Leben

Der Elch trabt durchs Wohnzimmer

So wohnen Wohnprofis: Für Ulrike Spang-Lessnow, angehende Landeschefin bei Ikea, ist das schwedische Möbelhaus das Nonplusultra. Ihre Wohnung gleicht einer belebten Ausstellung.

Ikea-Frau Ulrike Spang-Lessnow in ihrer Neubauwohnung: «Sie erleben mich gerade in einer weissen Phase.»

Reto Oeschger

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Die Frau ist sympathisch, aber diese Bilderrahmen sind merkwürdig, denkt man bei der Begrüssung. Nach einer Stunde findet man: Die Bilder sind immer noch schlimm, aber wir haben ein interessantes Gespräch darüber geführt. Zwei überdimensionierte schwarze Rahmen, die aussehen, als stammten sie aus einem billigen Rokoko-Fundus, halten Fotos von rosa Blüten. Deko-Kitsch in seiner reinsten Form hängt über dem weissen Ikea-Sofa names Stockholm. «Sehen Sie», sagt Ulrike Spang-Lessnow, «so etwas mag ich. Ich muss ab und zu die Wohnung umdekorieren, schliesslich sind solche Dinge nicht für die Ewigkeit gedacht.»

Gibt es für sie, die im schnelllebigen Ikea-Haus arbeitet, überhaupt so etwas wie das ewig Schöne? Ein Möbel oder einen Gegenstand, der einfach in sich stimmig ist, weil es daran nichts hinzuzufügen oder wegzunehmen gibt? Hat sie ein Lieblingsstück, von dem sie sich nie trennen würde? Ulrike Spang-Lessnow denkt nach. Offenbar die falsche Frage für eine wirblige 32-Jährige, die sich in den letzten Jahren ganz den Schweden verschrieben hat und vor lauter Arbeit und berufsbedingten Umzügen von einer Niederlassung zur anderen noch kaum Zeit hatte, sich zu etablieren.

Ein unruhiges Leben

Klassiker und Statussymbole wie die Corbusier-Liege oder der berühmte Eames-Chair sagen ihr nicht viel, ausserdem sei ihr Ehemann, ein Banker, viel zu gross für diesen Sessel. Pragmatisch und ziemlich selbstbewusst. Ulrike Spang-Lessnow spricht schnell, so als wolle sie ihren letzten Satz punkto Geschwindigkeit immer noch überbieten. Ihre Devise heisst: «Geht nicht gibts nicht», so gab sie einmal einer Zeitung zu Protokoll. Unter dem Tisch zieht sie ihre blauen Pumps an und aus – diese Frau ist nicht gern unterbeschäftigt.

Bei so viel Unruhe konnten sich wirkliche Herzstücke noch nicht herausbilden; die gelernte Einzelhandelskauffrau aus Berlin ist in ihrem kurzen Leben bereits so oft umgezogen wie andere Menschen mit 50 oder mehr Jahren: zuerst als stellvertretende Chefin der Filiale Düsseldorf, dann kamen Ludwigsburg, Wallau und ab 2006 Braunschweig. Mit 28 Jahren war sie die jüngste Filialleiterin des schwedischen Möbelkonzerns weltweit, 2006 erhielt sie in Deutschland die Auszeichnung «Junge Karriere des Jahres».

Abends gibt es Butterbrot

Während der letzten Jahre ist sie stellvertretende Landeschefin von Ikea Schweiz gewesen, seit zwei Monaten führt sie die Firma interimistisch. Abends, wenn sie so gegen halb zehn nach Hause kommt, sitzt sie mit ihrem Mann am Tisch beim Butterbrot, «manchmal ist mir dann sogar der Salat zu viel Arbeit», sagt sie. Lange habe sie aus beruflichen Gründen eine Fernbeziehung leben müssen, jetzt, da ihr Mann bei der CS in Zürich einen Job habe, geniesse sie die scheinbar einfachen Dinge: mit ihm zu frühstücken – oder eben abends das Butterbrot.

