem Gruselkabinett London Dungeon. (Bild: Monika Hippe)
Tipps & Infos
Unterkunft: zum Beispiel das Kensington House Hotel in der Nähe des Hyde Parks, 15–16 Prince of Wales Terrace, +44 (0) 20 79372345, www.kenhouse.com, etwa 180 Euro im Doppelzimmer.
Stadtführungen live und per Handy: «Do me London», www.do-me.info, E-Mail: suggestions@do-me. info, +44 (0)7880 623 765. Derzeit funktioniert die Führung per Handy nur mit englischen Geräten. Ab Frühjahr 2010 soll der Dienst auch mit Schweizer Handys kompatibel sein. Bis dahin kann man sich in London eine internationale Handykarte kaufen oder ein englisches Handy leihen.
Fred Strangebone zieht mit schwarzem Hut und wehendem Frack in Riesenschritten durch die Gassen des Londoner Stadtteils Spitafield. Die Gruppe hat Mühe, ihm zu folgen. In der Hand schwenkt er eine Petroleumlampe, die einen gelben Schein auf sein blasses Gesicht wirft. Der Schatten seiner Zweimeterstatur geistert an der gegenüberliegenden Häuserfront entlang. In einer düsteren Nebenstrasse huscht er in einen Hinterhof. Hier türmen sich Müllsäcke an der Mauer, ein säuerlicher Gestank kriecht in die Nase. Fred dreht sich zur Gruppe um. Er schaut ängstlich nach rechts und links und fährt dann ganz langsam mit der Handkante an seinem Hals entlang. Dabei quellen die Augen hervor, so als hätte Jack the Ripper ihn von hinten im Würgegriff. «Hier schnitt er Annie Chapman die Kehle durch», röhrt Fred mit unheilvoller Stimme.
Hang zum Horror
Ben Whitehead alias Fred Strangebone ist Komiker, Stimmenimitator und Guide in Londons dunkle Vergangenheit. Auf dem «Jack the Ripper Walk» zeigt er den Touristen, wo und wie der berühmteste Serienmörder der Welt im 18.Jahrhundert fünf Prostituierten Bauch und Kehle aufschlitzte. Ben hatte schon als kleiner Junge einen Hang zum Horror. Er liebte es, wenn seine Mutter ihm Gruselgeschichten vorlas. Später besuchte er die Schauspielschule und wurde «Voice artist».
Heute bietet der Künstler fünf verschiedene Gruselwalks durch das Eastend an. Wenn er die Strassen mit finsterer Miene durchschreitet, schaut ihm so mancher Passant erschrocken hinterher. Nur der Bettler am Bishopsgate kennt ihn schon und winkt jedes Mal zum Gruss.
Doch die schaurigen Spaziergänge sind nur ein kleiner Ausschnitt aus Bens «stimmungsvollem» Angebot für Touristen. Seit Herbst 2007 bietet Ben – der im Kino-Trickfilm «Wallace and Gromit» die Stimme von Mr. Leaching ist – zusammen mit seiner Kollegin Meike Walcha Stadtführungen per Handy an. Wer zum Beispiel am Vormittag ratlos am Ufer der Themse vor dem grössten Riesenrad der Welt steht und seinen 500-Seiten-Reiseführer im Hotel vergessen hat, kann alles Wissenswerte über das «London Eye» aus seinem Handy erfahren. Zahlen, Fakten und Tipps, wie man die Warteschlangen umgeht, sind in lustige Dialoge verpackt. Bens Stimme schlüpft dabei in verschiedene Londoner Charaktere: zum Beispiel George, den alternden Sex-Maniac und Spezialisten für romantische Plätze. Er sitzt besonders gern auf einer Bank vor der Nationalgallery, schaut «mit Liebe im Herzen und einer fremden Zunge im Ohr» auf die Themse. Oder die piepsige Lady Beatrice, die meint, den Buckingham Palace zu kennen wie ihre Dessous. Wer etwas über die U-Bahn erfahren möchte, lädt sich Torkwell, den Geschichtsexperten mit der Fistelstimme, aufs Handy. Er weiss, dass die U-Bahn 1863 gebaut wurde und heute täglich 3 Millionen Passagiere transportiert – auf dem längsten Streckennetz der Welt. Nigel, der näselnde Politikfanatiker, quatscht ihm dazwischen, «die Tube wird nur im Untergrund versteckt, weil sie so grässlich ist». Darauf warnt Fred vor einer alten Frau. Mit dem Kopf auf den Knien schläft sie auf einer Bank im Untergrund der Victoria-Line – und stinkt. «Sie ist die stinkendste Frau Londons. Ihr Geruch wabert wie das Gift einer verrotteten Leiche durch die Tunnel.»
Unheimliche Geschichten
Fred ist Bens Lieblingsfigur, weil sie– so wie er selbst – das dunkle London mit seinen unheimlichen Geschichten liebt. Als Kind begeisterte er sich für das Wachsfigurenkabinett. Dort geht es im Keller besonders schauderhaft zu – mit nachgestellten Folterszenen aus dem 18.Jahrhundert: Ein Mann wird mit einem Metallhalsband stranguliert, eine Frau in einem Folterrad aufgespiesst. Und in der Live-Kammer erschrecken blutverschmierte Kreaturen die Besucher. Noch grauenvoller ist das London Dungeon, ein interaktives Horrormuseum an der U-Bahn London Bridge. Dort kann man sich von einer pestkranken Frau anniesen lassen, Jack the Rippers letztes Opfer, Mary Kelly, treffen oder einen Sturzflug in die Hölle erleben.
Nicht jeder mag es so ausserordentlich blutrünstig. Die Grusel-Gourmets folgen lieber Fred Strangebone durch die echte Nacht und geniessen seine fein gestrickte Spannung: ein Zucken im Augenlid, eine Sprechpause, ein Nesteln am Revers. Irgendwo schlägt eine Kirchenuhr. Fred zuckt zusammen, reisst die Augen auf, der Mund öffnet sich zu einem Schrei. Aber es kommt nichts. Plötzlich schiesst er auf den bärtigen Touristen mit Rucksack zu, schiebt sein Gesicht ganz nah vor dessen Augen, sodass sich fast die Nasenspitzen berühren, stiert ihn sekundenlang an – und wendet sich wieder seiner Petroleumlampe zu.
Später auf dem Weg zurück ins Hotel wirkt die Strassenbeleuchtung plötzlich sparsamer, auch in der U-Bahn an der Liverpool Street ist es schummriger geworden. Und von irgendwoher dringt ein seltsam modriger Geruch in die Nase... (Berner Zeitung)
Erstellt: 23.10.2009, 11:09 Uhr










