Leben
«Hey, how you doing?»
Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 13.08.2011 7 Kommentare
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Nur für Frauen: Schlafsaal mit Kajütenbetten. Foto: Sophie Stieger
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Lukas Hofstetter begrüsst seine Gäste unrasiert, in Schlabberhosen und Flipflops – wie ein Traveller eben: «Hey, how you doing?» Am Frühstückstisch sitzen zwei Kanadier, ein Amerikaner und eine Australierin. Alle um die 20. Sie schmieren sich Nutella aufs Brot oder Frischkäse und schwärmen vom Kaffee. Gestern seien sie Pedalo fahren gewesen auf dem See, das habe sie nur 26 Franken gekostet zu viert für 1 Stunde. Danach seien sie durchs Niederdorf spaziert, tranken abends im Park ein paar Dosen Bier – heute gehts nach Heidelberg, Grenchen oder St. Moritz.
Partyhauptstadt Zürich? «Das sehen die Backpacker anders», sagt Hofstetter, der seit diesem Sommer das Hostel an der Langstrasse führt. «Vieles kannst du hier nicht machen ohne Geld.» Schicke er Gäste zu den angesagten Clubs und Bars im Kreis 5, würden sie bald wieder bei ihm am Tresen sitzen: «Too expensive.» Hannah aus Sidney hat ein Tagesbudget von 70 Franken. Die Übernachtung im Langstars-Schlafsaal kostet sie 45 Franken. Inbegriffen sind Frühstück, Bettwäsche, Internet, übergrosses Schliessfach mit eigener Steckdose, ein Schoggistängeli, ein Bier – und: die Benutzung der Waschmaschine. Für Joyce und Mae aus Taiwan bricht der zweite von zwei Tagen in Zürich an. Was sie gestern gemacht hätte? «Laundry!» Normalerweise müsse man für diesen Service bezahlen, wie für alle Extras.
Zerknitterte Stadtpläne
Obwohl eben erst eröffnet, scheint das Hostel Langstars bereits so beseelt zu sein wie ein «Lonely Planet»-Reiseführer nach drei Monaten Südostasien. Über dem Eingang hängen zerknitterte oder leicht vergilbte Stadtpläne aus fast sämtlichen Regionen der Welt. Mitbringsel von Lukas Hofstetters Reisen. Der 36-Jährige war überall, ausser in den USA und Kanada: «Nordamerika ist das letzte schwarze Loch.» Die edel angehauchte Bar im Erdgeschoss war ein Schnäppchen und stand vor Jahren im Château Gütsch, dem einst teuersten Hotel Luzerns. Im Speisesaal stehen auf jedem Tisch Rosen, an den Wänden hängt Kunst und Krempel, im Zeitungsständer je eine Ausgabe der «New York Times» und «Micky Maus». Im hinteren Bereich befindet sich die «Bühne», wo an den Wochenenden Bands auftreten (Eintritt frei, Kollekte): ein Haufen bunter Kissen, Verstärker und eine Gitarre. So könnte das Aufnahmestudio der Beatles in Goa ausgesehen haben.
Haus und Service bekommen im Internet Bestnoten. Wenn es Abstriche gibt, dann höchstens für die Lage des Hostel. Die Nachbarschaft hat die Traveller bisher besser aufgenommen als umgekehrt. Die jungen Reisenden sehen, was Einheimische je länger, je mehr übersehen: Auf dieser Strasse wird gedealt. Auf einer Bewertungsplattform für Hostels schreibt eine Frau aus den USA: «Ich fühlte mich nicht wohl alleine da draussen.»
Ein Schlafsaal nur für Frauen
Für urbane und hippe Zürcher möge es vielleicht nichts Grösseres geben als im Einzugsgebiet der Langstrasse zu wohnen und auszugehen, die Traveller hätten jedoch immer noch das Gefühl, sie müssten in der Altstadt logieren, sagt Lukas Hofstetter. Entscheiden sie sich schliesslich doch für den «Chräis Chäib», stehen ihnen im Langstars im Moment zwei Schlafsäle zur Verfügung. Ein gemischter mit sieben Kajütenbetten im ersten Stock, einer nur für Frauen mit sechs Kajütenbetten im Dachstock des Gebäudes (Gastgeber Hofstetter hilft laut Mae aus Taiwan beim Tragen der schweren Rucksäcke).
Im Männerzimmer herrscht Aufbruchstimmung. Michael aus den USA packt für St. Moritz, man hört das Rascheln unzähliger Plastiksäcke. Es ist dieses typische Geräusch der Weiterreisenden, welches in allen Massenschlägen dieser Welt stets jene um den Schlaf bringt, die noch eine Nacht länger bleiben. Auf einer Ablage eine Sechserpackung Bier, sonst Durcheinander.
Eine gut laufende Bar ist wichtig
Lukas Hofstetter, der seit Februar keinen Tag freigenommen hat und beim Triemli eine Wohnung mietet, in welcher er aber nur noch selten Ferien macht, sagt: «Mit dem Hostel habe ich mir einen Traum erfüllt.» Gelernt hat er Programmierer, später leistete er Zivildienst in der Jugendherberge von Interlaken. 2004 übernahm er die Leitung der 150 Betten dort – ein anstrengender Job. Schulklassen seien schlimmer als eine Horde aufgedrehter Aussies, sagt er. Später hat er als Koch auf der Insel Ufenau Gastroerfahrung gesammelt.
Als sich die Möglichkeit bot, die Liegenschaft zu mieten, wo früher die Shakira-Bar einquartiert war, zögerte Hofstetter keine Sekunde. Die Eltern erhöhten die Hypothek auf ihrem Haus, Freunde halfen beim aufwendigen Umbau. Damit das Hostel rentiert, braucht es ein volles Reservationsbuch und eine gut laufende Bar. Hofstetter hofft, dass auch Zürcher das Langstars entdecken. Es sei nämlich keineswegs so, dass die internationalen Gäste bloss ständig in ihre Laptops starren würden und so das Heimweh mit Facebook bekämpften. Oft reiche ein simples «How you doing», um ein spannendes Gespräch zu provozieren. Er habe aber auch schon damit drohen müssen, das kabellose Internet auszuschalten, sagt Hofstetter und lacht. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.08.2011, 10:39 Uhr
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7 Kommentare
Wer sich an der Langstrasse unwohl fühlt und Angst hat, war noch nie in einer richtigen Grossstadt wo es wirklich gefährliche Strassen und Plätze gibt. Die Langstrasse befindet sich durch die zunehmende Gentrifizierung im Umbruch. Ich persönlich finde dies sehr schade, weil dadurch ein Stück Zürich verloren geht und zu einer ersetzbaren Allerwelt-Strasse wird, wie man sie überall anders auch erleben kann. Antworten
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