Meinung

Nicht revolutionär, aber dringend nötig

Von Patrick Marcolli. Aktualisiert am 15.01.2011 7 Kommentare

Basel vollzieht mit seinem neuen Verkehrskonzept eigentlich nur nach, was andernorts längst erfolgreich praktiziert wird. Ein Kommentar.

BaZ-Redaktor Patrick Marcolli.

Beschlossene Verkehrsordnung: Die Basler Innenstadt wird einige neue
Fussgänger- und Begegnungszonen erhalten. Grafik: BaZ/reh

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Basel schafft eine neue Fussgänger- und Begegnungszone und priorisiert den Langsamverkehr in der Innenstadt. Halten Sie das für richtig?

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«Innenstadt soll zu einer grossen Begegnungszone werden», titelte der «Tages-Anzeiger» in seiner Donnerstagsausgabe auf der Frontseite. Endlich! Die Zürcher Medien nehmen wahr, was in Basel geschieht und berichten über das Verkehrskonzept Innenstadt, das der Grosse Rat am Mittwoch verabschiedet hat. Aber zu früh gefreut: Es war der Zürcher Stadtrat, der just am selben Tag wie das Basler Parlament den Grundstein zu einer neuen Verkehrsordnung in «seiner» Innenstadt legte und damit Schlagzeilen machte.

Der Blick an die Limmat lohnt sich, denn die strukturellen Herausforderungen sind dort wie hier am Rhein dieselben: Wie kann der motorisierte Verkehr vom engen Stadtzentrum ferngehalten werden? Man könnte diese Frage leicht beantworten: mit einer totalen Sperrung. Aber eine solche verträgt sich nicht mit den vitalen Interessen vieler Akteure, allen voran des Gewerbes, aber auch der Taxibranche. Zürich will neue Fussgängerzonen und eine neue Tempo-20-Zone einrichten sowie ein durchgehendes Velonetz in der Innenstadt schaffen. Die beiden Städte kommen sich in der Frage des Innenstadt-Verkehrs sehr, sehr nahe. Auch Basel wird neue Fussgänger- und Begegnungszonen – in Letzteren gilt Tempo 20, Velos sind erlaubt, Autos nicht – in der Innenstadt erhalten, auch Basel priorisiert den Langsamverkehr.

Historischer Entscheid

Doch die Bedeutung, die das Ja des Grossen Rats zum Verkehrskonzept Innenstadt für die Stadt hat, ist in Basel im Vergleich zu Zürich deutlich grösser. Ein älterer Redaktionskollege und Innenstadtbewohner, der den Entscheid des Grossen Rats am Mittwoch von der Tribüne aus verfolgte und nicht zu Übertreibungen neigt, sprach gar von einem historischen Moment. Historisch zu nennen sind die meisten der einzelnen Verkehrsmassnahmen nicht. Es handelt sich lediglich um kleine Schritte zum Ziel, die Innenstadt attraktiver zu machen und wie eigentlich alle vergleichbaren Kernstädte mit mittelalterlichen Kernen möglichst frei von Verkehr zu halten.

Dagegen kann niemand ernsthaft etwas haben, der schon in anderen Städten mit einem solchen Konzept war und dabei hat feststellen können, dass «autofrei» nicht gleichbedeutend ist mit dem Ende der gewerblichen Tätigkeiten – im Gegenteil. Basel vollzieht mit seinem neuen Verkehrskonzept eigentlich nur nach, was andernorts längst erfolgreich praktiziert wird. Dies ist keineswegs revolutionär.

Verkehrskonzept aufgeteilt

Bahnbrechend für Basel ist hingegen, wie breit die politische Basis für eine fast autofreie Innenstadt geworden ist. Mit Ausnahme der SVP-Fraktion und der Mehrheit der FDP haben alle Parteien dem Konzept zugestimmt. Das wäre noch vor ein paar Jahren oder gar Monaten undenkbar gewesen, ein Verkehrsfriede schien meilenweit entfernt. Auch haben die letzten Volksabstimmungen zu Verkehrsfragen in der Schweizer Stadt mit den wenigsten Autos pro Einwohner kein einheitliches Gesamtbild ergeben: Während die Parkraumbewirtschaftung hauchdünn verworfen wurde, nahmen 55 Prozent den grünen Gegenvorschlag zur Städteinitiative an.

