Ist die neue Bartmode frauenfreundlich?

Prominente zelebrieren derzeit den gepflegten Wildwuchs – und geben Anlass zu Diskussionen. Zwei Frauen über behaarte Männerbacken.

Struppige Schönheiten: Musiker Justin Timerblake, Schauspieler Hugh Jackman und Designer Tom Ford.

Struppige Schönheiten: Musiker Justin Timerblake, Schauspieler Hugh Jackman und Designer Tom Ford.
Bild: Keystone

Ja

Bettina Weber findet den Dreitagebart besser zum Küssen

Also es ist ja so: Ein Mann muss bitteschön immer aussehen wie ein Mann. Der soll da nicht so verweiblicht daherkommen, so glatt und rosig und porentief rein, i wo, der soll nach Testosteron aussehen, nach Brusthaaren und so und darum eben auch ein wenig verlebt. Also just so, als ob er gerade eine ziemlich wilde Nacht hinter sich hätte, weil ein richtig interessanter Mann nächtens nun wirklich Besseres zu tun hat als zu schlafen. Vielleicht hat er ja auch bloss ein kluges Buch gelesen oder von mir aus gar durchgearbeitet, aber darum hat er dann halt Augenringe, sind die Haare etwas zerzaust und kommt er überhaupt ein wenig nachlässig daher, nonchalant und entspannt, könnte man auch sagen. Jedenfalls reicht dann die Zeit am Morgen gerade knapp für eine Dusche, man muss ja auch wach werden, fürs Rasieren aber eben nicht.

Wobei: Beim Dreitagebart sitzt der Teufel im Detail. Hingebungsvoll gestutzte Bärte, denen man den Aufwand ansieht, wirken eben gerade nicht verwegen, sondern schreien bloss laut Gockel. Affig ist das und blöd, denn keine Frau mag einen Mann, der im Badezimmer länger braucht als sie. Deshalb muss das Ganze zwingend und genuin eine Folge des männlichen Desinteresses an seiner Gesichtsbehaarung sein. Der Prokurist muss also nicht meinen, er könne sich durch das sorgfältige Stehenlassen eines Bartes eine Rock ’n’ Roll-Attitüde zulegen. Ein Dreitagebart ist abgesehen davon auch dann angenehmer, wenn man sich näherkommt. Das ist ja meistens abends der Fall, und dann sind bei den Rasierten schon wieder Stoppeln da, winzige, messerscharfe Dinger, die sich wie Schmirgelpapier anfühlen, und bisweilen muss man die Übung dann gar abbrechen, weil der Scheuereffekt derart ist, dass nur noch die Kapitulation bleibt.

Dieses Problem haben Dreitagebartmänner nicht. Sie verstehen sich nämlich nicht nur aufs Küssen, sondern haben längere und damit weichere Stoppeln, man kann sie sogar kraulen. Und überhaupt sollte man sich mit Bärten anfreunden. Im Londoner East End ist nämlich bereits was Neues in Sachen männlicher Gesichtsbehaarung zu sichten: die Rückkehr des Schnauzes. Oh ja!

Nein

Ulrike Hark hält den Dreitagebart für einen Etikettenschwindel

Die Männer meinen wohl, sie sähen damit umwerfend sexy aus und machten uns Frauen Eindruck. Hei – was bin ich verrucht! Hallo – was hab ich erlebt! Ja was denn?, frage ich mich. Drei Tage im Bett gelegen? Die notwendige Körperpflege vernachlässigt? Auf die Gefahr hin, eine Spielverderberin zu sein: Das ganze Dreitagebart-Geflunker ist ein riesiges Schelmenspiel mit unsauberen Mitteln. Da versuchen Milchbuben, echte Kerle zu spielen, Loser wollen Mafiosi sein, und Langeweiler versuchen, Werwölfe zu mimen. Dabei ist doch – wie wir alle wissen – der klare, bartlose Biss um Mitternacht am schönsten. Da weiss frau, was sie hat.

Ausser dem Gedanken, dass sich da einer wichtig machen will, beschleicht mich bei so einem Stoppelgesicht noch ein anderer Verdacht: dass ein fliehendes Kinn kaschiert werden soll, oder ein Doppelkinn, ein Überbiss oder ein Unterbiss. Nobody is perfect. Darum schaue ich mir Männer mit Dreitagebart immer ganz genau von der Seite an, was sie mitunter missverstehen. Irgendetwas kann nicht stimmen, sage ich mir, wenn sich jemand hinter seiner eigenen Gesichtsbehaarung versteckt. Wer ein gutes Gesicht hat, zeigt es. Was neuerdings wieder als «gepflegter Wildwuchs» und als ungemein attraktiv propagiert wird, ist nichts anderes als ein schlampig gemähtes Getreidefeld. Gesichter seien Landkarten der Seele, hat der Essayist Adolf Reitz geschrieben. Sollte man eine Landkarte nicht klar und deutlich lesen können?

Auch aus kulturphilosophischer Sicht stellen sich Fragen: Wo hört hier eigentlich die reine Natur auf, und wo fängt der Eingriff der Kultur (Rasierapparat) an? Unklar, sehr unklar diese Grenze. Nebulöse Verhältnisse wie im winterlichen London, wo Jack the Ripper sein Unwesen trieb. Hatte der einen Bart? Mit Sicherheit.

Aber vermutlich muss man die Gründe des grassierenden Draufloswachsenlassens bei Prominenten und Normalos gar nicht so weit suchen. Männer sind einfach furchtbar bequem! Dank Dreitagebart müssen sie sich weniger oft rasieren und halten sich damit auch noch für Harry Hirsch. Das ist das ganze, kleine, klägliche Geheimnis.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2009, 13:20 Uhr

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