Wein
Revolution im Weinkeller
Von Marcus May. Aktualisiert am 04.03.2010 15 Kommentare
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Chateau-carton
Bag-in-Box für Qualitätsweine
Die ursprüngliche Bag-in-Box-Verpackung (BIB) wurde im Jahr 1955 als Flüssigkeitscontainer für Fruchtsäfte, Olivenöl und Wein im Markt eingeführt. Die moderne Verpackung besteht aus einem einfachen Polyethylenbeutel mit einem Plastik-Zapfhahn samt luftundurchlässigem Kugelventil. Im Innern steckt ein zweilagiger Vakuumbeutel. Das dabei verwendete Material gilt als lebensmittelphysiologisch einwandfrei sowie unbedenklich und wird in der Verpackungsindustrie vielfach benützt. Es weist eine gute Ökobilanz auf. Da beim Ausfliessen des Weines keine Luft in die Verpackung nachströmt, ist deren Inhalt gegen Oxidation durch Sauerstoff geschützt. Während Monaten bleibt der Wein in der Schachtel so ohne Qualitätsverlust haltbar.
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Dass beim Stäfner Weinbauer Reto Honegger die automatische Weinabfüllmaschine in der Scheune röhrt, ist nichts Aussergewöhnliches. Dass der Rebensaft aber in aluminiumfarbene Dreiliterbeutel fliesst, ist eine Premiere. Nicht nur für die Region – nein, für die ganze Schweiz. Wein im Schlauch – das kann doch nicht sein, denkt sich der Weinkenner. Doch allein die Tatsache, dass Honegger an diesem Morgen mit 4000 Liter Wein so verfährt, lässt aufhorchen: In den silbrig glänzenden Beuteln muss mehr stecken als nur die sonst unverkäuflichen Reste der vorletzten Ernte.
Ein Mitarbeiter zwängt den vollen Sack – ein nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen hergestelltes Hightech-Produkt – in eine Kartonschachtel. Diese wird anschliessend etikettiert und auf eine Palette gepackt. Sechs Leute sind mit dieser Arbeit einen Tag lang beschäftigt. Darunter Honegger und der Weinhändler Felix Woodtli, Pionier in Sachen Bag-in-Box-Weinen und Geschäftsführer der Genossenschaft Cavino mit Sitz in Stäfa.
Umsatz verdreifacht
Cavino setzt bereits seit fünf Jahren auf den sogenannten Chateau-Carton und hat dabei seinen Umsatz mehr als verdreifacht. Waren es bisher vor allem Weine kleinerer Produzenten aus Frankreich, Italien und der Iberischen Halbinsel, die von der Genossenschaft aufgekauft wurden, ist es heuer erstmals ein Schweizer Wein, der auf diese Weise abgefüllt, verpackt und verkauft wird. «Es kann doch nicht sein, dass Felix nur Ausländer anbietet», hatte sich der 44-jährige Honegger gesagt und einen Teil seiner Lattenberg-Produktion Woodtli angeboten.
Was Honegger und Woodtli ausser einer langjährigen Freundschaft verbindet, ist die Hingabe zu Weinen. Mit drei 2008er-Jahrgängen wollen sie ihre Kundschaft nun neugierig auf den Zürichseewein im Schlauch machen: 1000 Liter Blauburgunder, eine Assemblage aus 1000 Litern Sauvignon blanc/Riesling × Madeleine Royale (auch als Riesling × Silvaner bekannt) sowie 2000 Liter einer Cuvée aus Cabernet Cubin und Pinot noir wurden am Dienstag in der Stäfner Mutzmalen abgefüllt.
Am Anfang nichts als Skepsis
«Ich bin grundsätzlich offen für Neues», sagt Winzer Honegger, der das altehrwürdige Weingut bereits in der dritten Generation führt. Den Traditionen sei er jedenfalls nicht verhaftet. Dennoch sei er zu Beginn äusserst skeptisch gewesen. «Man verkauft doch nur Most in Beuteln», habe er sich gedacht. Zwei Jahre lang testete er daraufhin Woodtlis Weine aus Südfrankreich und liess sich so schrittweise überzeugen. Seit Jahrhunderten wird der Wein in Flaschen abgefüllt. «Jeder Winzer, dem ich unser neues Konzept vorgeschlagen habe, hat zuerst nur den Kopf geschüttelt», sagt Weinhändler Woodtli. Gegen das Kulturgut Weinflasche anzutreten, sei immer wieder eine neue Herausforderung. «Die fehlende Flasche führt bei vielen Menschen zu einer emotionalen Reaktion.» Opposition komme vor allem aus Kreisen der Konsumenten, denn «private Kenner haben hier eher eine Blockade im Kopf». Händler und Fachleute dagegen hätten viel weniger Mühe, diesen Kulturverlust zu überwinden, sagt Woodtli.
Das Bag-in-Box-Prinzip hat für die Produzenten grosse Vorteile. Durch das verminderte Gewicht sinken die Transportkosten: Die mitgeführte Ware braucht weniger Platz. Da der Preisdruck auf die Produzenten stetig wächst, ist das ein riesiger Vorteil im hart umkämpften Geschäft der Winzerweine. Damit bekämen die Kleinstproduzenten wieder eine Chance auf dem Markt, unterstreicht Woodtli – einen um 25 Prozent höheren Kaufpreis könne er ihnen dadurch bezahlen. Die Genossenschaft nimmt nur eine kleine Marge, den Umsatz macht sie mit der Menge.
Keine anspruchsvollen Weine
Mit den Chateaux-Carton-Weinen will Woodtli vor allem das mittlere Preis- und Qualitätssegment abdecken. Für Billigwein sei das System zu teuer. «Die kann man auch im Tetrapak anbieten.» Auch für teurere Weine, die im Fass reifen und anschliessend noch in der Flasche «weiterarbeiten», sei das System ungeeignet. «Der typische Bag-Wein ist schnell trinkreif und muss relativ schnell getrunken werden», ergänzt Honegger.
