Meinung

Ben Bernankes beachtliche Performance

Von Walter Niederberger. Aktualisiert am 23.07.2009
Notenbank-Zauberer Ben Bernanke und die amerikanische Wirtschaft.

Notenbank-Zauberer Ben Bernanke und die amerikanische Wirtschaft.
Bild: RJ MATSON, CAGLE CARTOONS

Ben Bernanke hat eine erstaunliche Läuterung hinter sich. Noch vor einem Jahr galt der Chef der US-Notenbank zusammen mit seinem Vorgänger Alan Greenspan als ein Hauptverantwortlicher der Finanzkrise. Kaum jemand hätte damals darauf gewettet, dass er den Posten als einflussreichster Notenbanker der Welt behalten könnte.

Bernankes Berufsaussichten haben sich jedoch seit diesem Frühjahr stark verbessert; so stark, dass eine Wiederwahl im kommenden Januar wahrscheinlich ist. 43 von 46 führenden Ökonomen in den USA plädieren in einer Umfrage des «Wall Street Journal» für eine erneute Nomination durch Präsident Barack Obama. In einer Befragung der Wirtschaftsagentur Bloomberg von Grossinvestoren weltweit wünschten 75 Prozent seine Wiederwahl. Dies ist in einer Zeit des anhaltenden Vertrauensverlusts in die Behörden und Wirtschaftsführer eine bemerkenswerte Leistung.

Zutrauen in den Professor

So überraschend dieses Zutrauen in den 55-jährigen professoralen Banker ist, zufällig ist es nicht. Es hängt entscheidend vom zaghaften Wirtschaftsaufschwung seit dem März ab, wie aus den Umfragen hervorgeht. So verweist etwa der angesehene Ökonom Martin Feldstein darauf hin, dass die Notenbank endlich Tritt gefasst und mit ihrer Geldpolitik die Balance gefunden habe. Dies kann sich indessen rasch ändern, sei es, dass die Wirtschaft 2010 nach einer kurzen Zwischenerholung in eine zweite Rezessionsdelle abkippt, oder sei es, dass Bernanke es verpasst, die Geldschwemme der letzten Monate rechtzeitig aus dem Finanzsystem abzupumpen, und so eine scharfe Teuerung verursacht.

Wenn nicht alles schiefläuft, ist Bernanke karrieremässig aber gut auf Kurs. Er hat gelernt, dass seine Arbeit nicht nur eine technische, sondern ebenso eine psychologische ist. Es kommt nicht nur darauf an, was die Notenbank macht, sondern auch, wie sie darüber spricht und wann. Drei Regeln sind zu beachten.

Regel Nummer 1: Zuversicht verbreiten. Vorgänger Greenspan liess mit seinem wirren «Greenspeak» die Märkte über 15 Jahre hinweg im Glauben, alles unter Kontrolle zu haben. Bernanke versucht es mit einer neuen Offenheit. Das Gemurmel des Greenspan hat klaren Worten Platz gemacht. So sicherte Bernanke diese Woche zu, bis auf weiteres keine Zinserhöhung zu planen. Die Notenbank habe ausreichend Werkzeuge, um die überschüssigen Geldreserven rechtzeitig abzusaugen.

Regel 2: Komplizen schaffen. Greenspan baute über die Jahre hinweg einen Kreis politischer Vertrauter auf, mit denen er sich regelmässig besprach. Nichts davon drang nach aussen. Seit kurzem ist Bernanke auf dem gleichen Weg. Er lädt Parlamentarier beider Seiten zu informellen Gesprächsrunden ein (inzwischen schon mehr als 30); er empfängt sie sogar – zu ihrer Verblüffung – persönlich in der Tiefgarage der Notenbank und lässt klar erkennen, dass er an seiner Wiederwahl interessiert ist. Erste Erfolge sind sichtbar. Republikanische Senatoren, die ihn zu Jahresbeginn kritisierten, plädieren heute für Bernankes Wiederwahl.

Regel 3: Der Präsident hat Vorrang. Ob Reagan, Bush I, Clinton oder Bush II, stets versuchte Greenspan, dem Präsidenten zu gefallen, was ihm den Vorwurf des Wendehalses eintrug. Bernanke befolgt das gleiche Prinzip, geht aber wesentlich vorsichtiger vor. So wies er diese Woche erstmals, aber nicht allzu scharf auf die ausufernden Budgetdefizite hin, die der Geldpolitik in die Quere kommen könnten. Dies trug ihm Punkte bei den Konservativen ein, ohne Obama blosszustellen. Die anfängliche Distanz zwischen beiden ist gewichen, nachdem sie sich mehrmals persönlich getroffen haben und Obama dem Chef der Notenbank öffentlich ein grosses Lob aussprach.

Alternative umstritten

Die Kombination dieser Faktoren dürfte es Obama schwermachen, Bernanke beiseitezuschieben. Hinzu kommt, dass die weitherum genannte Alternative, der Chefökonom des Präsidenten, Larry Summers, höchst umstritten ist und eine Bestätigung durch den Senat wegen seiner Misstritte in der Vergangenheit und der Mitverantwortung für die gröbsten Fehler bei der Deregulierung der Finanzindustrie ungewiss ist.

Das Letzte, was Obama braucht, ist ein Wirbel um die Notenbank und erneute Zweifel am US-Finanzsystem. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2009, 09:00 Uhr

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