Meinung
Rettet uns vor dem Réduit
Von Hannes Nussbaumer. Aktualisiert am 27.07.2009 9 Kommentare
Hannes Nussbaumer
Das Schweizer Fernsehen stopft das Sommerloch, indem es 25 Männer in einen Zentralschweizer Bunker einquartiert und diese den Aktivdienst im Zweiten Weltkrieg nachspielen lässt. «Alpenfestung – Leben im Réduit» heisst das dreiwöchige Reality-TV-Spektakel.
Man fühlt sich an 1989 erinnert: Damals veranstaltete das Militärdepartement die Diamantfeiern. Die offizielle Schweiz ehrte damit die Aktivdienstsoldaten, welche mit ihrem Einsatz die Schweiz gerettet hätten. Dass ein Land den Kriegsausbruch feierte, war weltweit ein Unikum – ein reichlich absurdes Unikum.
Dennoch schliesst der quasi-staatliche Fernsehsender zwanzig Jahre später mit seiner Bunker-Show an das Geschichtsbild der Diamantfeiern an. Erneut geht es vor allem um eines: um den entbehrungsreichen Einsatz der Festungssoldaten sowie der Frauen und Kinder, die zu Hause blieben. Entsprechend pathetisch der Slogan der Sendung: «Getrennte Liebe, gemeinsamer Kampf».
Hat das Schweizer Fernsehen nicht mitbekommen, dass sich in den letzten zwanzig Jahren das Schweizer Geschichtsverständnis gewandelt hat? Spät und unter Druck, dafür gründlich wurde die Geschichte des Zweiten Weltkriegs umgeschrieben. Spätestens seit dem Schlussbericht der Bergier-Kommission (2002) ist unbestritten: Das Réduit und der Aktivdienst mögen aus Sicht der Zeitgenossen prägende Erfahrungen gewesen sein. Dass die Schweiz heil durch die schwarzen Jahre kam, hatte aber andere Gründe. Etwa die Bereitschaft der heimischen Wirtschaft, mit den Achsenmächten zu kooperieren – und zwar oftmals sehr viel enger, als für das Überleben der Schweiz nötig war.
Eine authentische Schweizer Weltkriegsgeschichte ist viel mehr als eine Geschichte der Alpenfestung. Sie ist komplizierter, differenzierter und viel weniger romantisch als der Réduit-Mythos. Ob die Historiker, welche die Bunker-Soap begleiten, dies einfliessen lassen, wird sich zeigen. Anzunehmen ist, dass für die unangenehmen Fragen die Dok-Filme zuständig sind, welche parallel zur «Alpenfestung» ausgestrahlt werden – etwa zur Flüchtlingspolitik. Anders als die Tücken des Bunkerlebens sind diese aber nicht zur besten Sendezeit, sondern erst zwischen elf und Mitternacht zu sehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.07.2009, 21:45 Uhr
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9 Kommentare
Ja, der Bergier Bericht. Das endgültige Urteil über die Kriegsgeneration. Wirklich? Ich hingegen habe grossen Respekt vor den Menschen, die damals, und grossem körperlichen und psychischen Druck ihre Aufgabe an ihrem Platz erfüllten. Diejenigen, die naserümpfend auf Goldhandel und Flüchtlingspolitik hinweisen, tun dies mit der Arroganz der Spätgeborenen. Hättet Ihr es besser gemacht? Ehrlich? Antworten





