Energie: Mit erhobenen Händen sendet Alexander "Sascha" Rasin die angeblich heilenden, energiegeladenen Strahlen.
Der Mann aus St. Petersburg «scannt» die Gruppe, wie er es nennt, indem er die rechte Handfläche hin und her bewegt, als wäre sie ein Radar. Manchmal stoppt die Hand, Rasin schaut eine ältere Dame oder einen jüngeren Herrn mit stechendem Blick an. Dann fährt er fort mit Bewegungen, als würde er eine Kristallkugel beschwören. «Ich spüre, dass Sie Probleme mit dem Bauch haben», sagt Rasin zu einer Frau in der ersten Reihe. Sie nickt beeindruckt, drückt ein «stimmt» hervor. «Aber die Ärzte wollen mir nie glauben, sie sagen, sie fänden nichts oder sprechen von einer anderen Ursache.»
Dann dreht sich Alexander Rasin um und verlangt von allen, es ihm gleichzutun. «Ich schicke jetzt Energie, die Ihnen im Rücken guttut.» Während die Energie fliesst, stehen die Leute lautlos im Raum. Nur das Ticken einer Uhr an der Wand ist zu hören. Mehrere Augenlider zucken – empfangen da einige tatsächlich etwas? Nach vielleicht einer Minute ist die erste Behandlung vorüber. Der Heiler fragt in die Runde: «Wer hat etwas gespürt?» Ein paar Hände werden in die Höhe gereckt. Ein Mann schildert ein wohliges Kribbeln, das von unten her in ihm hochstieg. Eine Frau schildert eine schmerzlindernde Wärme, eine Art Windhauch, nur leicht wahrnehmbar, aber klar vorhanden.
Eigenes Messgerät entwickelt
Rasin zeigt ein paar Grafiken, die belegen sollen, was er sagt: Weil der menschliche Körper zu 70 Prozent aus polymerer Wasserstruktur bestehe, lasse sich diese bioenergetisch beeinflussen. Und er selber habe diese Gabe, durch Konzentration Energie zu verschicken. Ein Messgerät macht diesen Effekt sichtbar. Rasin hat es selbst entwickelt. Niemand im Raum würde bezweifeln, dass er als Doktor der physikalischen Chemie und Ex-Mitarbeiter der militärischen Atomforschung in der ehemaligen Sowjetunion dazu in der Lage ist. Mittels Hirnstrommustern und Elektroenzephalogramm habe er den Beweis gefunden, dass etwas im Menschen passiert, wenn er sich auf ihn oder Körperteile von ihm konzentriere, sagt Rasin.
Angeblich belegen Aufnahmen mit einer Infrarotkamera, dass Organe, auf die sich Rasin während des Heilens konzentrierte, mit deutlich erhöhter Wärmeabstrahlung reagieren – hierzu zeigt er eine farbige Computertomografie-Darstellung. «Ich kann bei Krebs in den meisten Fällen nichts mehr machen, es gibt eine Grenze meiner Möglichkeiten.» Doch dann folgt die Geschichte von einem Mann im Appenzell mit Krebs im Zwölffingerdarm; diesen will Rasin geheilt haben. Ein Wunder eben.
Zwischen Wirklichkeit und Einbildung
Es scheint fast so, als wollten die Teilnehmer der Gruppenheilung solche Geschichten hören. Geschichten von einem Mann mit übersinnlichen, unerklärlichen, fast göttlichen Kräften. War es nicht Jesus von Nazareth, der Blinde wieder sehen und Gelähmte wieder gehen liess? Die Ärmel hochgekrempelt, steht Rasin da, die Arme beschwörend über dem Kopf, für einen ehemaligen Oberst der russischen Armee hat er eine etwas eingefallene Haltung.
Niemand stellt hier die Frage: Herr Rasin, sind Sie ein Scharlatan? Das Einzige, was die Besucher der Gruppenheilung wissen wollen: Wie machen Sie das? «Ich kann nur sagen, dass ich mir einen Menschen schemenhaft vorstelle und mich auf seinen Körper konzentriere. Dann erhalte ich Signale – aus dem Kiefer vielleicht, aus den Bronchien, dem Rücken, dem Bauch. Ich kann keine Diagnose erstellen und die wissenschaftliche Bezeichnung dazu ausspucken. Aber ich fühle, wo der Organismus in Unordnung geraten ist.» Alexander Rasin versteht seine Aufgabe als Heiler so, dass er versucht, die Ordnung im Körper wiederherzustellen.
Einige Besucher sind zum ersten Mal gekommen, andere sind Dauergäste in seinen «Heilungen». Jene, die immer wieder kommen, berichten von nachhaltiger Wirkung, Tage, Wochen nach der Heilung sei der positive Effekt noch zu spüren. Schlafprobleme, Schmerzen in den Beinen, das Ziehen im Bauch, Druck auf den Augen – alles plötzlich besser. Und Herr Rasin, nützt es wirklich oder hilft da die Kraft der Einbildung? Rasin sagt: «Etwas passiert wirklich, doch nicht jeder braucht die Energie in gleichem Masse. Für mich ist wichtig, dass der Patient sagt, es geht ihm besser.»
(Basler Zeitung)