Was Ökonomen noch zu glauben ist

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 03.08.2009

Bild: Mike Kane / Cagle

Sogar die Königin war irritiert. Warum eigentlich niemand die Finanzkrise habe kommen sehen können, wollte Queen Elizabeth von den gelehrten Häuptern der London School of Economics vor einem Jahr wissen. Vergangene Woche haben sie ihr geantwortet und sich dabei gleich entschuldigt. Denn ihre Erklärung ist nicht wirklich überzeugend ausgefallen: Die Gefahr sei unerkannt geblieben, weil die «kollektive Vorstellungskraft von vielen gescheiten Leuten» versagt habe, liessen die Gelehrten die Queen nun wissen. Aha.

Selbst in normalen Zeiten haben die Ökonomen einen zweifelhaften Ruf. Ständig sind sie untereinander zerstritten – zwei Ökonomen haben drei Meinungen, heisst es – und sie haben Mühe, sich auf eine verbindliche Aussage festzulegen. Den amerikanische Ex-Präsident Eisenhower soll diese Zauderei so auf die Palme gebracht haben, dass er einst entnervt einen einarmigen Ökonomen gefordert haben soll; einen, der nicht permanent sagen konnte: «On the other hand. . .». (Auf Deutsch: «Andererseits. . .»)

Die Krise ist im Begriff, die Reputation der Ökonomen vollends zu zerstören. Sie haben sie nicht nur nicht erkannt, sie sind jetzt in ihrer Bekämpfung hoffnungslos zerstritten. Die Staaten haben wegen der Krise die grösste Verschuldungswelle in Friedenszeiten ausgelöst. Das wiederum führt dazu, dass viele Menschen nun fürchten, es werde über kurz oder lang wieder zu einer Inflation kommen. Von den Ökonomen erhalten sie auf diese Frage keine Antwort. Hingegen werden sie Zeugen eines wüsten Streites. «Die Vertreter der beiden Lager zögern nicht, sich gegenseitig Ignoranz und Arglist zu unterstellen», stellte Professor Paul der Grauwe kürzlich in der «Financial Times» fest. «So etwas habe ich noch nie erlebt.»

Tatsächlich sind die Ökonomen in der Beurteilung der Inflationsgefahr einmal mehr gespalten. Die Vertreter der «Die Inflation kommt wie das Amen in der Kirche»-These argumentieren dabei wie folgt: Wenn die jährliche Neuverschuldung von Staaten zehn Prozent des Bruttoinlandprodukts übersteigt – in den USA sind es derzeit zwölf Prozent –, dann werden diese Schulden bald «monetarisiert» werden. Will heissen: Um die Schulden zu begleichen, werden die Notenbanken bald willkürlich Geld drucken und damit das Geld entwerten.

Alles Unsinn, widersprechen die Vertreter des «Inflation ist bloss Panikmache»-Lagers. Sie haben nicht die Geldmenge der Notenbanken und die Schulden der Staaten im Auge, sondern die Arbeitslosigkeit und die Tatsache, dass die Wirtschaft weit davon entfernt ist, auf vollen Touren zu laufen. Die OECD hat dazu soeben Zahlen veröffentlicht. Der sogenannte «Output Gap», die Überkapazität einer Volkswirtschaft, wird auf rund fünf Prozent für die westlichen Industrienationen geschätzt, für Japan sind es gar mehr als sechs Prozent. Solange eine derart grosse Output-Lücke besteht, könne gar keine Inflation entstehen, argumentieren die Anti-Inflations-Vertreter. Wie sollen unter solchen Rahmenbedingungen Unternehmen höhere Preise durchsetzen können oder Arbeitnehmer höhere Löhne?

Beide Lager können ihre Thesen mit plausiblen Argumenten und tonnenweise Daten unterlegen. Das ist das Problem. Mit Tabellen und Formeln erweckt die Ökonomie den Anschein, eine präzise Wissenschaft zu sein. Die klassische Ökonomie geht zudem vom Homo oeconomicus aus, einem Menschen, der einzig nach rationalen Kriterien handelt und daher für effiziente Märkte sorgt. Beides ist in der Finanzkrise als Unsinn entlarvt worden. Die Menschen haben nicht vernünftig, sondern gierig gehandelt. Sie haben Produkte gekauft und verkauft, die sie nicht verstanden, und die Märkte waren nicht effizient, sondern sind kollabiert.

Angesichts dieser Zustände hat selbst Nobelpreisträger Paul Krugman erklärt, was die Ökonomie in den letzten 30 Jahren hervorgebracht habe, sei «im besten Fall nutzlos, im schlimmsten Fall schädlich». Das ist natürlich polemisch übertrieben. Die Ökonomie kann Phänomene erklären und Szenarien entwerfen, die Entwicklungen der Zukunft vorwegnehmen. Was sie nicht vermag, ist, die Volkswirtschaft in mathematische Formeln zu kleiden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.08.2009, 08:34 Uhr

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