Meinung
Warum spielt man «so etwas»?
Von Roger Zedi. Aktualisiert am 06.04.2010
Roger Zedi.
Ein ganz Normaler sei ich doch, hat mir vor kurzem ein Bekannter attestiert, und seinem Befund ein «eigentlich» nachgeschoben. Was ihn meinen Geisteszustand relativieren liess, war sein Wissen darum, dass ich mich für etwas begeistern kann, was ihm völlig fremd ist: Videospiele. Schlimmer noch, ich freue mich unter anderem auch an jener Sorte von Games, in denen geladen, gezielt, geschossen und hoffentlich getroffen wird. Je nachdem, wie man dazu steht, nennt man sie «Shooter» oder «Killergames».
Wer sich je von der Spannung eines solchen Videospiels hat mitreissen lassen, wer den Tanz aus Angriff und Verteidigung getanzt, wer Situationen rasch eingeschätzt und Gefahren blitzschnell erkannt hat, seine Strategie laufend angepasst und die passende Waffe gewählt hat, wer im Kampf um sein virtuelles Überleben realen Schweiss geschwitzt und echtes Adrenalin ausgeschüttet hat, wer, nachdem er x-mal gefallen ist, zum Schluss doch über den Gegner triumphiert hat, der nennt diese Spiele Shooter. Sie sind ihm Herausforderung, die er gerne annimmt und mit Freude meistert.
Eine Faszination, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Und noch schwieriger nachvollziehbar für Nicht-spieler wie meinen Bekannten, der deshalb auch von Killergames spricht. Wie der Begriff schon erkennen lässt, verstehen sie diese Games in erster Linie als etwas Todernstes, bei dem der Akt des Tötens im Vordergrund steht. Also hat in ihren Augen jeder, der an solchen Games Gefallen findet, Freude am Töten. Wäre dem so, dann wäre mein Geisteszustand tatsächlich zu hinterfragen. Womöglich würde aus mir sogar ein Amokläufer. Schliesslich haben jene doch immer auch Killergames gespielt.
Doch obwohl Videospiele auf den ersten Blick realistisch aussehen und tönen, sind sie keine Simulatoren, in denen es darum geht, echtes Verhalten anzutrainieren. Wenn dem so wäre, dann wären die Strassen voll von Leuten, die Autos stehlen wie bei Grand Theft Auto, herumhüpfen wie Supermario oder mit Schwertern aufeinander losgehen wie in World of Warcraft. Allesamt Spiele, die sich anhaltend sehr gut verkaufen, mindestens so gut wie Shooter, in der Regel sogar besser. Aus der Korrelation zwischen Amokläufern und Shootern lässt sich denn auch weder ein Kausalzusammenhang («weil jemand Shooter spielt, wird er zum Amokläufer») noch eine Verallgemeinerung («wer Shooter spielt, ist potenzieller Amokläufer») ableiten.
Und zum Realismus sei gesagt: Ich bilde mir keine Sekunde ein, auch nur den Hauch einer Ahnung davon zu haben, wie es ist, wirklich auf jemanden zu schiessen, geschweige denn, wie es ist, selbst in einen Kugelhagel zu geraten und echter Todesangst ausgesetzt zu sein. Und ich schätze mich überglücklich, weder die eine noch die andere Situation je erlebt zu haben.
Mittlerweile ist meine Faszination für Shooter und andere Games übrigens verflogen. Das ist allerdings nicht das Resultat einer moralischen Einsicht, vielmehr ist mir heute meine Zeit zu knapp und zu schade, um sie vor der Spielkonsole zu verbringen. Ich bin ihr quasi entwachsen. Und wenn das nicht normal ist, was dann? (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.04.2010, 08:16 Uhr





