Ein Trainer und sein Team: Dani Ryser mit der U17.
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In keiner anderen Sportart sorgt eine Auswahl von Junioren für so viel Aufsehen wie im Fussball. Zumal im Schweizer Fussball das kryptische «U-17» mit einer historischen Marke behaftet ist: 2002 wurden Schweizer Spieler wie Philippe Senderos oder Tranquillo Barnetta Europameister in dieser Altersstufe. Sie sind heute feste Grössen in der Nationalmannschaft von Ottmar Hitzfeld und international etabliert.
2009 ist die Bühne deutlich grösser, und die Resultate sind noch eindrücklicher. Die Schweiz hat alle geschlagen, die sich ihr bisher in den Weg gestellt haben: Mexiko, Japan, Brasilien, Deutschland, Italien - die grössten Fussballnationen der Welt. Aus der Warte der kleinen Fussballschweiz fasziniert nichts so sehr wie ein Sieg gegen die grossen Nachbarn. Ein Sieg im Halbfinal von heute über Kolumbien brächte die Mannschaft zum ersten Mal überhaupt in einen WM-Final.
Einer für alle, alle für einen
Gegenüber den grossen Fussballländern hat die Schweiz den Nachteil, dass die Ressourcen nicht so unbegrenzt sind wie etwa in Deutschland oder Brasilien. Das stellte für den Schweizerischen Fussballverband 1993 den Hauptgrund für eine innovative Nachwuchsförderung dar.
Mittlerweile wird europaweit versucht, sie zu kopieren. Die geringe Einwohnerzahl hat aber auch Vorteile. Vor allem diesen: Eine Nationalmannschaft ist überall zuerst einmal ein höchst heterogenes Gebilde, und weil Brasilien Jahr für Jahr die Qual der Wahl aus Tausenden von Talenten hat, ist es einerseits logisch, dass viele durch den Raster fallen. Andererseits wächst nur mit viel Aufwand eine echte Mannschaft heran.
U-17-Nationaltrainer Dany Ryser übernahm diese Mannschaft im Sommer 2006 als U-15. Er kennt die Spieler wie Kamber, den heutigen Captain Frédéric Veseli oder das Sturmtalent Nassim Ben Khalifa seit über drei Jahren und spricht darum von einem «Prozess». «Diese lange Zeitspanne hat uns zusammengeschweisst», sagt Mittelfeldspieler Kamber, der aus dem Solothurnischen stammt und dem FC Basel angehört. Und: «Bei uns ist das Mannschaftsdenken darum vielleicht stärker ausgeprägt als bei anderen Teams.» Ryser sagt: «Individuell sind vielleicht nicht alle Spieler überragend, als Mannschaft holen sie aber das absolute Maximum heraus.» In den Worten von Torhüter Benjamin Siegrist heisst das: «Bei uns geht jeder für den anderen.»
Untypisch für die Fussballschweiz: «Coolness»
Auffallend für diese Mannschaft ist auch, dass sie sich von Rückschlägen nicht aus der Fassung bringen lässt. Sie wird in der Folge sogar stärker. Im Achtelfinal rang sie Deutschland nach Verlängerung nieder, obwohl sie zuvor zwei dumme Gegentore kassiert hatte und obschon Verteidiger Sead Hajrovic die rote Karte gesehen hatte. Im Viertelfinal gegen Italien wurde sogar Captain und Abwehrchef Frédéric Veseli des Feldes verwiesen, trotzdem hatten die «Azzurrini» kaum noch eine Ausgleichschance - die Schweiz gewann 2:1. «Eine solche Coolness zeichnet eine wirklich gute Mannschaft aus», glaubt Trainer Ryser. Trotzdem muss alles stimmen für einen Exploit wie diesen, heute im WM-Halbfinal gegen Kolumbien (16 Uhr/live ab bazonline.ch/Newsnetz) spielen zu dürfen. Und Ryser war es, der den Coup mit Akribie plante. Das ist für ihn kein Zufall, sondern die Folge der getätigten Vorarbeiten.
Während der Verband nach der Qualifikation an der EM in Deutschland im Mai mit den Vorbereitungen für die logistisch nicht einfache WM in Nigeria begann, setzte sich der 52-jährige Solothurner früh mit der Zusammensetzung seiner Mannschaft auseinander.
