So übte die Schweiz den Schweinegrippe-Ernstfall

Von Martina Frei. Aktualisiert am 27.04.2009
Die Behörden sagen, sie seien für eine Schweinegrippe-Pandemie gerüstet. Eine Journalistin des «Tages-Anzeiger» war dabei, als Bundesrat und Verwaltung den Ernstfall übten.
topelement Die neusten Zahlen zur Schweinegrippe. Mehr Bilder (30)
Durch eine Tür, sich registrieren lassen, Gepäck abgeben, am Metalldetektor vorbei und die Iris scannen. «98 Prozent Übereinstimmung» meldet das Gerät, als es meine Iris zum zweiten Mal fotografiert. Das genügt für den Eintritt in den geheimen Betonbunker. Durch Türen, über Treppen und durch Schleusen geht es hinunter, zwischendurch wieder Iris scannen und Geheimcode eingeben. Die Luft drückt schwer und feucht.

Hier sollen wir nun simulieren, was bei einer Grippeepidemie in der Schweiz passieren würde. Wirtschaftsvertreter, Kantonspolitiker, Parlamentarier, Medizinexperten, Virenspezialisten und andere Mitglieder des so genannten Kontaktstabs (K-Stab) wuseln durch die mit grünem oder blauem Plastik ausgelegten Gänge.

Die WHO will wissen: Welche Massnahmen plant die Schweiz?

Die Bundesverwaltung ist unter Stress. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Auskunft verlangt: In der Schweiz wurde ein bisher unbekanntes Grippevirus entdeckt, so die Annahme für das Spiel. Welche Massnahmen plant die Schweizer Regierung? Was für internationale Folgen könnte das Virus haben? Bis 16 Uhr will die WHO Antwort.

Die möglichen - von Fachleuten als realistisch eingestuften - Szenarien im Februar und März, mit Zehntausenden von Kranken und Toten, haben die Beteiligten bereits letzte Woche in gestellten Filmen zu sehen bekommen. Ihren Ausgang nahm die Epidemie wohl beim Ostschweizer Schweinezüchter Köbi Muster. Von dort verbreiten sich die Viren rasch über die Schweiz und ins Ausland.

Bundesamt warnt vor Pandemie

Kurz nach Mitternacht hat das Bundesamt für Gesundheit eine Pandemie-Warnung herausgegeben. Eine länderübergreifende Epidemie droht. Um 0700, wie es hier unten im Fachjargon heisst, also um punkt sieben Uhr, beraten sich der Bundespräsident und die Bundeskanzlerin. Das BAG ist der Meinung, der «point of no return» sei überschritten - es gibt kein Zurück mehr. Die Epidemie wird ihren Lauf nehmen. Jetzt ist höchstens noch möglich, sie zu verlangsamen. Ob sie so schwer wird wie die «Spanische Grippe», an der 1918/19 weltweit über 20 Millionen Menschen starben, ist ungewiss.

Um 0800 bespricht sich Bundesratssprecher Achille Casanova mit den Informationsverantwortlichen. «Das läuft bisher ein bisschen träge, man müsste da noch Feuer machen », so die erste Zwischenbilanz des Projektleiters der Übung, Laurent Carrel. Das lassen wir Journalisten uns nicht zweimal sagen. Wir greifen zu den Telefonhörern.

Die Informationsstellen werden bombardiert

Während Achille Casanova versucht, seine Sitzung abzuhalten, klingelt es unentwegt. Wir tun so, als hätten die Journalisten Wind bekommen. Mehrere Hundert Reporter aus aller Welt reisen an, verlangen Auskunft. «Hier ist Sutter vom ‹SonntagsBlick›. Es ist durchgesickert, dass die WHO wegen einer Epidemie Auskunft verlangt. Was wissen Sie?» Wir probieren es auf Englisch: «Hier Smith von der ‹Financial Times›. Es scheint, dass Sie in der Schweiz ein ernsthaftes Problem haben. Wir wüssten gern mehr darüber.»

Müssen nun alle Schweine geschlachtet werden, weil das Virus von dort stammt? Für wie viele Personen reicht der Bestand an antiviralen Medikamenten? Wer bekommt sie? Mit solchen Fragen bombardieren wir die Informationsbeauftragten. Rund 50 Telefongespräche in einer Stunde.