Durch das Vakuum bleibt sein Zürichseewein im einmal geöffneten Schlauch aber während mindestens dreier Monate gut. Eine Offenbarung also für alle, die nur ein Gläschen am Abend trinken. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 04.03.2010, 06:42 Uhr
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15 Kommentare
Bag-in-Box Weine sind seit Jahren in Schweden populär. Äusserst praktisch für den Picknick, z.B. oder wie bei uns in Schweden häufig vorkommend, für den Bootsausflug, für alle Gäste im Sommerhaus u.v.a.m. Erhältlich sind auch schöne Holz- oder Metallgehäuse, damit das Cartongefühl kaschiert wird. An Weihnachten sogar mit einem Samichlauskappe.. Kann nur zum Carton-Wein gratulieren/C.Ö-Wenger Antworten
Letzte Woche hatten wir einen Mudon von Rotschild in der Preisklasse von Fr. 220.- zu einem guten Essen getrunken, ich weiss nicht wie meine Gäste reagiert häten, wenn wir den guten Wein im Tetra-pack serviert hätten. Ich würde jedenfals nie einen Wein im Tetra-pack kaufen Antworten
Der Erfolg von chateaux-carton hängt nicht zuletzt davon ab, dass vorallem Skeptiker die Themenführerschaft dominieren. Es scheint die Meinung vorzuherrschen, die Weine die da eben abgefüllt wurden seien von minderer Qualität. Hier muss ich Reto Honegger in Schutz nehmen, die Weine sind Spitze, Karl Schrader irrt, so ein Urteil kann nur fällen wer sich nicht mal traut selber zu probieren. Antworten
Dass diese Form der Verpackung umweltfreundlich, sinnvoll und ausserdem äusserst praktisch für den Verbraucher ist, beweist hauswein.ch seit längerem. Wahrscheinlich hat Herrn May bei seiner Recherche übersehen, dass speziell bei jüngeren Weinliebhabern das umdenken schon lange begonnen hat. Antworten
Naja auch wenn man Neuem gegenüber offen ist, bleiben die hormonell aktiven Weichmacher ein Problem von Kunstoffbehälter und verderben mir auf jeden Fall den Genuss. Nicht nur sind die Weichmacher ungesund, ja gar im Verdacht Krebs auszulösen, sie sind vor allem Bestandteile, die sich bevorzugt in die nicht polare Phase lösen, also den Glycerinen und dem Alkohol im Wein. Na Prost dann. Antworten
Schon vor 30 Jahren, als ich meine Lehre in einer Weinfirma machte, war schon längst bekannt, dass ein Kork-Zapfen dem Wein eher schadet, als dass er ihn schützt. Damals herrschte die Meinung vor, dass der Kronkorken der ideale Verschluss wäre. Leider verlangt die Kundschaft aber Zapfen. Der Beutel ist sicherlich auch mindestens so gut wie ein Kronkorken. Durchsetzen wir er sich leider nie. Antworten
@ Karl Schrader. Ich teile Ihre Meinung - es geht nichts über Wein in einer Flasche. Aber das System mit den Beuteln ist auch in der Schweiz schon sehr verbreitet. Vermutlich haben Sie schon etliche Male "aus dem Beutel" getrunken als sie in einem Schweizer Restaurant zu einem nicht unbedingt billigen Preis einen offenen Wein bestellt haben. Auch Weine in Aluminiumtanks sind keine Seltenheit. Antworten
Vor 20 Jahren in Neuseeland habe ich schon Wein aus dem Beutel getrunken. Etwas gewöhnungsbedürftig (ca. 2 Gläser) aber äusserst praktisch. Qualitätseinbusse? Kommt glaube ich nicht so sehr darauf an da es sich dabei nicht um "Edel Tropfen" handelt. Antworten
In Südfrankreich schon lange üblich. Man kann den Tischwein in der Flasche kaufen oder "en vrac". Zweiteres ist billiger und der Wein ist derselbe. Und die französischen Tischweine sind mehr oder weniger sofort zu trinken, sonst hinüber. Wem die edle Flasche fehlt, hat immer noch die Möglichkeit, den Wein in einer Karaffe auf den Tisch zu stellen. Antworten
Das System ist nicht so neu... In Australien und Neuseeland wird sehr viel Wein so verkauft. Wir Schweizer haben halt hemungen, weil das System billig aussieht, dabei ist die Qualität sehr hervorragend und es erspart einem den Gang zum Glaskontainer. Und es ist erst noch wieder verschlies bar Antworten
Eifach gruuusig! Von mir aus gibt es billige Plörre aus Südfrankreich oder Spanien in diesen Beuteln. Aber Schweizer Wein von Kleinstproduzenten? Diese sollen lieber hohe Qualität produzieren und das bezahlt der Konsument auch. Auch kleine Weinbauern können eigenkeltern und müssen nichts der Genossenschaft abliefern. Das sind oft die besseren Weine. Eben auch mit viel Arbeit verbunden. Antworten











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Joe Konrad
Aua, was fuer ein Kultur Schock! Aber nicht neu, gibt es seit Jahrzehnten in Australien fuer billige & gute Weine. Und der naechste Schock: Kork ist am aussterben. Die Qualitaet ist bereits soweit gesunken, dass 5 % der Flaschen verloren gehen. Schweizer gewoehn Dich auch an die Idee von Qualitaetsweinen in Flaschen mit Drehverschluss und Champagner mit Bierdeckel-Verschluss. Alles schon da. Antworten