Meinung

Polemik wirkt oft krampflösend

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 23.10.2009
Thomas Widmer.

Thomas Widmer.

Das rechtsbürgerliche Anti-Minarett-Plakat empört seit Wochen viele Leute im Land. Und jetzt, in den letzten Tagen, regen sich manche über die JungsozialistInnen Schweiz auf. Deren Chef, Cédric Wermuth, verantwortet ein Plakat gegen den Kriegsmaterial-Export, das Bundesrätin Doris Leuthard mit bluttriefenden Händen zeigt. «An Niveaulosigkeit kaum zu überbieten», klagt eine Sprecherin der CVP. «Absoluter Tiefpunkt der Geschmacklosigkeit», lässt sich ein PR-Berater zitieren. Allenthalben wird verlangt, dass Wermuth sich entschuldigt.

Wofür? Er hat nichts falsch gemacht. Im Gegenteil! Sein Plakat zeigt, dass er eine Gegenwartstendenz begriffen hat. Nämlich diese: Wir leben in einer Gesellschaft, deren Gruppen und Exponenten ihre Beleidigbarkeit herauskehren, um jegliche Anzweiflung und Anfeindung von vornherein abzuwenden. Politik ist das harte Geschäft des gesellschaftlichen Interessenausgleichs, doch es darf in ihr kaum etwas hart gesagt werden, ohne dass der Vorwurf mangelnden Anstandes fällt. Interessant ist, dass auch die Spielregelmissachter von einst, die Linken, Tag für Tag Fairness und Stil einfordern.

Das hat Wermuth richtig gesehen. Er hat – wie die Anti-Minarettler auf der anderen Seite des politischen Spektrums – gefolgert, dass man starke Effekte erzielen kann, indem man gegen die verordnete Moralität verstösst. Und er hat im Fall des umstrittenen Plakats nicht mehr getan, als die guten alten Kernprinzipien der öffentlichen Kommunikation anzuwenden. Erstens: Personalisierung. Die für Kriegsmaterial-Exporte zuständige «Politik» wird konkret in Doris Leuthard, der Wirtschaftsministerin. Das zweite Prinzip heisst Zuspitzung. Es riecht stets nach Heuchelei, wenn unsere Politiker sich winden beim Erklärungsversuch, wieso Kriegsgerät in gewisse Länder exportiert wird und was die Folge sein kann. Denkt man die Sache zu Ende, bedeutet es, dass Blut fliesst. Waffen haben nun einmal diese Wirkung. Das dritte Prinzip ist die Emotionalisierung: Argumente sind das eine, was Menschen bewegt. Gefühle sind das andere, oft sind sie stärker als der Kopf. Wermuths Plakat ist, weil blutige Hände jeden irritieren, ein Bauchplakat.

Der stilbildende Staeck

Bei seinem Tun hat der Juso-Chef die Tradition auf seiner Seite. Lassen wir die leninistische Agitprop beiseite, die in den Zwanzigerjahren das Plakative auf plumpe Weise zur Methode erhob. Reden wir lieber von den Siebzigerjahren, als in Deutschland der sozialdemokratische Politgrafiker Klaus Staeck aufkam. Er wurde – auch für die Schweiz – stilbildend. Während die Verbürgerlichung und Verbravung der ausserparlamentarischen Opposition anlief, lancierte Staeck mit Riesenerfolg eine provokative Bildsprache gegen Strauss, Barzel, Kohl & Co. Auch Umweltsünden brachte er immer wieder auf den Punkt. Typisch für Staeck das Motiv «Generationenvertrag»: ein Giftmüllfass in grellem Gelb. Darunter steht der Spruch: «Damit unsere Enkel noch in 10'000 Jahren an uns denken.»

Die Linken von früher waren keine Zimperliesen. Vielleicht sollten ihre heutigen Nachfolger die Medienrealität akzeptieren, welche die pointierte, die krasse Botschaft begünstigt. Sich ein wenig frecher ausdrücken, ein Stück Unbekümmertheit zurückgewinnen und das Jammern über den Sittenzerfall der Mitte überlassen: Die SP geht mit Vorteil diesen Weg. Von Jungfunktionär Wermuth kann sie lernen, wie man agiert, statt zu reagieren. Im Übrigen profitieren wir alle, wenn die wichtigen Diskussionen forsch geführt werden. Aggressionslose Gespräche wirken oft keimfrei. Umgekehrt kann Polemik Krämpfe lösen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.10.2009, 04:00 Uhr

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