Die Bundesverwaltung kommt auf Touren

An den geregelten Ablauf der Sitzung der Informationsverantwortlichen mit Achille Casanova ist nicht mehr zu denken. Ständig läutet irgendwo ein Handy: «Wir stehen mit dem RTL-Fernsehteam an der Grenze. Hier am Grenzübergang herrscht das Chaos. Die deutschen Zöllner raten teils von der Einreise in die Schweiz ab», behaupten wir frech. «Was ist denn los in der Schweiz? Und wann und wo findet eine Pressekonferenz statt?» - «Ja was soll ich denn jetzt tun?», fragt eine Sekretärin hinter dem mit der Hand abgedeckten Hörer ihren Kollegen leicht verzweifelt, als wir sie zum x-ten Mal anrufen. «Ich bin doch gar nicht voll informiert, was läuft!»

Die Bundesverwaltung kommt auf Touren. Über die «Elektronische Lagedarstellung» (ELD) können alle Bundesämter auf dem Bildschirm verfolgen, was die anderen gerade machen. Um 10 Uhr findet eine Medienkonferenz statt.

«Schweinefleisch ist sicher»

Wie gefährlich das Virus sei, wisse man noch nicht, sagt BAG-Chef Thomas Zeltner. Aber ein Krisenstab sei eingerichtet worden, eine Hotline aufgeschaltet, Schweinefleisch sei sicher, Ärzte, Pflegepersonal und Polizisten bekommen die knappen Medikamente vorrangig. Dass sie nicht für alle reichen werden, ist allen klar. Gemeinsam mit der Firma Roche werden die Lagerbestände geprüft. Ob das World Economic Forum in Davos stattfinde, sei noch nicht entschieden. Man solle grössere Menschenansammlungen möglichst meiden, sich sonst aber benehmen wie sonst um diese Jahreszeit, rät Zeltner. Der Bundesrat werde um 1330 beraten, danach sei um 1600 wieder eine Medienkonferenz.

Über die Bildschirme flimmern ständig neue Meldungen zur «Lage Schweiz». Köbi Muster, der Bauer, von dem möglicherweise alles ausging, wird einvernommen. Das BAG informiert, welche Desinfektionsmittel gegen Grippeviren nützen. Während die Behörden fieberhaft abklären, wie viele Betten in Schweizer Spitälern verfügbar wären oder wie sie die völlig überlasteten Ärzte dazu bringen können, der Meldepflicht für Grippepatienten weiter nachzukommen, drangsaliert der K-Stab die Bundesverwaltung weiter. Ein Kreuzfahrtschiff mit Schweizer Touristen an Bord wird von Spanien in Quarantäne genommen - prompt steht es online im (fiktiven) «Blick». Ein ausländischer Virenexperte kritisiert die Schweiz - sofort berichtet der «Tages-Anzeiger» online davon. Mütter weigern sich, ihre Kinder weiterhin zur Schule zu schicken. Die Widersprüche häufen sich, und die K-Medien haken nach. K-Wirtschaft schlägt Alarm, weil die Versorgung mit Lebensmitteln gefährdet ist. Immer häufiger verweisen die Behörden auf die alles entscheidende Bundesratssitzung.

Endlich: Der Bundesrat tagt - vollzählig. Das gabs noch nie bei einer Übung, stellt Laurent Carrel befriedigt fest. Ein Bundesrat erscheint bereits mit Atemschutzmaske. 45 Minuten beraten die Räte. Die angekündigte Medienkonferenz findet dann nur noch fiktiv statt. «Jetzt geht es darum, das, was bei der Übung angedacht wurde, zu Ende zu führen», betont Carrel am Schluss um 1700. Wir passieren die Schranken, holen unsere Gepäckstücke. Endlich an der frischen Luft - mein Hals kratzt. Ich glaub, ich hab Fieber.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.04.2009, 23:15 Uhr

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Der Artikel ist unter dem Titel «Man müsste da noch Feuer machen» am 21. Januar 2005 im «Tages-Anzeiger» erschienen.

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