Meinung
Zweigeteilte Schweiz
Von Res Strehle. Aktualisiert am 30.11.2009 10 Kommentare
Res Strehle
Das Ja zum Minarettverbot in der Schweiz ist von grosser Tragweite. Nicht in erster Linie, weil Muslime ihre Gotteshäuser hier nun nicht mehr so bauen können, wie sie sich das vorstellen und wie es ihnen die Ausübung ihrer Kultusfreiheit erlauben müsste. Auch nicht, weil damit der Fehdehandschuh gegen die muslimische Minderheit in diesem Land geworfen wäre. Der Entscheid verbietet ihr nicht, ihrer Religion nachzuleben, er beschneidet sie einzig in der architektonischen Umsetzung ihrer Kultstätte.
Das Ja ist deshalb von grosser Tragweite, weil es zeigt, dass die Willensnation Schweiz am Ende des ersten Jahrzehnts im dritten Jahrtausend durch einen tiefen Graben zweigeteilt ist. Es ist nicht der Röstigraben, wie einzelne Kommentatoren am Sonntag meinten, weil die Westschweiz die Vorlage deutlich kritischer beurteilte. Es ist der Graben zwischen einer modernen, weltoffenen, internationalistischen Vision der Schweiz und einer traditionellen, nationalistischen Vision mit einer starken – auch religiösen – Leitkultur. Die Schweiz ist mit diesem Graben nicht allein, andere Länder wie die USA, auch Israel oder die Türkei, zeigen seit Jahren ganz ähnliche Fronten. Die beiden Lager sind nahezu gleich gross – je nach Stimmungslage und Aktualität kippt der Entscheid auf die eine oder andere Seite.
Feindbilder des Fremden
Es gab viele Faktoren, die dazu führten, dass der Entscheid beim Minarettverbot unerwartet deutlich ausfiel zugunsten der über die Jahrhunderte eingeübten, «sicheren», traditionalistischen Vision: Die Globalisierung hat uns die Finanzkrise beschert, damit verbunden die wachsende Arbeitslosigkeit. Sie hat zur grössten Einwanderung seit den 60er-Jahren geführt, damit verbunden die steigenden Mietpreise. Sie hat die Multikulturalität im Nebeneinander der verschiedensten Kulturen und Religionen verstärkt, damit verbunden das Infragestellen der eigenen Werte. Und sie hat Feindbilder im Umgang mit dem Fremden aufleben lassen, etwa die Vorstellung, Minarette seien raketenähnliche Vehikel der islamischen Weltherrschaft. Wenig erstaunlich ist das Nein in jenen Kantonen am deutlichsten, wo am wenigsten Muslime leben, deren Alltag dieses Feindbild auflöst. Das Unbehagen gegen eine intolerante Form des Islam, die es in der Schweiz nicht gibt, trifft nun ausgerechnet sie.
Es ist in der jüngeren Schweizer Geschichte nicht das erste Mal, dass das Stimmenverhältnis zwischen den zwei nahezu gleich starken Blöcken zugunsten des nationalistischen Lagers kippt. Ähnlich war es beim Nein zum Europäischen Wirtschaftsraum in den frühen 90er-Jahren. Ähnlich hat das nationalistische Lager auch die Kritik am Schutz der Steuerhinterziehung von Ausländern durch das Schweizer Bankgeheimnis jahrelang erfolgreich abgeblockt. Beide «Siege» dieses Lagers haben kein einziges Problem gelöst. Auf das EWR-Nein folgten das Swissair-Grounding und der vermeintlich erfolgreiche bilaterale Weg einer starken Schweiz als gleichberechtigter Partner auf Augenhöhe mit einem sich integrierenden Europa. Die nächsten Monate und Jahre werden die Grenzen dieses Wegs zeigen. Auf die verweigerte Kooperation im Falle von Steuerhinterziehung folgte ein international koordinierter Druck auf den Schweizer Finanzplatz, der das alte Geschäftsmodell innert weniger Monate hinwegfegte.
Auch das Minarettverbot wird kein einziges Problem klären. Nicht die Frage, wie viel Grenzöffnung und Einwanderung die Schweiz verträgt. Nicht die Frage, wie die Einwanderer aus anderen Kulturen integriert werden können. Nicht einmal jene, wie die verschiedenen Kulturen in der Schweiz friedlich und ohne Argwohn zusammenleben können. Im Gegenteil: Es wird die internationale Isolation der Schweiz selbst im westlichen Lager verstärken, da weder die EU noch die USA die Kultusfreiheit einer Religion derart einschränken. Und es wird die muslimische Bevölkerung zur Ausübung ihres Glaubens noch mehr in die Hinterhöfe verbannen als heute.
Frieden, auch der Religionsfrieden, ist keine Errungenschaft auf ewig. Er müsse immer wieder neu erkämpft werden, meinte Claudio Magris, der Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, kürzlich bei seiner Dankesrede. Auf diesem Weg ist das Ja zum Minarettverbot vom Wochenende ein herber Rückschlag. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 30.11.2009, 04:00 Uhr
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jahrzehnte lang war es ueblich gegen den westlichen imperalismus zu demonstrieren. nun gibt es eine klare meinung gegen den islamischen imperalismus ! die schweiz hat ihre kultur, die sollen sie auch schuetzen. und nicht warten bis sie unter schutz der unesco kommen. wer seiner meinung klaren ausdruck gegeben hat, soll sich nun nicht vor seinem eigenen schatten fuerchten. Antworten
Strehle vermischt in seinem Kommentar in kruder Weise verschiedenste Aspekte, um uns zu zeigen, wie schlecht die Schweiz in der Welt da. Machen wir uns nichts vor, für die Journalisten wie auch für die Politiker ist es gut, wenn sie hie und da einen Denkanstoss bekommen, der ihre selbstgerechte kleine Welt wieder mal durchschüttelt. Antworten





