Leben

«Kochen Sie doch in der Bibliothek»

Der Franzose Philippe Starck ist Designer und Selbstdarsteller in einem. Sein neuster Streich sind exklusive Küchen, die Kochen und Wohnen vereinen – mit durchaus theatralischem Effekt.

Stil und Geschmack interessierten ihn nicht, sagt Philippe Starck: «Das ist Privatsache.»

Stil und Geschmack interessierten ihn nicht, sagt Philippe Starck: «Das ist Privatsache.»
Bild: Keystone

Kein Scherz des Designers: Philippe Starcks Küche mit Bibliothek.

Kein Scherz des Designers: Philippe Starcks Küche mit Bibliothek. (Bild: PD)

Philippe Starck

Der Franzose Philippe Starck (60) ist der wohl bekannteste Designer der Gegenwart. Er hat spektakuläre Inneneinrichtungen für Hotels und Restaurants entworfen, Stühle, Sofas, ein Motorrad, Schuhe und Windmühlen. Sein bekanntestes Werk ist unbrauchbar, verkauft sich aber dennoch prächtig: die raketenförmige Zitronenpresse Juicy Salif (1990) für Alessi. Seinen grossen Karriereschub hatte er 1982, als er die Privaträume des damaligen Staatspräsidenten François Mitterrand im Elysée-Palast gestalten durfte. Zum Weltstar avancierte er danach vor allem in den USA und Japan. Sein neustes Projekt sind exklusive Küchen «Starck by Warendorf» (die Marke gehört zur Schweizer Arbonia-Forster-Holding AG). Starck ist verheiratet und hat vier Kinder aus drei Ehen: Ara, Oa, Lago und K. Der Designer behauptet, dass er die Namen seiner Kinder nach dem Zufallsprinzip mit einem EDV-Programm ausgewählt hat.

Herr Starck, Sie haben einmal stolz von sich behauptet, Sie seien nie in der Realität angekommen und dafür hätten Sie hart gearbeitet. Was bedeutet das für Ihre Küchenkollektion «Starck by Warendorf»? Soll man die ernst nehmen, oder ist das Ganze ein Scherz?
Damit habe ich wohl gemeint, dass ich auch in meinem Alter immer noch neugierig und etwas närrisch bin. Aber an diesen Küchen ist nichts surreal, und es ist mir ernst damit. Das Thema interessiert mich, weil Küchen das Zentrum unseres Lebens sind. Wo auch immer Menschen sich trafen, machten sie Feuer. Und Feuer hat seinen Platz in der Küche, wo es dem bescheidensten und doch edelsten Zweck dient: der Zubereitung von Mahlzeiten für diejenigen, die wir lieben. Ein Zuhause ist Liebe, und Liebe ist Feuer.

Klingt ziemlich poetisch, aber Tatsache ist, dass es schon so viele Küchen gibt. Warum noch eine mehr?
Sehen Sie, früher gab es Sklaven, die versteckt im Schatten kochten. Dann gab es Diener, die sich in den entferntesten Ecken, in den Kellern von Schlössern aufhielten und dort unten etwas brutzelten. Und auch heute noch stehen 90 Prozent aller Frauen in einem Raum am hintersten Ende des Flurs am Herd, während die Männer im Ess- oder Wohnzimmer beim TV ihr Bier trinken. Ich möchte die Küche zum zentralen Ort der Zusammenkunft machen, die Familie dort zusammenbringen. Wir sind wieder beim Feuer angekommen.

Ihr Entwurf besteht aus Bausteinen und ist eine klare Absage an die etablierte Einbauküche. Wo liegt der Vorteil?
Früher hingen Küchenschränke an den Wänden, heute sehe ich sie als Inseln der Betätigung, die ihren Platz überall in unserem Zuhause finden. Wir haben während des Projekts alle Teile einer Küche betrachtet und nur das Wesentliche beibehalten. So können die einzelnen Elemente Teil von verschiedenartigen Räumen werden – Wohnzimmer, Esszimmer oder Küche.

Aber die Leute kochen ja fast nichts mehr, machen sich höchstens eine Pizza warm. Der Trend geht eher gegen die Full-Monty-Küche.
Da bin ich gar nicht Ihrer Meinung. Wenn Leute in New York jeden Abend ins Restaurant essen gehen, sind sie selber schuld. Wenn sie nur die Food-Delivery beanspruchen, ist das auch lächerlich. Mein Leben und das meiner Freunde sieht anders aus: Gestern hat zum Beispiel unsere Tochter Spaghetti mit Pilzen für uns gekocht. Wir gehen sehr selten ins Restaurant.

