Meinung

Die Bahn verliert an Musse

Von Erwin Haas. Aktualisiert am 30.10.2009 6 Kommentare

Die SBB haben dem Volk schon vieles genommen. Die Raucherwagen und die Kondukteure im Nahverkehr sind Vergangenheit, und selbst die S-Bahn-WCs waren zeitweilig in Gefahr. Jetzt entledigt sich die Bahn einer kleinen, aber kundenfreundlichen Spezialität: Sie streicht uns die Ruhe. Zum Fahrplanwechsel im Dezember werden die Ruhewagen in der zweiten Klasse abgeschafft.

Zum Transportauftrag der SBB gehören die rollenden Räume der Stille nicht. Doch sie wurden geschätzt und genossen. «Hier können Sie ungestört lesen, arbeiten oder einfach nach Herzenslust die Fahrt geniessen und entspannt die Landschaft vorbeiziehen lassen.» So werben die SBB für die Ruheabteile, in denen Reden – auch am Telefon – sowie Musikhören selbst mit Kopfhörern verboten ist. Damit ist es nun vorbei. Künftig wird jeder Fahrgast gezwungen, Ohrenzeuge unerwünschter Gespräche zu sein.

Für ruhe- oder konzentrationsbedürftige Bahnkunden auf den Intercity-Strecken ist diese Vorstellung ein Gräuel. Nischen der stillen Musse sind in der Hektik der mobilen Gesellschaft gefragt. Die SBB argumentieren, die Ruhe lasse sich immer weniger durchsetzen. Das ist eine faule Ausrede. Beim Nichtrauchen ging es ja auch. Der Grund für die Abschaffung liegt woanders: Die übrigen Wagen der Züge sind in den Stosszeiten derart überfüllt, dass das schnatternde Volk zwangsläufig in die Ruhewagen strömt.

Die SBB geniessen zu Recht grosse Sympathien im Land. Auf dem dichtesten Schienennetz der Welt fahren die Züge zuverlässig und pünktlich, und die Fahrwerke sind angenehm leise geworden. Immerhin bringt die Bahn auch zahlreiche Verbesserungen: mehr Steckdosen, Internetanschlüsse und Spielzonen für Kinder. Dass nun ein gut genutztes Sonderangebot gestrichen werden soll, ist aber ein Armutszeugnis. Die Lösung des Problems läge darin, genügend Sitzplätze zu schaffen – auch für die wachsende Randgruppe der Ruhebedürftigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2009, 10:47 Uhr

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6 Kommentare

Verena Bolliger

04.11.2009, 09:07 Uhr
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Es ist wirklich ein Armutszeugnis.... Ich pendle bereits seit einigen Jahren jeden Tag vom Thurgau nach Zürich und am Abend wieder zurück. Nirgendwo kann man das Verhalten der Menschen besser studieren als während einer langen Zugsreise. Es ist jammerschade wie die elementarsten Umgangsformen verloren gegangen sind. Ich war immer wieder froh, dass ich mich in einem Ruhewagen zurückziehen konnte. Antworten


Ueli Keller

04.11.2009, 08:44 Uhr
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Ich unterstütze den Vorschlag von Ruedi Streule. Wer in einem, öffentlichen Verkehrsmittel fährt, soll sein Handy lautlos stellen und keine Gespräche führen dürfen. Antworten


Beat Keller

04.11.2009, 08:27 Uhr
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Also Entschuldigung. Wenn ich mit meiner Partnerin ein normales Gespräch während der Zugfahrt führe, möchte ich nicht als "schnatterndes Volk" bezeichnet werden. Die guten alten Zeiten der SBB sind halt vorbei. Hr. Haas. die Sache mit den zusätzlichen Sitzplätzen ist nun wirklich ein alter Hut. Das geht einfach wegen den z.Z. üblichen Perronlängen ncht. Als Zugfahrer sollten Sie das aber wissen Antworten


Dettling Paul

30.10.2009, 16:05 Uhr
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Ja, das hat nie funktioniert, kann ich zumindest aus meiner Erfahrung bestätigen, Menschen sind leider Plaudertaschen. Angesichts der Ruhe brauchte es nur ein flüsterndes Gespräch, das nervte! Im normalen Abteil geht dieses im allgemeinen Geräuschpegel unter. Und für Natels wäre ich für einen Störsender ausser im bezeichneten Telefonwagen. Antworten


Urs Gubler

30.10.2009, 13:43 Uhr
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Nein, die Streichung der Ruheabteile ist keineswegs ein Armutszeugnis! Die SBB haben versucht, diese zusätzliche Dienstleistung anzubieten. In der heutigen Gesellschaft funktioniert sowas jedoch nicht, darum wurde es nun wieder aufgehoben. Ganz einfach!! Antworten


Streule Ruedi

30.10.2009, 11:26 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Für mich ist es nachvollziehbar, dass die SBB auf das Ruheabteil verzichten will. Es hat ja eh nicht funktioniert. Es wäre m.E. sinnvoller, ein generelles Handyverbot in den Zügen auszusprechen bzw. deren Nutzer in einem speziell gekennzeichneten Waggon zu konzentrieren.. Es sind vor allem die Handybenutzer, die ihre Mitreisenden mit ihren Banalitäten und unterschiedlichsten Klingeltönen stören. Antworten