«Kunst-Studentinnen wollen ins Porno-Business einsteigen, wir helfen ihnen»

Aktualisiert am 04.09.2009
Das Cabaret Voltaire dreht wieder auf: Kodirektor Philipp Meier zur geplanten Folter-Performance, zum Einstieg ins Porno-Business und zu seinen Jubiläumsplänen.
topelement Dürfte wieder zu reden geben: Philipp Meier, Ko-Chef des Dada-Hauses.
Herr Meier, nach dem deutlichen Ja zum Cabaret Voltaire hat Elmar Ledergerber versprochen, von nun an nehme das Dada-Haus mehr Rücksicht auf Empfindlichkeiten. Führen Sie eine Liste mit Tabus?
Nein. Ich sehe es umgekehrt, dass wir so weitermachen sollen wie bisher. Das Haus soll umstritten bleiben. Das sehe ich als Auftrag der Dadaisten an uns. Ich habe keine Angst, dass mir gekündigt wird, weil ich über die Stränge schlage. Ich frage mich eher, wann es Zeit wird, das Feld zu räumen für frische Kräfte. Aber Adrian Notz (der zweite Kodirektor) und ich haben gerade beschlossen, dass wir gerne bis 2016 bleiben würden.

Wieso bis 2016?
Weil dann Dada 100 Jahre alt wird. Ziel ist, dass wir bis dahin das ganze Haus mieten können und 30 Millionen Jahresbudget haben. Wir hätten dann finanziell einen Stellenwert wie das Schauspielhaus. Das Cabaret Voltaire ist auch ähnlich bekannt, wie das Schauspielhaus.

Ist es gerechtfertigt, die finanziellen Ansprüche an der Bekanntheit auszurichten?
Es ist ein Ansatz. Wir hätten jedenfalls die Möglichkeit, dass Dada von Zürich aus wieder die Welt erobert. Zürich würde wieder aufleben als dieser sprudelnde Ort, an dem Dada entstanden ist.

Je mehr Geld Sie haben, umso mehr müssen Sie sich anpassen. Sie haben sich ja bereits vor der Abstimmung etwas zurückgehalten.
Logisch. Ich habe auch schon Aktionen abgesagt, nicht oft, aber vor der Abstimmung ist es passiert. Ich würde in dem Moment aber aufhören, wo ich das Gefühl habe, eingeengt zu werden. An Subventionen interessiert uns, dass sie die Diskussion verstärken.

Nächstes Jahr könnten wieder welche anstehen. Der Gemeinderat wird darüber entscheiden, ob die Stadt weiter für die Miete aufkommt. Wie bereiten Sie sich vor?
Nicht gross. Wir planen bis 2016. Nach der Abstimmung glaube ich nicht, dass an der Zukunft des Cabaret Voltaire nochmals gerüttelt wird. Eher habe ich Angst, dass der Gemeinderat uns einfach durchwinkt, ohne Kontroverse.

Sie wurden kritisiert, das Haus pubertär zu führen. Ihr neues Programm wirkt auch nicht eben erwachsen. Sie wollen einen Staat gründen, eine Folter-Performance zeigen und ins Pornogeschäft einsteigen.
Ich finde «pubertär» keinen schlechten Begriff. Ich müsste jetzt der Frage nachgehen, ob man das den Dadaisten auch vorgeworfen hat. Ich könnte es mir gut vorstellen. Aber wir greifen auch wichtige Themen auf. Folter ist so ein Thema. Die westliche Gesellschaft hat angefangen Dinge zu tun, von denen man gedacht hat, sie passieren nicht mehr. Folter ist elegantisiert worden. Sie wird mit Marketing-Sprache beschrieben. Es geht um Effizienz.

Jetzt liefern Sie die Interpretation gleich mit. Ist das ein Resultat des Streites ums Dada-Haus, dass Sie schon im Voraus überlegen, was der Sinn hinter einer Provokation ist?
Ja, das mag sein. Wobei ich es auch negativ bewerte, wenn wir dieses Pubertär-Provokative abgelegt haben. Aber zum Beispiel die Pornogeschichte: Dort ist es schon gewagt, was wir als Erklärung abgeben. Da bestehen noch Chancen, dass uns das in eine Richtung entgleitet und wir es nicht mehr im Griff haben.

Was ist der Plan?
Wir werden ein Strip-Casting durchführen für eine Firma von ehemaligen ZHdK-Studentinnen, die ins Porno-Business einsteigen wollen. Wir helfen ihnen, zum Erfolg zu kommen. Dort haben wir uns lediglich Gedanken gemacht, warum es sein könnte, dass wir es machen. Eine Erklärung haben wir nicht.

Einige Ihrer Aktionen finden ausserhalb statt. Ihren Staat etwa werden Sie im Club Exil gründen. Haben Sie für ein Haus gekämpft, das Sie gar nicht brauchen?
Nein, das Haus ist wahnsinnig wichtig. Es ist der Dada-Geburtsort, es gibt den kunsthistorischen Nährboden dafür, die Stadt neu zu denken. Von hier aus wollen wir einen Aufbruch in der Kulturlandschaft bewirken. 2016, zum Jubiläum, soll ganz Zürich gepackt werden von Dada.

Sie bereiten sich schon jetzt auf dieses Jubiläum vor. Dabei gibt es nichts Biedereres als Jubiläen. Die Dada-Begründer würden sich im Grab umdrehen.
Es ist der Fluch und der Segen von Dada, dass man nicht wissen kann, was die Dadaisten dazu gesagt hätten. Nicht weil sie alle tot sind, sondern weil wohl jeder etwas anderes gesagt hätte. Es gibt auch Dadaisten, die sich im Grab umdrehen würden, wenn sie wüssten, dass Sophie Taeuber-Arp auf der 50er-Note abgedruckt ist. Natürlich könnten wir sagen: «Jetzt machen wir hier ein bisschen einen Gag und feiern 98 Jahre Dada.» Aber das wäre dann bieder - bieder dadaistisch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2009, 11:10 Uhr

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