«Gewisse Rollen habe ich bewusst verteilt», verrät Ryser. Stammspieler wussten vor der WM, dass sie Stammspieler sein würden. Bankdrückern wurde nichts vorgemacht. Den Mannschaftsrat bilden Goalie Benjamin Siegrist, Verteidiger Veseli, Mittelfeldspieler Kofi Nimeley und Stürmer Matteo Tosetti. Dadurch sind nicht nur alle Linien vertreten, sondern auch alle drei Landesteile. Gleichzeitig steht der Spielerrat für die bunte Mischung der Mannschaft.
«Alles Schweizer»
Siegrist und Tosetti sind die Söhne zweier Schweizer, Veselis Eltern sind gebürtige Kosovaren, er selbst gebürtiger Lausanner, und die Wurzeln von Nimeley liegen in Ghana. Sie alle eint der Schweizer Pass. Sie alle sprechen akzentfrei eine der vier Schweizer Landessprachen - im Fall von Nimeley das Baslerdeutsch eines 17-Jährigen aus Muttenz. Die U-17 ist global, und sie erfährt darum in der Schweiz grosse Akzeptanz und Sympathie. Ihre Wurzeln reichen in zwölf Länder auf drei Kontinenten, sie ist ein Abbild der Gesellschaft hierzulande. Noch vor 20 Jahren hatte ein 17-Jähriger keine Secondos in seiner Fussballmannschaft, mit den Jahren ist die Zahl Schweizer mit ausländischen Eltern stetig gestiegen. Darum, sagt Janick Kamber, «ist es für uns Spieler ganz normal, an der Seite von Secondos zu spielen. Dabei betont er, «dass wir alles Schweizer sind».
Die Unterschiede zwischen Söhnen von Schweizern und Söhnen von Ausländern verwischten zunehmend, glaubt Kamber - vollends verschwunden seien sie wohl, «wenn wir später einmal Kinder haben, die Fussball spielen». Noch aber gibt es Differenzen, die vor allem in der Karriereplanung sichtbar sind. Das hat auch mit Geld zu tun. Der Vater von U-17-Stürmer Haris Seferovic, in den Achtzigerjahren Saisonnier in der Schweiz und finanziell nicht privilegiert, hat ein persönliches Interesse an einer Karriere seines Sohnes. Er pusht ihn entsprechend, forcierte 2007 den Wechsel von Luzern zu GC, der gemäss eigener Aussage zwar nicht das grosse Geld, aber die besseren Perspektiven brachte.
Kamber andererseits entschied aus innerer Überzeugung, dass er nach der obligatorischen Schulzeit eine KV-Lehre beginnen will. In dieser steckt er jetzt, und da er in Basel auf der Schwelle zum Fussballprofi ist, und sagt gleichwohl: «Ein Profivertrag ist mein Ziel, die Lehre steht hinten an.» Ins Ausland mochte er nach der EM im Mai trotzdem nicht, obwohl er Angebote hatte. Für ihn sei das noch zu früh, findet er - jemanden verurteilen, wenn der wie Goalie Siegrist schon mit 16 Jahren nach England wechselt, will er aber nicht. «Das muss jeder für sich entscheiden.»
Detaillierte Laufbahnplanung
Für den Basler wiederum war es vor knapp einem Jahr genau der richtige Moment, um bei Aston Villa in Birmingham zu unterschreiben. Seither trainiert er täglich mit dem Premier-League-Team und sass zweimal sogar als Ersatztorhüter auf der Bank.
Seit einigen Jahren bietet der Schweizerische Fussballverband seinen Talenten eine Laufbahnplanung an. Das wird rege genutzt, gerade von Eltern mit tieferem Bildungsgrad. Gedient ist beiden: den Spielern und dem Verband. Denn Ziel ist auch, Doppelbürgern die Vorzüge des Schweizer Teams gegenüber jenen des zweiten Heimatlandes aufzuzeigen. Aber Janick Kamber glaubt ohnehin, «dass keiner, der hier diese WM erlebt hat, noch wechseln wird».
(Tages-Anzeiger)