Meinung

Opfer der Empörungsmaschinerie

Von David Nauer, Berlin. Aktualisiert am 01.06.2010 3 Kommentare

David Nauer

Horst Köhler ist zurückgetreten. Sichtlich bewegt hat er gestern im Schloss Bellevue in Berlin seinen Abgang verkündet. Für diesen historisch einmaligen Schritt mag es viele Gründe gegeben, der Bundespräsident aber nannte nur einen: die massive Kritik an seinen Aussagen zu Afghanistan.

Was war vorgefallen? Köhler hatte in einem Radio-Interview einen Zusammenhang zwischen dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan und deutschen Wirtschaftsinteressen hergestellt.

Zunächst war niemandem aufgefallen, dass hier ein kleiner Skandal schlummerte. Ganze fünf Tage verstrichen – Deutschland debattierte über die Euro-Krise, die anstehende Fussball-Weltmeisterschaft und den Eurovision Song Contest.

Doch plötzlich zerrte einer das Köhler-Interview wieder hervor – und ein Sturm der Entrüstung brach los. Reflexartig regten sich Medien, Politiker und Experten über den Bundespräsidenten auf. Von «Kanonenboot-Politik» war die Rede, das Staatsoberhaupt führe sich auf wie ein «englischer Imperialist im 19. Jahrhundert». Manche Kritiker sahen schon die Verfassung verletzt.

Die Vorwürfe waren allesamt hanebüchen, im besten Fall übertrieben, im schlimmsten Fall böswillig. Wer den Interview-Text wirklich las, der sah: Köhler hatte sich vielleicht unklar ausgedrückt, aber er wollte eigentlich bloss sagen, dass in einer globalisierten Welt auch Deutschlands Interessen globalisiert sind.

Das kann man richtig finden oder falsch, man kann unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen. Doch statt über solche Inhalte zu reden, spielten die Wortführer der Öffentlichkeit auf den Mann. Diese Empörungsmaschinerie ist inzwischen Alltag in Deutschland. Sie kann jeden treffen, der ein falsches Wort sagt – oder ein falsch verstandenes Wort. Moralinsauer, pingelig, hysterisch – so verlaufen diese Debatten meistens. Die eigentlichen Probleme bleiben derweil ungelöst. Horst Köhler wollte bei diesem Spiel nicht mehr mitmachen. Man kann ihn verstehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2010, 23:32 Uhr

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3 Kommentare

charlotte schubnell

01.06.2010, 16:05 Uhr
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sehr geehrter herr nauer,beim deutschlandradio hören heute mittag habe ich Ihren kommentar gehört - und ich , eine deutsche staatsbürgerin , muß sagen , daß Sie mir aus dem herzen gesprochen haben ! es ist unheimlich angesagt in deutschland die empörungs-maschinerie anzuwerfen ,alle , die verantwortung tragen , zu kritisieren , niederzumachen , in frage zu stellen .es timmt:wir sind moralinsauer! Antworten


Sibylle Brenk-Keller

01.06.2010, 17:08 Uhr
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Ihr Kommentar wurde heute morgen im Pressespiegel des Deutschlandfunks (kurz vor 9.00 Uhr) gesendet - als letzter und damit auch nachklingende Aussage. Offensichtlich ist es leichter, aus dem Ausland diese befremdliche - wie Sie sehr treffend schreiben - deutsche Empörungsmaschinerie auszumachen, die ohne Nachdenken und ohne genaue Recherche zum verbalen Rundumschlag ausholt. Antworten



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