Undenkbar ist es auch bis vor Kurzem gewesen, dass das Parlament so klar Ja sagt zu einer Sperrung der Mittleren Brücke, also zur überfälligen Integration dieses Rheinübergangs in eine durchgehende Fussgängerzone: Mit 53 gegen 28 Stimmen fiel das Verdikt so deutlich aus, dass Baudirektor Hans-Peter Wessels’ (SP) Vorsichtsmassnahme rückblickend gar nicht nötig gewesen wäre: Er hatte das Verkehrskonzept in Grossbasler und Kleinbasler Altstadt portioniert sowie einen separaten Kredit für einen Pilotversuch mit Pollern. So wollte er bei einem allfälligen Nein zur Sperrung der Mittleren Brücke den grossen Scherbenhaufen vermeiden.

Neues Parking bringt Meinungsumschwung

Woher nun dieser Sinneswandel? Der pragmatische und kommunikativ starke Wessels hat einen beträchtlichen Anteil daran, dass sich die Fronten aufgeweicht haben. Ebenso lief die Zeit für ein neues Verkehrskonzept: Die Freie Strasse mit ihren fast jahrzehntealten, provisorischen Pflästerungen oder die verwirrenden Verkehrsbeschilderungen sind nur zwei Beispiele für den Innenstadt-Flickenteppich. Ein politischer Faktor, der wohl den Meinungsumschwung vieler Bürgerlicher befördert hat, ist das geplante Parking unter dem St.-Alban-Graben beim Kunstmuseum.

Politisch noch immer gültig ist die Vereinbarung des Runden Tisches zur Parkraumbewirtschaftung von 2007: Sagen die Bürgerlichen Ja zur Sperrung der Mittleren Brücke, wird die rot-grüne Seite sich nicht gegen das Parking wehren. Nach dem Nein zur Parkraumbewirtschaftung durch eine bürgerliche Mehrheit sah es kurze Zeit danach aus, als ob dieser Deal von Rot-Grün für nichtig erklärt würde. Die einflussreichen Köpfe hinter dem Parkingprojekt (alt Grossratspräsident Peter Zahn, alt Baudirektor Christoph Stutz) haben hinter den Kulissen wohl darauf hingewirkt, dass die Bürgerlichen nun das Innenstadtkonzept unterstützt haben. So bleibt nach diesem Mittwoch anstelle einer festgefahrenen Situation endlich die Aussicht auf eine für Bewohner wie Besucher attraktive Basler Innenstadt. (Basler Zeitung)

Erstellt: 15.01.2011, 07:59 Uhr

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7 Kommentare

Robert Schmid

15.01.2011, 10:33 Uhr
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Von mir aus, kann die ganze Innerstadt zur Fussgängerzone umgebaut werden, doch muss auch gewährleistet sein, dass endlich ein vernünftiges Parkhaus, das zentral, mIt genügend Parkplätzen und noch zahlbar den Stadtbesuchern zur Verfügung steht. übrigens solten die Fahrräder ebenfalls aus den Fussgängerzonen verbannt werden, die halten sich vielmals an gar keine Geschwindigkeitsvorschriften. Antworten


jean hefti

15.01.2011, 12:58 Uhr
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Patrick Marcolli ist kein Stadtplaner, er zeichnet im Kommentar nur die politischen Entscheidungen nach. Ob diese eine Aufwertung der Innerstadt bringen, ist abhängig vom Standpunkt bez. Ziel. «Attraktive Basler Innenstadt» ist wahrlich ein Gummibegriff; der Kommentator hat es sich versagt Argumente zu verhandeln. Er sagt eigentlich nur, dass alles seine Richtigkeit haben wird. Ach ja? Antworten



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