Meinung

Nie mehr solche Züge kaufen

Von René Lenzin. Aktualisiert am 25.05.2010 2 Kommentare

René Lenzin

Fast immer verspätet und fast immer mindestens eine Tür und ein WC defekt – das war während Jahren die Kurzformel für die Neigezüge der Cisalpino. Eine Zwischenbilanz gut fünf Monate nach Auflösung dieser gemeinsamen Tochter von SBB und Trenitalia fällt durchzogen aus.

Zwar sind die neuen Neigezüge komfortabler und zuverlässiger als die alten. Aber sie sind für die Gotthardstrecke immer noch nicht zugelassen. Zwar haben die SBB die Qualität bei den alten Pendolini in ihrem Einflussbereich verbessern können. Aber die massiven Verspätungen aus Italien sind ebenso wenig verschwunden wie die immer noch überdurchschnittliche Pannenanfälligkeit der Züge.

Nüchtern betrachtet, ist keine baldige Lösung für diese Probleme in Sicht. Das ausserhalb der Hochgeschwindigkeitsstrecken veraltete und überlastete Bahnsystem Italiens lässt Schweizer Ansprüche an Qualität und Pünktlichkeit auf Jahre hinaus als illusorisch erscheinen. Für die alten Neigezüge stellen die SBB einen besseren Unterhalt und neue WC in Aussicht. Doch auch damit lassen sich die Unzulänglichkeiten des ETR-470 nicht ganz beseitigen. Dieser Zug ist und bleibt eine teure Fehlinvestition. Solange er fährt, muss die Bahn mit unzufriedenen Kunden leben.

Mit der Auflösung der Cisalpino haben die SBB die Konsequenzen aus einer unmöglichen Kooperation gezogen. Auch wenn sie im grenzüberschreitenden Verkehr immer noch von den italienischen Vorleistungen abhängig sind, haben sie damit wenigstens im Inlandverkehr mehr Autonomie gewonnen.

Die wichtigste Lehre, welche die SBB aus dem missglückten Cisalpino-Abenteuer ziehen müssen, betrifft die Beschaffung von Rollmaterial. Mit dem Kauf von Doppelstockzügen für den Fernverkehr steht der nächste grosse Testfall an. Bombardier hat für einen attraktiven Preis sehr gute Leistungen in Aussicht gestellt. Wie schnell Anspruch und Wirklichkeit jedoch bei solch komplexen Projekten auseinandergehen, haben die einst viel gepriesenen Neigezüge im Italienverkehr gezeigt. Einen solchen Flop dürfen sich die SBB nicht mehr leisten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.05.2010, 22:30 Uhr

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2 Kommentare

Ivan Jäggi

25.05.2010, 08:50 Uhr
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Der Reiseverkehr nach Italien ist ein strategisches Desaster für die SBB. Die heutigen Verbesserungen gehen zulasten des Angebotes: Über Mailand hinaus gibt es heute gerade noch eine (!) direkte Verbindung. Mit den ETR 610 verfügt die SBB über einen Hochgeschwindigkeits-Neigezug der auf der begradigten Simplon- Lötschbergachse eingesetzt wird: Von Hochgeschwindigkeit keine Spur. Meisterleistung! Antworten


Martin Holzherr

25.05.2010, 10:32 Uhr
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Rollmaterial und vieles andere was mit schienengebundenen Fahrzeugen zu tun hat, hat noch nicht einen befriedigenden Standardisierungs- und Industrialisierungsgrad erreicht. Jede Neuerung ist ein Überraschungsei. Die Ingenieursleistungen scheinen heute nicht besser als 1950 - warum nur? Antworten



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