Mit dem Handy gegen den Speck

Von Norbert Raabe. Aktualisiert am 01.09.2008
Übergewichtige Jugendliche sollen dank eines neuen Konzepts Gewicht verlieren – mit Hilfe ihres Mobiltelefons, das Bewegungen erfasst und Warnmeldungen anzeigt.
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Um der Fettleibigkeit bei Kindern und Jugendlichen, die in Deutschland rasant steigt, zu begegnen, gehen Wissenschaftler neue Wege. Mehr als 80 Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren sind seit Mai dieses Jahres in einer Klinik in Heringsdorf auf der Insel Usedom in Behandlung. Neben geeigneter Ernährung sollen sie dort die Erfahrung machen, dass ihr Körpergewicht von ihrem eigenen Verhalten abhängt – mit dem Handy als zeitgemässes Hilfsmittel.

Mahnungen und Lob vom Mobiltelefon

Um Mobiltelefone für diesen Einsatz nutzbar zu machen, nutzten Forscher des Fraunhofer Instituts für Graphische Datenverarbeitung in Rostock (IGD) mit Unterstützung durch zwei Handyfabrikanten den internen Bewegungssensor eines Handys, das auf dem Markt erhältlich ist. Dank spezieller Algorithmen ist es in der Lage, zwischen Zuständen wie «Ruhe», «Laufen», «Hüpfen» oder «Radfahren» zu unterscheiden.

Falls ein Kind allzu lange träge war, meldet sich das Mobiltelefon am Abend mit der Aufforderung, sich noch zu bewegen – oder verteilt ein digitales Lob, wenn sein Besitzer besonders fleissig war. Zudem soll ein Rang in der «Aktivitäten-Bestenliste» zu mehr Einsatz motivieren.

Fotos von sämtlichen Mahlzeiten

Die Ernährung der übergewichtigen Kinder wird ebenfalls mit dem Handy kontrolliert, allerdings ohne technische Finessen: Alles, was sie essen, sollen die Kinder fotografieren. Sämtliche Aufnahmen werden an einen Ernährungsberater geschickt, der sie später gemeinsam mit dem Patienten auswertet.

Dass die Probanden, überwiegend weiblich, dabei Snacks wie Schokoriegel, Kartoffelchips oder zuckrige Milchshakes «unterschlagen», glaubt der technische Leiter des Projekts, Gerald Bieber vom IGD, nicht: «Die Mädchen sind hoch motiviert sehr ehrlich», sagt er. Und schliesslich schaffe das Fotografieren allein schon ein Bewusstsein für das Essverhalten.

Einsatz auch für andere Zwecke geplant

Mit Einsatz des Handys als ständigem Alltagsbegleiter hoffen die Initianten des Projekts vor allem darauf, bei den Betroffenen einen dauerhaften Erfolg zu erreichen. In Zukunft vielleicht auch bei anderen Erkrankungen wie Diabetes: Laut Gerald Bieber sollen Patienten ihre täglichen Bewegungen schon bald per Handy aufzeichnen können – als Grundlage zur Ermittlung des Insulinbedarfs, der entscheidend von der körperlichen Aktivität abhängt. Derzeit ist das Gerät allerdings noch in der medizinischen Testphase.

( bazonline.ch/Newsnetz )

Erstellt: 27.08.2008, 12:12 Uhr

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