Meinung
Wer glaubt Tiger die Sexsucht?
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 23.02.2010 8 Kommentare
Thomas Widmer.
Gestern sah man in so mancher Zeitung wieder sein zerknirschtes Gesicht. Tiger Woods, amerikanischer Golf- Superstar, des multiplen Betruges an seiner Gattin überführt, kommt nicht so schnell aus den Nachrichten – auch wenn er kürzlich seine Schuld bekannt und den Wunsch geäussert hat, der Sturm möge bitte abflauen.
Fast drei Monate dauert die Affäre bereits, sie geriet zum Fest für die Boulevardmedien. Immer neue Geliebte meldeten sich. Der vorläufig letzte Akt, Woods' öffentliche Selbstgeisselung gerade eben, löst zwei starke Empfindungen aus. Erstens: Dieser handzahme, defensive, um Gnade winselnde Tiger, jämmerlich! Und zweitens glaubt man dem Mann schlicht nicht die Tiefe seiner Reue. Es ist doch so: Da ist einer in eine Zwangslage geraten. Unter dem massiven Druck tut er, was er tun muss. Der Sünder macht auf Büsser.
45 Kliniktage für den Ablass
Will Woods nämlich wieder der Werbeträger sein, der er war, will er wieder Millionen scheffeln, so muss er sauber sein. Vom Genitalen gereinigt. Moralisch renoviert. Und irgendwie muss er dies, auch wenn Seelenzustände grundsätzlich unsichtbar sind, belegen können. Deshalb der wochenlange Aufenthalt in der Spezialklinik im Süden Mississippis, deshalb die therapeutischen Sitzungen, es macht das Bedauern sichtbar. Und messbar: 45 Tage hat Tiger Woods laut eigenen Worten in seinen Ablass investiert. Das dient als Beweis für seine guten Absichten.
Ende letzter Woche teilte Woods der Öffentlichkeit im Beisein seiner Mutter mit: «Ich habe gelernt, Hilfe für meine Probleme zu suchen.» Das Statement irritiert, gerade weil es so objektivierend vernünftig, so unglaublich unhormonell klingt. Soll man wirklich glauben, dass der Trieb in Zukunft unter Kontrolle ist? Und wäre das generell eine realistische Forderung? Man muss nicht gut oder normal finden, was Woods hinter dem Rücken seiner Ehefrau tat. Aber die Wahrheit ist wohl die, dass er weniger ein Problem hatte als vielmehr reichlich Gelegenheit. Leute seiner Prominenzklasse, der obersten, sind von unzähligen Frauen umschwärmt. Wenn einer sich in dieser Situation nicht bedient, ist das schon fast die Ausnahme.
Genau dies hat Woods im selben Auftritt festgehalten: «Ich dachte, dass ich es angesichts der harten Arbeit verdiene, all die Versuchungen um mich herum zu geniessen.» Da sagte einer nicht Nein. Man muss das, wie gesagt, nicht beschönigen, er hat Familie, er tat seiner Frau und seinen Kindern vermutlich sehr weh.
Selbstkritik und Heilung
Was aber letztlich irritiert, ist die folgende Selbstpathologisierung: Ein erwachsener Mann flüchtet in den Opferstatus. Tiger Woods hat sich in die Obhut der Psychologen und Psychiater begeben. Er hat sich als sexsüchtig deklariert. Er hat sich für krank erklären lassen – um wiederum die Heilung anpeilen zu können. So funktioniert die Therapiegesellschaft. Sie verheisst, dass der Mensch grenzenlos umbaubar und umformbar ist, dass er sich jederzeit ändern und neu werden kann. Unterzieht er sich dem Einsichts- und Selbstkritikritual, ist dies der erste Schritt zur Genesung.
Im Hinblick auf das Ziel, wieder lukrative Sponsorenverträge zu generieren, ist das zweifellos die richtige, die schlaue Strategie. Bloss, eben, man glaubt Woods die Sexsucht nicht wirklich. Und sein Bekenntnis auch nicht. Hätte es nicht auch etwas weniger Theatralik getan? Da ging ganz einfach einer notorisch fremd. Menschen, Männer sowieso, sind fehlerhafte Wesen, und es ist anzunehmen, dass in den meisten Fällen die Fehler schwer zu korrigieren sind. Vernünftig wäre, Tiger Woods nicht so hart zu verurteilen, wie es die amerikanische Öffentlichkeit in ihrem Moraldrang tat – und ihn somit auch nicht in eine Beichte zu manövrieren, deren Inhalt nur Heuchelei sein kann. Seine Gattin findet sich besser mit der charakterlichen Unzulänglichkeit ihres Gemahls ab und kontrolliert in Zukunft seinen Umgang und seine Termine ein bisschen genauer. Oder sie lässt sich scheiden. Von der totalen Läuterung des Tigers sollte sie nicht ausgehen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.02.2010, 06:44 Uhr
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Herr Meier, eine Frau, die nonstop mit zwei Kleinstkindern zu Hause sitzt, da ihr Mann dauernd auf Tour ist (und sogar die spärliche Freizeit noch für Huren aufwendet!) wird wohl kaum "nicht zu kurz kommen". Mr Woods ist ganz einfach ein erbärmlicher Fremdänger und zu feige, es zuzugeben. Antworten





