Die Kurskorrektur der Migros war längst fällig: «Es ist richtig, dass die Migros als grösster Werbeauftraggeber des Landes ihre Ausgabenstruktur unter die Lupe nimmt», findet etwa Jean-Etienne Aebi, einer der kreativen Köpfe hinter vielen Migros-Kampagnen in den vergangenen Jahren. Wie ihm ist auch anderen Branchenbeobachtern nicht entgangen, dass der Wildwuchs an verschiedenen Kampagnen auf den Konsumenten zuletzt nur noch beliebig wirkte.
Vermochte die Migros mit TV-Spots früher das Publikum zu begeistern, entlockt sie dem Betrachter heute allenfalls noch ein müdes Lächeln. «Der Cool-Faktor von früher ist längst verloren gegangen», registriert Werber und Marketingdozent Cary Steinmann. Er kritisiert: «Die Migros hätte tausend Argumente, um zu zeigen, wie gut sie ist. Nur kommen diese derzeit in der Werbung nicht zum Tragen».
Wofür steht die Migros eigentlich?
Doch nun soll alles anders werden: Vorläufig will der orange Riese nur noch Werbung zulassen, die sortiments- und umsatzwirksam ist, wie Urs-Peter Naef auf Anfrage erklärt. Dies könnte heissen: Mehr Preiskampf statt Volksverbundenheit. Mehr Promotionen statt klassische Werbung. Und schliesslich: Mehr Produktewerbung statt Imagewerbung.
Vor allem aber: Nach dem Wildwuchs in der Werbung will man wieder stärker auf Effizienz pochen. «Die Migros hat in den letzten Jahren ihre Werbeaktivitäten ständig ausgebaut. Das hat dazu geführt, dass wir heute zu viele Werbebotschaften vermitteln – dabei wurde verwässert, wofür die Migros eigentlich steht», räumt Naef ein.
Anschauungsunterricht erhalten die Marketingverantwortlichen der Migros bei Coop: Wie gute, wirksame Werbung im Detailhandel aussieht, macht der grösste Konkurrent derzeit vor: «Mit einem einheitlichen Auftritt und einer klaren Bildsprache ist der Basler Detailhandelskonzern derzeit deutlich besser positioniert als die Migros», urteilt Steinmann. Er ist überzeugt, dass Coop nicht zuletzt wegen seiner stringenten Werbestrategie gegenüber der Marktführerin Migros weiter Boden gut machen wird - sofern die Migros nicht bald zu einem klaren Werbekonzept zurückfindet.
( bazonline.ch/Newsnetz )
Die Werbung der Migros gehört zu den erfolgreichsten Kapitel der Schweizer Werbegeschichte. Über Jahrzehnte hinweg gelang es nämlich der Migros wie kaum einem anderen Unternehmen, sich mit einem durchdachten Werbekonzept die Popularität der breiten Bevölkerung zu sichern. Das Rezept hinter der Erfolgsgeschichte: Völlig untypisch für einen Detailhändler begann das Duttweiler-Unternehmen in den Achtziger Jahren nicht mehr den Preis oder das Produkt in den Mittelpunkt der Werbung zu stellen.
Stattdessen demonstrierte die Migros mit humorvollen Kurzgeschichten-Spots Volksverbundenheit – und punktete damit im grossen Stil. Die lustigen Spots sickerten ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung ein und trugen der Migros dutzendweise Preise an den internationalen Werbefestivals ein. In Konsumentenbefragungen lag die Migros in den 90er Jahren zumeist obenauf, bloss die Marke Swissair genoss noch höheres Ansehen. In den vergangenen Jahren gelang es der Migros hingegen nicht mehr an die Erfolge der Vergangenheit anzuknüpfen.