Seit Sie fünf Jahre alt sind, haben Sie sich Ihr Essen selber gemacht, weil Ihre Eltern wenig Zeit hatten, habe ich gelesen. Wie sieht Ihre eigene Küche heute aus?
Das kommt aufs Haus an...

Es gibt offenbar mehrere...
Eine Sache ist immer gleich, egal ob in Spanien, Italien oder Amerika: In der Mitte des Hauses, im grössten Raum steht jeweils ein riesiger und ziemlich hoher Tisch zum Kochen, Essen und Arbeiten, kombiniert mit einem Cheminée und einer Bibliothek. Kochen und essen Sie in der Bibliothek! Denn Nahrung und Kultur gehören einfach zusammen. Ich finde es wunderbar, wenn ich am grossen Tisch etwas köchle, und neben mir sitzt meine Frau am Laptop. Das hat auch optisch einen tollen Effekt – sie sieht im Schein des Compi-Lichts dann immer wie ein Engel aus. (Seine Frau, die nebenan sitzt, lacht laut auf.)

Das sind himmlische Zustände im Hause Starck: kochen, essen, reden und lesen, dank integrierter Bibliothek wie bei der Linie «Library». Wer aber liest wirklich, wenn er kocht – ausser in einem Kochbuch?
Selbstverständlich lese ich keinen Baudelaire mit links, während ich rechts Kartoffeln schäle. Aber vielleicht später am Abend.

Warum haben eigentlich alle modernen Küchen keine Türgriffe mehr? Wieso darf man nicht sehen, wo eine Schublade oder eine Tür sich öffnet?
Das ist gut zum Putzen, man tut sich nicht weh – nein, Scherz beiseite. Alle Produkte unserer Zivilisation gehen in Richtung Entmaterialisierung. Weniger ist mehr. Nehmen Sie den Computer. Zuerst war er gross wie ein Koffer, heute ist ein Powerbook so dünn wie ein Briefumschlag. In zehn Jahren werden wir es wahrscheinlich als Chip unter der Haut tragen und in Verbindung mit einem Powerbrain stehen.

Zunächst gibt es aber verspielte Stofflämpchen, zum Beispiel bei Ihrer neobarocken Linie «Primary», oder edles Holz bei «Library». Die Kollektion hat vier verschiedene Stilrichtungen. Konnten Sie sich nicht für einen Stil entscheiden?
Stil und Geschmack interessieren mich nicht. Das ist Privatsache. Die Leute sollen wählen können. Das Konzept ist entscheidend, nicht das Styling. Ich will den Menschen das Leben ein wenig leichter und schöner machen, das interessiert mich.

Sie haben schon alles entworfen, vom per Post bestellbaren Eigenheim bis zur Megajacht. In den 80er- Jahren haben Sie die Privaträume für François Mitterrand im Elysée-Palast eingerichtet. Sehen Sie in Ihren Entwürfen einen roten Faden?
Ja, mich! Mein Gehirn, meine Vision, meinen Humor, die Neugier auf die Schönheit der menschlichen Spezies, meine Leidenschaft, die Geschwindigkeit zu beobachten, mit der sich das menschliche Leben und die Menschen verändern – und meine Freiheit.

Kann man noch frei sein, wenn man so erfolgreich ist wie Sie?
Erfolg macht Sie kaputt – ich bin nicht erfolgreich im üblichen Sinn. Dazu müsste ich ja jeden Abend an Partys herumhängen und andere Leute bewundern. Eine schreckliche Vorstellung.

Sie geben sich gern etwas rebellisch und subversiv – ein Mann mit Überraschungen. Doch bei diesen Küchen kann ich nichts Subversives entdecken.
In der heutigen bürgerlichen Vorstellung steht die Frau noch immer verloren in der Küche, irgendwo am Rand der Wohnung. Mit «Starck by Warendorf» habe ich ein Tool entwickelt, das die Küche endlich ins Zentrum des Hauses rückt – dort, wo die Feuerstelle hingehört. Ich gebe der Familie die Frau zurück. Das ist doch subversiv, oder?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2010, 06:17 Uhr

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2 Kommentare

majo naef

15.01.2010, 15:22 Uhr
Melden

Wunderschöne Küchen aber leider nichts für Vielkocher. Bücherregal in der Küche, da werden doch die Bücher total fettig. Antworten


Leonardo Reinau

15.01.2010, 14:21 Uhr
Melden

Das mag alles gut und schön sein Mister Starck-- aber viele Leuten der Mittelschicht ( geschweige der unteren schicht ) können sich so ne Küche nicht leisten--- daher wäre es mal ne aufgabe für sie eine schöndesignte küche zu kreiren das sich fast Jedermann leisten kann und doch einen Meisterstück von Phillip Starck besitzt. wie wärs damit?? Antworten



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