Meinung
Auf welchem Gleis fahren wir nun?
Von Fabian Renz. Aktualisiert am 11.05.2010 10 Kommentare
Fabian Renz.
Futuristisch, gigantisch klingt die Idee: Eine neue Schnellbahnstrecke quer durchs Mittelland soll Bern von Zürich aus in nur knapp 30 Zugminuten erreichbar machen. Kein Geringerer als SBB-Präsident Ulrich Gygi hat diesen bahntechnischen Tempotraum am Wochenende in einem Interview ventiliert. Zur Finanzierung will Gygi auf die Milliardenbeträge zurückgreifen, die im Rahmen des Konzepts Bahn 2030 für grössere Züge und Bahnhöfe vorgesehen wären. So utopisch dieses Planspiel auch wirken mag, eines hat Gygi damit bereits erreicht: allgemeine Verwirrung. Begreiflicherweise.
Verwirrlich ist zum einen die Prioritätensetzung des Bahnchefs. Natürlich lockt die Aussicht, für die Reise zwischen Ost und West nur noch halb so viel Zeit wie heute aufwenden zu müssen. Trotzdem ist das Anliegen Luxus: Die Verbindungen zwischen Bern und Zürich sind schon heute hervorragend – was man von den Platzverhältnissen in vielen Intercity- und S-Bahn-Zügen leider nicht behaupten kann. Zu Recht sehen deshalb die bisherigen Versionen von Bahn 2030 primär Investitionen in den Kapazitätsausbau vor.
Was zum andern aber vor allem irritiert, ist die Art und Weise, wie Gygi seine Vision unter die Leute bringt. Im März präsentierten das Bundesamt für Verkehr und SBB-Konzernchef Andreas Meyer detaillierte Entwürfe für Bahn 2030. Hochgeschwindigkeitsstrecken waren darin explizit nicht enthalten. Knapp zwei Monate später stellt Verwaltungsratspräsident Gygi nun öffentlich und ohne vorgängige Information des Bundes das ganze Konzept infrage. Vergleichbare Provokationen hat er schon als Postchef gelegentlich lanciert. Zur Konzeption der SBB sollten er und Verkehrsminister Moritz Leuenberger nun schleunigst Klarheit schaffen. Widersprüchliche, konfuse Verlautbarungen zur Zukunft einer Institution schaden jener letztlich, indem sie die Öffentlichkeit wie auch das Personal verunsichern. Das Beispiel von Ueli Maurer und seinen Armeepapieren darf nicht Schule machen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.05.2010, 23:37 Uhr
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