Leben
Schönheit von der Strasse
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 06.01.2010
Links
Artikel zum Thema
Für viele ist Modeln ein Traumberuf - meist unerreichbar. Denn nur die wenigsten schaffen es, bei einer Agentur unterzukommen. Doch alle anderen dürften sich an einem neuen Trend freuen, der sich am Horizont der Branche abzeichnet: High-Fashion-Labels entdecken den Charme der Strasse beziehungsweise des Internets, wo sie unter ganz normalen Bürgern nach der nächsten Modelsensation suchen.
Zum Beispiel Hugo Boss. Das deutsche Fashion-Label hat einen Aufruf auf seinem Facebook-Account veröffentlicht: «Auf Hugo-Boss-Fashionshows läuft das Who is Who der Modelszene vor einem internationalen Publikum von Top-Medienleuten, Fotografen und Berühmtheiten. Mit diesem Model-Wettbewerb gibt dir Hugo Boss die Gelegenheit, ein Teil dieser Modewelt zu werden. Wir suchen exklusiv auf Facebook ein weibliches und ein männliches Model, das auf der Boss-Black-Fashion-Show vom 21.1. in Berlin läuft.»
Per Facebook zur Modelkarriere
Die Hugo-Boss-Verantwortlichen suchen nicht nur per Internet nach neuen Modelhoffnungen, sondern lassen auch gleich die Facebook-Community über ihre zwei Lieblingskandidaten abstimmen. Weitere acht wählt das Label selbst aus, um sie Mitte Januar in Berlin über den Laufsteg zu schicken - die Fashionshow selbst wird live über Facebook gestreamt.
«Citizen Models» nennt die Branche die vermehrte Suche auch bei High-Fashion-Labels nach Laienmodels, wie sie beispielsweise auch in der neuen Ausgabe des Frauenmagazins «Brigitte» zu bewundern sind. Aber nicht nur dort. Vergangenes Jahr suchte das Label Calvin Klein für die Kampagne «9 Countries, 9 Men» nach Models für die neue Unterwäschekampagne. «Auf der Suche nach der nächsten Generation Calvin-Klein-Models», so rief Calvin Klein gutbestückte Männer auf, sich in den hauseigenen Filialen zu bewerben.
Absetzen vom Model-Mainstream
Schon wird von einer Demokratisierung des Modelbusiness gemunkelt, obschon davon natürlich kaum die Rede sein kann. Vielmehr dürften dies Versuche sein, sich dezent vom Model-Mainstream abzusetzen, wie das andere mit Erfolg praktizieren. Sean Diddy Combs beispielsweise setzt für seine Kleiderlinie «Sean John» nicht nur konsequent auf schwarze Models, sondern bevorzugt auch solche von kurviger und muskulöser Statur. Auch er castet viele seiner Models in der Hauptfiliale seines Labels in New York oder gleich auf der Strasse.
John Galliano trieb für eine Show im Jahr 2005 das Prinzip der «Citizen Models» auf die Spitze. Er engagierte bewusst Männer und Frauen mit extremer Physis und Erscheinung, sehr kleine Frauen, einen Mann mit Rastalocken, rothaarige Zwillinge, alte Männer, dicke Frauen. Das Publikum reagierte verlegen. Oder brach in Gelächter aus. Man zeigte auf die Models. «Es war unangenehm», resümierte ein Modejournalist der «Washington Post» die Reaktionen des Publikums. Solches wird wohl bei Hugo Boss nicht passieren. Denn das Volk will auf dem Laufsteg letztlich nicht sich selbst und schon gar nicht seine dunkle Seite sehen. Und so werden Uneingeweihte den Unterschied zwischen den Laien- und den Profimodels wohl kaum bemerken. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.01.2010, 17:21 Uhr














































