Das System richtet sich an mehrere Zielgruppen: Wer viel unterwegs ist, bekommt dank Earth Class Mail überall Zugriff auf seine Briefe. Wer Kleinunternehmer ist, braucht nicht mehr jeden Morgen zum Postfach zu pilgern. Und manches Unternehmen kann damit landes- oder gar europaweit Präsenz markieren, mit eigenen Adressen in verschiedensten Städten.
«Die Post des 21. Jahrhunderts»
Die Idee stammt Ron Wiener, einem Jungunternehmer in Seattle, und sie ist im Grunde ganz einfach: Die Briefe landen nicht mehr im Briefkasten, sondern in einem Scan-Zentrum. Dort wird der Umschlag eingelesen. Via Internet sieht der Kunde, was für ihn eingetroffen ist, und er kann per Mausklick entscheiden, was mit jedem Brief passieren soll: Öffnen und einscannen, so dass er den Brief gleich online lesen kann. Oder ungeöffnet auf dem klassischen Postweg weiterschicken. Oder zerstören. Oder zurücksenden.
Das Postgeheimnis bleibt also gewahrt, und überhaupt zielt das Angebot weniger auf die Privatbriefe von Normalbürgern. «Es ist ein Nischenprodukt», sagt Post-Sprecher Mariano Masserini. Wobei Ron Wiener hinter seiner Idee naturgemäss mehr sieht, nämlich «die Post des 21. Jahrhunderts» – ein Schritt, der ähnlich bedeutend werden könnte wie jener vom Festnetz zum Handy.
Heiri Müller, 228 Park Avenue, New York
Tatsächlich gibt es Parallelen: Auch beim Earth-Mail-System erreichen einen die Briefe überall auf der Welt, und man kann damit ein Leben lang dieselbe Adresse verwenden. In den USA hat Ron Wiener dafür auch schon feinste Adressen im Angebot – Park Avenue in New York, Santa Monica Boulevard in Hollywood, Market Street in San Francisco. Kostenpunkt solch eines Nobel-Postfachs: 24.95 Dollar pro Monat.
Sofern der Vertrag wie geplant unterschrieben wird, will die Schweizer Post das System nicht nur im Heimmarkt einführen, sondern auch in Deutschland, Österreich, Italien und Frankreich. Und nach der Pilotphase soll es in allen Ländern weitergehen, in denen die Post bereits präsent ist, etwa in Belgien, Grossbritannien, Dänemark, Hong Kong und Indien. Das neue Projekt ist Teil der Post-Strategie, sich in ausländischen Nischenmärkten festzusetzen. Jüngste Beispiele: Im Januar übernahm die Post einen Briefverarbeiter in Schweden, und im Juli kaufte sie einen Zeitschriften-Versender in Deutschland. Mittlerweile erzielt die Schweizer Post einen Fünftel ihrer Umsätze im Ausland.
( bazonline.ch/Newsnetz )