Was man mit der Asche seiner Liebsten tun kann

Von Thomas Müller. Aktualisiert am 09.03.2009
Ein Sarg ist zwingend auf dem Friedhof zu vergraben. Für die Asche eines Verstorbenen bieten sich auch ein See, Wald oder ein Garten als letzte Ruhestätte an.
Als der «Cabaret Rotstift»-Gründer Werner von Aesch Ende 2008 verstarb, stand in seiner Todesanzeige, seine Asche werde «unserem Familienbaum übergeben». Die Asche des Kabarettisten wurde also von den Angehörigen in ein Loch zwischen den Wurzeln eines gemieteten Baums gestreut. Die Idee dahinter: Der Baum nimmt die Asche als Nährstoff auf und wird so zu einem Sinnbild für das Fortbestehen des Lebens.

«Der Wunsch nach Naturbestattungen nimmt im ganzen Land zu», stellt Rolf Lambrigger vom Schweizerischen Verband der Bestattungsdienste fest. Bruno Bekowies, stellvertretender Leiter des Bestattungs- und Friedhofamtes der Stadt Zürich, bestätigt: «Die Tendenz ist steigend. Heute finden knapp fünf Prozent aller Kremierten ihre letzte Ruhe nicht in einer Urne auf dem Friedhof.» Für Aschebeisetzungen ohne Urne habe die Stadt Zürich extra zwei Waldstücke bei den Friedhöfen Hönggerberg und Leimbach ausgeschieden.

Dass Urnen nicht auf einem Friedhof beigesetzt werden müssen, ist der schweizweit geltenden «Aschefreiheit» zu verdanken: Wer sich kremieren lassen will, kann frei wählen, was mit seiner Asche dereinst geschehen soll. Ganz anders, wer sich für eine Erdbestattung entscheidet: Hier gilt der sogenannte «Friedhofzwang». Das heisst, dass Erdbestattungen in der Schweiz ausserhalb von Friedhöfen verboten sind.

«Was nicht pietätlos ist, ist erlaubt»

Strengere Regeln gelten für gewerbsmässige Bestattungsunternehmen und Sterbehilfeorganisationen. Sie brauchen für Wald- oder Seebestattungen eine Bewilligung. Für Seebestattungen würden jedoch generell keine Bewilligungen erteilt, gab der Zürcher Regierungsrat Anfang Jahr bekannt, denn eine solche Nutzung von Gewässern sei «in keiner Weise vereinbar mit dem ästhetischen und sittlichen Empfinden der Bevölkerung». Im Visier der Regierung ist die Sterbehilfeorganisation Dignitas, die laut Medienberichten die Asche von 200 bis 300 Verstorbenen vom Ufer aus in den Zürichsee geschüttet haben soll. Falls dies zutrifft, droht Dignitas laut dem Regierungsrat eine Busse bis zu 50'000 Franken.

Ungemach droht auch dem Alpbestatter Dietmar Kapelle, der im Walliser Val d’Hérens Naturbestattungen vor allem für seine deutschen Landsleute durchführt. Denn die Stimmbürger des Kantons Wallis haben im November 2008 einer Revision des Gesundheitsgesetzes zugestimmt, wonach das gewerbsmässige Beisetzen und Verstreuen von Asche ausserhalb von Friedhöfen und von speziell bezeichneten Flächen ab Juli 2009 verboten ist. Nun verhandelt Kapelle mit der Gemeinde Vex darüber, ob sein Waldstück entsprechend ausgeschieden werden kann. Sorgen macht er sich aber keine: «Ich habe bereits Landangebote aus anderen Kantonen, die näher bei Deutschland liegen.» In Deutschland gilt auch für Urnen der Friedhofzwang.

Würden es die Landeskirchen begrüssen, wenn Urnen und Asche auch hierzulande nur auf Friedhöfen beigesetzt werden dürften? «Wir haben tatsächlich Vorbehalte gegenüber den neuen Bestattungsformen, weil sie zur Anonymisierung der Verstorbenen beitragen», sagt der Sprecher der Katholischen Kirche im Kanton Zürich, Aschi Rutz. Problematisch sei vor allem, wenn die Angehörigen keinen Gedenk-Ort hätten, weil die Asche irgendwo verstreut worden sei. Weniger kritisch äussert sich Simon Weber, Sprecher des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes: Wichtiger als der Ort der Bestattung seien der Trauergottesdienst und die Begleitung der Trauernden.

Die meisten lassen sich kremieren

Vor nicht allzu langer Zeit lehnten die Kirchen die Kremation noch ab. In Zürich wurde zwar schon im Jahr 1889 die erste Feuerbestattung durchgeführt, aber die katholische Kirche anerkannte diese Bestattungsform erst 1963. Heute wählen immer mehr Angehörige oder Verstorbene in ihrem letzten Willen die Kremation statt der Erdbestattung. In Zürich werden rund 85 Prozent aller Verstorbenen kremiert, schweizweit etwa 70 Prozent. Viele Gemeinden reagieren auf den neuen Trend. So hat Winterthur auf dem Friedhof Rosenberg Platz für über 300 Urnen-Baumgräber geschaffen. Und Oetwil am See will die anstehende Friedhofsanierung nutzen, um einen Friedwald zu schaffen.

Nicht mit einem Platz unter einem Baum zufrieden gab sich Scotty, der Bordingenieur des Raumschiffs Enterprise. Die Asche von Darsteller James Doohan wurde vor zwei Jahren ins All geschossen.

Naturbestattungen liegen im Trend, doch die Kirchen befürchten eine Anonymisierung der Toten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2009, 10:41 Uhr

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