Meinung
Analyse: Der Milchpulverskandal
Von Henrik Bork. Aktualisiert am 22.09.2008
Kaum ist das olympische Feuer erloschen, macht China wieder mit einem Skandal auf sich aufmerksam. Die zeitliche Abfolge ist dabei kein Zufall. Seit Monaten waren Babys an vergiftetem Milchpulver erkrankt. Doch wegen der Olympischen Spiele wurde die Krise systematisch vertuscht. Die Kommunistische Partei hatte das Sportfest in Peking dermassen zu einem politischen Grossereignis hochstilisiert, dass es im ganzen Land niemand wagte, den nationalistischen Goldrausch mit schlechten Nachrichten zu unterbrechen.
Auch viele andere schlechte Nachrichten wurden während des Tanzes um die fünf Ringe unterdrückt. Das Thema Nahrungsmittelsicherheit aber war schon im Vorfeld der Olympischen Spiele besonders brisant gewesen. Schliesslich hatte es im Lauf der vergangenen Jahre immer wieder Hiobsbotschaften über den Zustand chinesischer Nahrungsmittel gegeben. Mal war das Schweinefleisch vergiftet, mal aus China nach Japan exportierte Maultaschen. So gross waren vor den Spielen die Sorgen um die Nahrungsmittelsicherheit der Athleten gewesen, dass China extreme Kontrollen für die Verpflegung im Olympiadorf einführte.
Skandal seit Anfang August bekannt
Man stelle sich vor, die Meldung über todbringende Milchprodukte wäre während der Spiele explodiert. Chinas Parteikader und Zensoren haben dies aktiv zu verhindern gewusst. Die Regierung in Peking hat inzwischen öffentlich eingestanden, dass einzelne Behörden seit Anfang August von dem Skandal wussten, ihn jedoch nicht weitergemeldet hatten.
Die Empörung über die bislang vier toten Säuglinge und das Erkranken von mehr als 6000 Kleinkindern ist nun universell. Da gibt es keine kulturellen Unterschiede. Jeder Mensch versteht, ob in China, den USA oder Europa, wie perfide es ist, aus Profitsucht die Jüngsten und Unschuldigsten zu vergiften. Gierige Bauern und Milchhändler haben mit Wasser gepanschte Milch mit der Chemikalie Melamin versetzt, um einen höheren Proteingehalt vorzutäuschen.
Grenzenlose Gier nach Reichtum
Die Frage, wie so ein abscheuliches Verhalten entstehen kann, führt zum Grundproblem der chinesischen Gegenwart. Es ist eine Gesellschaft, die ihren moralischen Kompass verloren hat. Eine grenzenlose Gier nach materiellem Reichtum hat sich breitgemacht. Es gibt nichts mehr, was in China nicht gefälscht würde, wie auch europäische Importeure oder Produzenten immer wieder lernen müssen. Es gibt nachgebaute BMW, nachgeschneiderte Armani-Anzüge, raubkopierte Hollywood-Filme, abgekupferte Puma-Schuhe. Wen wundert da noch, wenn aus so einem Land auch gefährliche Spielzeuge kommen oder giftiger Hustensaft.
Partei ist Teil des Problems
Auch mit Lebensmitteln wird in China so viel Schindluder getrieben: Die Aufzählung würde leicht eine ganze Zeitungsseite füllen. Antibabypillen werden in Fischteiche geworfen, damit die Fische schneller wachen. Das Vieh wird mit Hormonen vollgespritzt, das Gemüse in Pestiziden ertränkt. Zu viele Menschen dürften in China eine Abkürzung zum Reichwerden nehmen. Dass dabei nicht einmal vor dem Gefährden von Kleinkindern Halt gemacht wird, mag besonders wütend machen, ist aber innerhalb dieses Betrügerstaates nur logisch. Schon vor Jahren waren chinesische Babys an gestrecktem Milchpulver gestorben. Die jetzige Wiederholung beleuchtet auch die Unfähigkeit der kommunistischen Führung, mit den komplexen Anforderungen einer Konsumgesellschaft fertig zu werden.
Die Partei, die das Land immer noch wie eine Krake durchdringt, ist Teil des Problems. Leiter grosser Milchbetriebe sind Mitglieder der Kommunistischen Partei. Wer sich über sie beschweren will, landet beim Leiter irgendeiner Aufsichtsbehörde, ebenfalls Parteimitglied. Dessen Nichthandeln wird von Parteimitgliedern in den Medien und Gerichten gedeckt. Diese armen Babys sind nicht bloss an Melamin gestorben, sondern auch an einer Überdosis an chinesischem «Vitamin B» - mit «B» wie «Beziehungen».
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.09.2008, 06:39 Uhr


