Meinung
Die Türkei steht sich selber im Weg
Von Kai Strittmatter. Aktualisiert am 16.03.2010
Kai Strittmatter
All jenen, die den Völkermord an den Armeniern Anatoliens in den Jahren 1915/16 als Lüge bezeichneten, pflegte der Istanbuler Armenier Hrant Dink eine einfache Rechnung entgegenzuhalten: Vor den Jahren der Massaker und Todesmärsche lebten mehr als 1,5 Millionen Armenier in Anatolien. Und danach? Keiner mehr. Wo bitteschön, so der prominente Journalist, die denn alle hin seien?
Und doch war Hrant Dink, der sich bis zu seiner Ermordung 2007 als Vermittler zwischen den Fronten einsetzte, zeit seines Lebens ein engagierter Gegner von Völkermord-Resolutionen. Er hatte eine gesunde Skepsis Politikern dritter Länder gegenüber, die sich - wie eben in den USA und in Schweden geschehen - bemüssigt fühlen, ihr Urteil über die türkisch-armenische Geschichte zu geben. Vor allem dann, wenn dieses Urteil zwar moralisch wohlfeil ist, politisch aber unklug. Weil es Schaden anrichtet.
Zur Wahrheitsfindung tragen solche Resolutionen längst nicht mehr bei, sie stehen ihr sogar im Weg: Wohl das einzige Land weltweit, das noch vom Ausmass der Verbrechen am Ende des Osmanischen Reiches überzeugt werden muss, ist die Türkei. Hier aber haben die Resolutionen den gegenteiligen Effekt. Sie sorgen für nationalistischen Trotz, stärken die Leugner und erschweren die Arbeit all jener mutigen Türken, die begonnen haben, die alten Tabus infrage zu stellen.
Die Resolutionen aus Washington und Stockholm kommen zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt - sie sind wohl der letzte Nagel im Sarg einer Regierungsinitiative, die noch vor Monaten als historisch besungen wurde und die nun in einem Sumpf der Mutlosigkeit absäuft: die Öffnung der Grenzen zwischen der Türkei und Armenien. Schon früh bremste der türkische Premier Tayyip Erdogan seinen eigenen Vorstoss ab wegen wütenden Widerstandes der nationalistischen Opposition, und nun hat er kaum mehr eine Chance. Es bleiben nur Verlierer: die Armenier, die anderen Kaukasusländer, die Türken.
Letztere vor allem. Es ist höchste Zeit für Ankara, zu erkennen, dass die türkische Aussenpolitik in einer Sackgasse steckt. Den Kampf um die Deutung der Geschichte des Armenier-Genozids hat die Türkei längst verloren. Dennoch verausgabt sich ihre Diplomatie Jahr für Jahr aufs Neue monatelang in Abwehrkämpfen gegen solche Resolutionen. Es ist ein Kampf, bei dem sie nicht gewinnen kann. Bei dem sie aber viel zu verlieren hat: Energie, politisches Kapital und eben jene Ehre, eben jenes Prestige, das sie zu verteidigen vorgibt. Die Türkei verfolgt eine ambitionierte neue Aussenpolitik, die zu Recht viel Applaus erhielt: null Probleme mit allen Nachbarn, die Türkei als Vermittlerin in Regionalkonflikten, als respektierte, aktive Regionalmacht. Jedem einzelnen dieser Ziele schadet die Völkermord-Diplomatie: Sie verurteilt das Land zum passiven Hinterherlaufen hinter einer verlorenen Sache und trägt ihm zudem noch - das ständige Drohen mit der Kooperation im Irak und in Afghanistan - den Ruf erpresserischer Politik ein. Und zwar ausgerechnet bei den besten Verbündeten.
Aber vielleicht ist hier auch eine Chance. Die Regierung von Barack Obama ist Ankara von Anfang an um den Bart gestrichen, und Schweden ist seit Jahren einer der grössten Freunde der Türkei in der EU. Es sollte den Türken zu denken geben, dass die alten Reflexe («Türkenhasser wollen die Türkei sabotieren») hier nicht funktionieren. Auch die Polen - alte Verbündete der Türkei - und die Deutschen - 2005 unter der Regierung von Türkeifreund Gerhard Schröder - haben in ihren Parlamenten ähnliche Resolutionen verabschiedet.
Und dennoch ist in diesen Jahren das Prestige der Türkei gewachsen. Weil sie demokratischer, offener geworden ist. Der türkische Journalist und Autor Ahmet Altan hat Recht: Wenn die Türkei nun gedemütigt werde, schreibt er, dann nur, «weil sie ihre Vergangenheit nicht selbst auszuleuchten vermag. Weil sie dies anderen überlässt.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.03.2010, 15:58 Uhr



