Rohstoffe sind für Kongo zum Fluch geworden

Von Christine D'Anna-Huber, Bamako. Aktualisiert am 26.11.2008
Ethnische Spannungen waren die Ursache für die Konflikte im Ostkongo. Jetzt aber verhindert vor allem der lukrative Handel mit seinen Rohstoffen einen dauerhaften Frieden.
topelement Kongolesische Regierungstruppen mit Gefangenen im Norden von Goma.
Von den Flüchtlingslagern am Fusse der grünen Hügel im Osten des Kongo zu den eleganten Börsenquartieren westlicher Kapitalen ist der Weg weit. Doch seit in Nordkivu die Kämpfe zwischen Rebellenmilizen und Regierungssoldaten erneut aufgeflammt sind, sind die Preise für Zinn und Blei an den Rohstoffbörsen in die Höhe geschossen. Ein grosser Teil der Weltproduktion stammt aus dem Ostkongo. Das erklärt, warum die bewaffneten Gruppen, die dank dem illegalen Handel mit den Bodenschätze immer reicher und mächtiger werden, wenig Interesse an einer Lösung des Konflikts haben.

Voraussage hat sich bewahrheitet

Wie die Rohstoffe den Krieg im wilden Osten des Kongo alimentieren, ist gut dokumentiert. Bereits im Jahr 2002 beschuldigte ein Uno-Bericht die Armeen von sechs afrikanischen Staaten, sich im Windschatten des Bürgerkriegs illegal zu bereichern. Die Uno-Experten forderten damals Sanktionen gegen Militärführer, Politiker und internationale Unternehmen. Sie warfen zudem 85 multinationalen Konzernen vor, gegen die ethischen Richtlinien der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) für Konfliktgebiete zu verstossen. Und sie sagten wenig optimistisch voraus, dass die Plünderung des Ostkongo, diese «sich selbst finanzierende Kriegsökonomie, deren Mittelpunkt die Rohstoff sind», auch nach dem Abzug der fremden Armeen weitergehen werde.

Die Voraussage hat sich bewahrheitet, wie die Nichtregierungsorganisation Global Witness unlängst aufgezeigt hat. Der Kongo-Krieg ist seit 2003 beendet, doch die Region ist nicht zur Ruhe gekommen. Der Osten bleibt ein gesetz- und staatenloser Raum. Verschiedene Milizen, aber auch die regulären kongolesischen Streitkräfte haben sich die Kontrolle über die verschiedenen Minen erkämpft. Die Verteidigung dieser Abbaumonopole ist der eigentliche Daseinszweck der verschiedenen bewaffneten Gruppierungen geworden, auch wenn sie vordergründig politische Ziele verfolgen.

Und weil das Geschäft ungeheuer lukrativ ist, finden sich zahlreiche Komplizenschaften: Lokalnotabeln sind ebenso daran interessiert, ihren Anteil einzustreichen, wie Vertreter höchster staatlicher Instanzen, skrupellose Geschäftsleute oder benachbarte Staaten. So liegt es für François Grignon von der International Crisis Group auf der Hand, dass der aufständische Tutsi-General Laurent Nkunda von ruandischen Geschäftskreisen finanziert wird. Rohstoffe waren nicht Auslöser der beiden Kongo-Kriege, die im Osten des Landes zwischen 1996 und 2003 wüteten – doch nun verhindert der einträgliche Handel mit ihnen eine dauerhafte Befriedung der Region. Zinn zum Beispiel wird in der Provinz Nordkivu hauptsächlich in der Nähe der Ortschaft Walikale abgebaut. Die dortige Kasseritmine wird von der gefürchteten 85. Brigade der kongolesischen Streitkräfte FARDC (Forces armées de la République Démocratique du Congo) kontrolliert.

Sobald das Metall gewonnen ist, wird es zur Einnahmequelle: Abbau, Weitertransport und Verkauf können mit Taxen, Steuern und Schutzgebühren belegt werden, die Bevölkerung wird durch Waffengewalt zur Kooperation gezwungen, Zwischenhändler werden erpresst und schikaniert. Sobald das Zinn, per Lastwagen oder Flugzeug, nach Goma oder Bukavu gelangt, kaufen es dort sogenannte Comptoirs auf – Zwischenhändler, die den Export nach Ruanda, Burundi oder Uganda organisieren. Meist erfolgen diese Exporte illegal, denn bei einer legaler Ausfuhr kommen zu den verschiedenen «inoffiziellen» Taxen die Forderungen verschiedener Regierungsinstanzen dazu. Auf diese Weise entgehen dem kongolesischen Staat beträchtliche Einnahmen. Das nach dem Krieg in Kraft gesetzte neue Bergbaugesetz, welches dafür sorgen soll, dass die Ressourcen des Landes gerechter verteilt werden, bleibt im Ostkongo wirkungslos.

Beispielhafter US-Konzern

Der Ostkongo, wo die Mitgliedschaft in einer bewaffneten Gruppierung für junge Männer ohne Einkommen die einzige Karrieremöglichkeit darstellt, ist weit weg. Doch in jedem unserer Mobiltelefone und MP3-Player, jedem Computer und jeder Spielkonsole stecken Metalle, die aus den reichen Rohstoffvorkommen jener Region stammen könnten. Wo der Uno-Bericht noch Namen nannte und Sanktionen verlangte, begnügt sich Global Witness heute mit dem Vorwurf, dass internationale Unternehmen zu wenig darauf achteten, woher sie ihre Rohstoffe bezögen. Das hängt damit zusammen, dass die Handelsketten komplex und die Verantwortlichkeiten schwer nachzuweisen sind: Die meisten der von der Uno inkriminierten Unternehmen haben die Vorwürfe gegen sich zurückweisen können.

Global Witness versucht es deshalb andersherum und lobt das Beispiel des US-Konzerns Kemet, des weltweit grössten Herstellers von Tantal-Kondensatoren. Kemet verlangt heute von allen Zulieferern, die Herkunft ihrer Rohstoffe zu zertifizieren.

Quelle: Google Maps.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.11.2008, 22:13 Uhr

Hinweise auf Massaker im Kongo

Im Osten des Kongo gibt es nach den Worten von Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon alarmierende Anzeichen von gezielten Tötungen und möglicherweise Massakern an der Zivilbevölkerung. In einem Bericht an den Weltsicherheitsrat plädierte Ban am Mittwoch in New York deshalb dafür, die Uno-Friedenstruppe Monuc das ganze Jahr 2009 im Kongo zu belassen. Der Gefahr von Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit müsse entschlossen begegnet werden. Der von der Uno veröffentlichte Bericht machte sowohl die Regierungstruppen wie die Rebellenmilizen für die Menschenrechtsverletzungen verantwortlich.

Aus Angst vor Rebellen und Regierungstruppen leben nach Angaben der Uno zurzeit mehr als 200'000 Menschen im Busch. Seit September sind mindestens 100 Zivilisten getötet worden. (cda/Reuters)

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