Mit jedem ihrer Umzüge kamen wieder andere, neue Ikea-Möbel in die Wohnung, ein ewiger Wechsel war das – finanziell interessant (Mitarbeiterrabatt!), aber auch ästhetisch und funktional, wie sie betont. «Die Sachen funktionieren, sehen gut aus und sind vielseitig einsetzbar.» Auch hier, in Watt bei Regensdorf, war es nicht anders, wo sie nun zu zweit in einer 160 Quadratmeter grossen Neubauwohnung auf zwei Geschossen wohnen. «Sie erleben mich gerade in einer weissen Phase», lacht sie, «sonst habe ich immer mit farbigen Wänden experimentiert. Aber die Küche hat grüne Fronten, und das musste ich unbedingt neutralisieren.»

Fast alles weiss

Nun ist also im Wohnzimmer fast alles weiss – das Sofa, die Salontischchen, das Bücherregal, die Schiebevorhänge. Die Vorhänge werden übrigens im Sommer gewechselt, neben ihrer Vorliebe für Kerzen ist auch dies so eine Sache, die sie aus der schwedischen Lebensweise übernommen hat. Die häufigen Besuche im schwedischen Hauptquartier färben ab. Nur der Esstisch stammt nicht von Ikea, er ist aus naturbelassener Eiche und gibt dem Interieur etwas Gemütliches.

Nichts in dieser Wohnung ist ungewollt oder zufällig. Die Kerzen in den grossen silbernen Haltern sind noch jungfräulich, die Kissen auf dem Sofa tragen Elch-Motive, alles ist blitzblank aufgeräumt, aufeinander abgestimmt, und die Bücher im Regal sind nach Farben sortiert. Wie ein Regenbogen bei Rosamunde Pilcher sieht das aus – gelb, hellblau, rosarot. «Mein Harmoniebestreben will das so», meint sie fröhlich. Ausserdem: Kümmert es Goethe, wenn er neben einer Charlotte Link steht?

Ikea ist überall

Wer tagsüber für Ikea arbeitet und privat mit Ikea-Möbeln lebt, hat möglicherweise eine Portion zu viel davon. Aber nein. Ulrike Spang-Lessnow ist der beste Werbespot, der Ikea passieren kann. Mittelfristig hat sie Lust auf ein eigenes Haus mit einem «supertollen» Badezimmer, gesteht sie, aber Lust auf andere Möbel verspürt sie derzeit überhaupt nicht.

Und die anderen Menschen? Wie kann man sich individualisieren, heute, da alles irgendwie «designt» ist? Hat die Fachfrau einen Tipp? «Sie sollten sich nicht fragen, was man so hat, sondern was Ihnen wichtig ist», sagt sie. «Sind es Farben wie bei mir? Oder Textilien? Oder eher Pflanzen?»

Doch die Frage nach der persönlich stimmigen Einrichtung ist vermutlich schon bald wieder obsolet. Ulrike Spang-Lessnow steht kurz vor ihrer Ernennung zur Landeschefin. Nur wird das nicht in der Schweiz sein, denn nach fünf Jahren ist beim Kaderpersonal der Wechsel fällig. Welches Land infrage kommt, steht noch nicht fest. Mexiko wäre interessant, findet sie, nur gibts da noch keine Filiale. Auch ob ihr Mann mitkommen kann, ist noch unklar.

Nochmals eine Fernbeziehung? Schade wäre das. Nur schon wegen des Butterbrotes am Abend.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.03.2010, 08:23 Uhr

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2 Kommentare

Peter Bachmann

05.03.2010, 12:00 Uhr
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Ich will niemanden zu nahe treten, aber wieso soll eine Einzelhandelskauffrau ein Wohnprofi sein? Nur weil Sie bei Ikea eine Kaderstelle hat? Wäre die Dame eine Innenarchitektin, Designerin o.ä. hätte sie auch mit 32 schon ihr Lieblingsstück gefunden. Nur weil Ikea keine Möbel für Generationen herstellt muss man diese nicht schlecht machen. Auch mit 1.95m gross liegt man super auf einer Corbiliege Antworten


Roland Peter

05.03.2010, 10:18 Uhr
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Lebst du noch oder wohnst du schon? Bei Ulrike ist wohl beides nicht der Fall. Antworten