Meinung

Zwischen Würde und Viagra

Von Oliver Meiler, Rom. Aktualisiert am 06.11.2010 1 Kommentar

Oliver Meiler

Umfrage

Teilen Sie die Meinung des Autoren?




In Italien ist in diesen bewegten Zeiten, da die Bettlaken des Ministerpräsidenten alles verhüllen, viel die Rede von Würde. Gemeint ist die Würde des Landes: der Stand und Rang der Nation. Unter den Italienern wächst die Sorge über die Figur, die ihr Land unter seinem prominentesten Vertreter im Ausland abgibt. Es ist eine berechtigte Sorge. Das Bild Italiens war zwar nie frei von trüben Stereotypen. So unselig trüb wie jetzt war es aber selten.

Als am letzten Wochenende eine eben erst volljährig gewordene Gespielin von Silvio Berlusconi mit manifesten Reizen und dem kitschigen Künstlernamen Ruby Rubacuori (Ruby Herzensbrecherin) die italienische Öffentlichkeit heimsuchte, schien es zunächst so, als kehrte nur eine alte Geschichte zurück – das Déjà-vu eines betagten Premiers mit der eingestandenen, ja stolz zur Schau getragenen Schwäche für junge, sehr junge Frauen und Liebesdienerinnen. Doch bald wurden Details der Geschichte bekannt, die nahelegen, dass sich da ein Regierungschef eines G-8-Staates so sehr vor den Aussagen eines damals noch minderjährigen Escortgirls fürchtete, dass er Ruby mit der ganzen Autorität seines Amtes und mit der Vortäuschung eines drohenden diplomatischen Streits aus der Obhut der Polizei presste, die sie wegen eines Diebstahls festgehalten hatte.

Eskorten für Escortgirls

Mit einiger Verwunderung erfahren die Italiener nun auch, dass Berlusconi die Carabinieri, die ihm als amtlich abbestellte Sicherheitsleute dienen, zu Chauffeuren von Prostituierten degradiert hat. Das gefällt diesen Männern nur mässig. Einige reden jetzt, manche quittieren gar den Dienst, in ihrer Würde getroffen. Auch Ruby Rubacuori alias Karima El-Mahroug wurde von den Eskorten des Premiers im Fond von Dienstautos mit verdunkelten Scheiben zu Berlusconi gefahren – zu Festen mit mysteriösen afrikanischen Namen. Eines der Mädchen erzählt, er habe ihr eine Statue vorgeführt, die ihn als Superman zeige.

Nun könnte man dieses viel zu lang geratende Fin de Règne, diese surreal anmutende Dekadenz zum Ende der Ära Berlusconi als Auswuchs einer Pathologie sehen, wie das seine Noch-Ehefrau Veronica Lario tat, als sie ihn unlängst verliess. Es gibt Theoretiker, die bei Silvio Berlusconi Symptome beobachten, die auch bei Tiger Woods diagnostiziert wurden, was Ersterer wohl als Kompliment erachtet. Oder man versucht sich nochmals an einer politischen, strategischen Erklärung des Phänomens. Dann könnte man zum Beispiel spekulieren, Berlusconi zelebriere mit seinem rudimentären Frauenbild und seiner Tabulosigkeit eine Art neues Heidentum. Er fordere damit die katholische Kirche heraus, die noch immer eine wichtige Rolle spielt im italienischen Gesellschaftsleben und nur deshalb nicht viel lauter gegen ihn protestiert, weil sie mit den Sitten selber einen Haufen Probleme hat.

Die Natur dieses Mannes

Aber wahrscheinlich ist die Theorie zu hoch gegriffen. Wahrscheinlich ist alles einfacher, simpler, gefangen in der Natur dieses Mannes. Früher lachten viele Italiener über Berlusconis krude Eingeständnisse, über seine Witze, Vulgaritäten und Sprüche. Je billiger die Witze, desto wirksamer: Sie stärkten sein Profil als Antipolitiker, machten ihn gemein mit dem Mann in der Bar Sport, dem italienischen Synonym zum Stammtisch. Er entdramatisierte so sein Amt, was nicht schadete. Doch er entweihte es auch, beraubte es seiner letzten Würde. Dreimal gaben ihm die Italiener in den letzten 16 Jahren die Chance, das Land zu regieren. Dreimal regierte er vor allem für sich und die Seinen, vermischte Privates und Öffentliches und lockte die hohe Politik des Landes ins Privé, um nicht zu sagen: ins Puff.

Heute lachen nicht mehr viele Italiener. Weil es nicht viel zu lachen gibt beim gebotenen Spektakel. Alte Witze werden nun mal stumpf, fördern am Ende nur Fremdscham für den Erzähler. Und ein Mass Mitgefühl für Italien, begraben unter den Bettlaken Berlusconis. Eine kleine Weile noch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.11.2010, 21:39 Uhr

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

1 Kommentar

Stuber Juerg

07.11.2010, 17:05 Uhr
Melden

Die Beiträge von Oliver Meiler haben wir schon sehr geschätzt als diese noch aus Singapur kamen. Dieser jedoch über den spät pubertären Berlusconi ist einmal mehr Spitze , wenn er nur recht hätte mit eine kleine Weile noch. Es wäre Italien wirklich zu gönnen. Antworten



bluebanana.ch